Vom Charme des Ungefähren

Auf «Heldelieder» demonstriert der Berner Musiker Trummer sein grosses Talent als Geschichtenerzähler. Manchen seiner filigranen Songgebilde pfropft er allerdings allerlei Überflüssiges auf.

Halb sehnsüchtig, halb verloren torkeln Trummers Gestalten durch immer neue Ungewissheiten.

Halb sehnsüchtig, halb verloren torkeln Trummers Gestalten durch immer neue Ungewissheiten. Bild: zvg

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Man bekommt sie sofort gern, die Mannschaft, die Trummer auf seinem neusten Album «Heldelieder» antreten lässt. Ganz unterschiedliche Figuren, die aber doch einige Gemeinsamkeiten haben – nicht nur als Gäste in Elenis Bar. Alle beissen sich mit ihren Ängsten und Geheimnissen durch einen mal mehr und mal weniger herben Alltag. Da ist Eleni, die junge Bosnierin, die es in der Schweiz zwar geschafft hat und eine eigene Bar führt, aber die Gespenster aus ihrer alten Heimat nicht los wird. Und hierzulande noch ein paar neue fürchtet, wenn sie nach der Arbeit ihrem Liebsten Chrigu vom Paar erzählt, das sich nichts mehr zu sagen hat. Es ist einer der schönsten Songs des neuen Albums, diese bettwarme, leise Liebeserklärung, mit der Trummer einmal mehr sein sicheres Gespür für dichte Momentaufnahmen demonstriert.

Auch das Paar, dem die Worte ausgegangen sind, kommt bei Trummer zu seinem Auftritt, so wie die Prostituierte, der Wirtschaftsflüchtling, der Anwalt oder der Arbeitslose. Und alle kommen sie nicht vom Fleck. Ein loses Geflecht wird in den 18 Songs sichtbar, die zum melodiösen Soundtrack eines ebenso anregenden wie stimmigen Films fürs Kopfkino werden und Trummers Reise und Erfahrungen der letzten zwei Jahre nachvollziehbar machen.

Weit herumgekommen ist der 35-jährige Singer-Songwriter aus Frutigen. Kenia, Ukraine, Polen, Tunesien hiessen unter anderen die Stationen einer Reise, auf der Trummers lang gehegter Traum von einer Storytelling-CD, also einem Album, auf dem die einzelnen Songs zusammen eine Geschichte erzählen, immer konkreter wurde.

Einschusslöcher und Irritation

Es ist die Story der kleinen, heimischen Welt, in der sich immer häufiger die Verwerfungen der grossen abzeichnen. Ein Thema so gross und so berührend, dass sich Trummer auch nicht auf die 18 Songs beschränkt: Die CD steckt in einem Buch, das der Zürcher Maler und Comic-Künstler Gefe mit einer Reihe Bildern illustriert hat. Allerlei persönliche Anmerkungen zu Stichwörtern hat Trummer dort noch notiert. Wenn er Häuserwände nach Einschusslöchern absucht und realisiert, wie schwer eine unvoreingenommene Wahrnehmung ist, und es einem noch schwerer fällt, irgendeine seiner Beobachtungen für gültig zu halten. Trummer skizziert im Buch weitere Szenen aus dem Leben seiner Alltagshelden – vom Küchentisch von Ruth und Fred, aus Ismaels verlorenem Traum oder Ludmillas hoch frequentiertem Bett. So wie die Songs sind auch diese Texte gelungene Miniaturen mit dem Charme des Ungefähren, wenn Trummer in seinen fein ziselierten Beobachtungen nicht alles ausformuliert. Dieses Beiläufige und Unaufgeregte passt denn auch am besten zu seinem Gesang, zu seiner eigentümlichen Betonung von Wörtern und Sätzen, dem sanften melodiösen An- und Abschwellen, das er so geschickt in die Songs flicht.

Für Irritation sorgt in diesem gelungenen Geschichtenreigen allerdings, dass Trummer eine paar Songs in der Ichform singt, die weit stärker wirken würden, wenn er der Erzähler bliebe. Zum Beispiel im Song «Lötschbergstrass», wo Lisbeth, Chrigus Grossmutter und Freds Mutter, am Grab Zwiesprache mit ihrem Werner hält. Da dauert es eine ganze Weile, bis die Geschichte in Fahrt kommt.Halb sehnsüchtig, halb verloren torkeln sie alle: diese Gestalten, denen Trummer nachhängt und sie immer wieder in neue Ungewissheiten aufbrechen lässt. Wie den Vater und den Sohn, die sich im «Selvelied» fast ein Leben lang verpassen. Ein Scheppern und Schlurfen leistet sich Trummer da, ein Stocken auch. Denn am überzeugendsten sind seine neuen Songs, wenn er auf Kargheit setzt, auf das verblichen Folkige der leicht schnoddrigen Maulgeigen, der verhaltenen Gitarren, der müden Orgeln.

Gospel und Büne Huber

Nur beschränkt sich Trummer nicht in allen Songs auf diese Qualitäten. Wie bereits auf seinem letzten Album «Fürne Königin» (2011) hat er manchmal auch einen Hang zum Opulenten und pfropft seinen filigranen Songgebilden allerlei Überflüssiges auf. Ein einheimisches Chörli und ein opernhafter Ausreisser hier, ein kenianischer Gospel oder ein Büne Huber dort, denn auch im Duett singt Trummer ganz gern.

Ziemlich prominent ist zudem Nadja Stollers Stimme auf dem ganzen Album. Die tönt zwar ganz hübsch, aber mit ihrer dominanten, fast grellen Klarheit will sie so gar nicht zu Trummers Herbstschwadenmelancholie passen, die so tröstlich durch jenes Jammertal weht, wo die Hornhaut dicker, die Träume kleiner und die Abgründe tiefer werden. (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2014, 08:14 Uhr

«Heldelieder»

«Heldelieder» (Endorphin) erscheint am 21. Februar. Am 1. März, 21 Uhr, tritt Trummer in der Dampfzentrale Bern auf.

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Halb sehnsüchtig, halb verloren torkeln Trummers Gestalten durch immer neue Ungewissheiten. Foto: zvg

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