Wo sind die Frauen?

Das Schweizer Popestablishment feiert sich am Freitag an den Swiss Music Awards selbst. Künstler und Künstlerinnen abseits des Mainstreams gehen dabei fast vergessen.

Milena Patagônia bastelt in ihrer Nische aufregende Mundart R-’n’-B-Songs. Foto: Marco Raho

Milena Patagônia bastelt in ihrer Nische aufregende Mundart R-’n’-B-Songs. Foto: Marco Raho

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Nun klatschen sie alle gegen die No-Billag-Initiative: Büne Huber, Sophie Hunger, Sandee oder das freigeistige Duo Eclecta – allesamt sehr schön gefilmt in kurzen Clips. So, als gäbe es keine Kluft, kein Unten und Oben im Schweizer Pop. Doch der Abstimmungskampf, der die Schweizer Popmusiker vereint, ist ja der Ausnahmezustand. Einer, der eher schlecht als recht davon ablenken kann, dass alles weit komplizierter ist. Zumal dann, wenn fast zeitgleich mit der Veröffentlichung dieser solidarischen Klatsch-Clips die Nominationen der Swiss Music Awards bekannt gegeben werden. Und die dann eben aufzeigen, dass es sehr wohl Gräben gibt – und eine Distanz zwischen den potenziellen Chartstürmern und einem fragmentierten Indiebereich liegt, die kaum zu überwinden ist.

«Dodoisierung» der Popmusik

Es ist natürlich wohlfeil, sich darüber zu enervieren, dass die Nominationen der Swiss Music Awards so ausgefallen sind, wie sie nun mal ausgefallen sind. Denn seit die Betonklotz-Trophäen vor elf Jahren zum ersten Mal vergeben worden sind, gelten sie als Preise der Major­labels, des hiesigen Popestablishments. Und sind weniger der Kunst als vielmehr dem Kommerz verpflichtet, weil die Nominationen zum grössten Teil von den Verkaufszahlen abhängig sind. Immerhin: Man kann an ihnen ablesen, wie der Mainstream klingt.

Dieser wird derzeit nun mal vom Strang der Heimwehsänger dominiert. Um Gölä etwa, der gleich zweimal nominiert ist. Um Trauffer, der an der Show auftreten wird und in seinem Song «Geissepeter» von einem Heidi singt, das selbst für den stinkenden Ziegenhirten ihre Zöpfli schüttelt und ihr Röckli lüpft. Ganz so, als gäbe es keine virulente #MeToo-Debatte. Auch die familienfreundlichen Sonnenschein-Rap-Entwürfe von Lo & Leduc oder Nemo sind nominiert – beide produziert vom Zürcher Dodo, weshalb auch schon das Wort von der «Dodoisierung des Schweizer Pop» seine Runden dreht. Aber auch alte Maschinen, die laufen und laufen, beispielsweise Züri West, deren letztjähriges «Love» das meistverkaufte Album einer Schweizer Band war.

Frauen? Sind abseits der Kategorie Best Female Solo Act und der Preise für den Best Act Romandie und Best International Act nicht vertreten. Immerhin tritt als schwacher Trost die 20-jährige Veronica Fusaro als Live-Act auf – nachdem im vergangenen Jahr keine einzige Frau auf der Bühne des Zürcher Hallenstadions hat singen dürfen.

Einzige Frau auf der Bühne der Swiss Music Awards: Veronica Fusaro

Nun sind wir glücklicherweise im Jahr 2018, in dem ein solch krasses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern nicht mehr unbemerkt bleibt. Selbst von den Organisatoren nicht, die unter dem Titel «Hat die Schweizer Popmusik ein Frauenproblem?» einen Diskussionsabend veranstalten, der unter einem schlechten Stern steht, seit Oliver Rosa, der Chef der Swiss Music Awards, in einem Interview mit der «annabelle» sagte: «Es wäre wünschenswert, dass wir mehr Frauen auf der Bühne haben, die Frage ist aber: Ist denn das auch gewünscht von Schweizer Musikerinnen?»

Die Antworten von den Künstlerinnen waren rasch da: Evelinn Trouble bezeichnete Rosas Aussage als «absolute Frechheit», es wurde von einem «rosaroten Käfig» gesprochen, in den die Frauen mit diesem Nebenevent gesteckt werden, und auch: Ob das Wort «Frauenproblem» nicht schon selber ein Problem sei – und man nicht besser von einem Gleichstellungsproblem reden müsste. So, wie das die Vertreterinnen des Vereins Helvetiarockt machen, indem sie Veranstaltern konstant auf die Finger klopfen, für mehr Künstlerinnen an Festivals lobbyieren und mit Workshops junge Frauen animieren, das Zepter selber in die Hand zu nehmen. Nicht nur auf den Bühnen, sondern auch im Hintergrund: bei Labels, in den Clubs, in den Studios, damit die Männerdominanz in der Musikindustrie durchbrochen wird. Oder zumindest kleiner wird.

Ab in die Nischen!

Denn es ist ja nicht so, dass es keine Entscheidungsträger mehr gibt, die entscheiden, was gehört wird. Klar, ist es dank der Digitalisierung viel billiger geworden, Musik zu produzieren. Doch damit die Songs dann auch wirklich wahrgenommen werden und es bis auf die offiziellen Playlists von Streaming­giganten wie Spotify schaffen, braucht es die Gunst von wenigen Gatekeepern und ungemein viel Glück.

So geht es heute im Ringen um Sichtbarkeit auch darum, neue, analoge Netzwerke zu entwickeln. So, wie es etwa das Luzerner Kollektiv Red Brick Chapel macht, das als Label und Freundeskreis funktioniert und für einen frohen popmusikalischen Abenteuergeist steht. Oder Festivals wie das derzeit stattfindende One of a Million in Baden, wo Schweizer Bands ganz selbstverständlich neben internationalen Acts programmiert werden – und befreundete Veranstalter aus dem ganzen Land als DJs auftreten. Oder all die Labels aus ­allen Genres – von Rap über Electronica bis zu Garagenrock – die in bewundernswerter Konstanz immer neue Musik veröffentlichen.

Auf Swissness pfeifen

Wenn die Mainstream-Warte also verlassen wird, dann ist die Schweizer Popmusik im Fluss. «Frauenprobleme»? Gibt es hier nicht. Vielmehr sind abseits der grossen Bühnen Künstlerinnen zu vernehmen, die die Popmusik weiterbringen: beispielsweise Milena Patagônia mit ihren Mundart-R-’n’-B-Songs, Melissa Kassab mit ihrem verwunschenen Folk oder freie Rockbands wie Zayk. Und viele mehr. Klar: Diese Musikerinnen spielen in Nischen, doch war Schweizer Musik nicht immer dann aufsehenerregend und gar exportfähig, wenn auf Konventionen und auf Swissness gepfiffen wurde oder dieser Heimwehzustand zumindest virtuos gespiegelt in der Musik auftaucht? Es sind Bands wie Kleenex, wie Yello, Celtic Frost, deren Bassist Martin Stricker von den Swiss Music Awards posthum mit einem Tribute Award geehrt wird. Oder wie der ebenfalls nominierte Basler Metal-Gospel-Bastard Zeal & Ardor, der im Sommer an den grossen europäischen Festivals auftreten wird.

Genau diese Beispiele sollte auch Musiker im Untergrund weiter anspornen, an ihren Nischen zu bauen, um so die Popoberschicht des Landes konstant herauszufordern. Oder gar selber in diese vorzurücken, wie dies im letzten Jahr die brillanten Majorlabeldebüts von Stereo Luchs oder Jeans for Jesus bewiesen.

Gleichzeitig ist es höchste Zeit, dass es für einen Anlass wie die Swiss Music Awards mit seinem repräsentativen Charakter zur Selbstverständlichkeit wird, auch kleineren Acts eine Plattform zu bieten. Schliesslich sitzen in der kleinen Schweiz eben doch alle Popmusiker im selben Boot.

Swiss Music Awards, 9. Februar, 20 Uhr, Hallenstadion, Zürich. Live auf SRF 2.

«Hat die Schweizer Popmusik ein Frauenproblem?» Diskussion und Konzerte, 07.02.2018 um 18 Uhr, Kosmos, Zürich. Livestream auf der SMA-Facebook-Seite. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2018, 19:11 Uhr

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