Unheile Welt

Musik

Wenn der Alpsegen zum unheilschwangeren Klanginferno wird: Das Berner Duo Helios + Hess präsentiert auf 
seinem Album «Lump» eine ganz düstere Form von Swissness. Ein Hausbesuch.

Sie wuchten neue Klänge durch den Milchtrichter: Die Lärmkünstler Helios + Hess (v. l).

Sie wuchten neue Klänge durch den Milchtrichter: Die Lärmkünstler Helios + Hess (v. l).

(Bild: Manu Friederich)

Ane Hebeisen

Seit Gotthelf wissen wir, dass auf dem Lande Gottesfurcht und Niedertracht, Schönheit und Pestilenz gar nicht so weit weg voneinander hausen. Doch in der Kunst hat sich dies selten nieder­geschlagen. Abgebildet wird lieber eine heile Welt, die zum Erholen einlädt. Die Musik ist lüpfig und die Stubete gemüt­lich. Dem soll nun widersprochen werden. Und zwar nachdrücklich.

Die zwei, denen das ein Anliegen ist, nennen sich Helios + Hess, wohl­bekannt als Berns führende Bruitisten Mike Reber und Christoph Hess. Sie ­haben ein Album eingespielt, das fernab der üblichen Schweiz-Klischees ein Stück hiesigen Brauchtums vermitteln soll – und es ist nicht vermessen, zu sagen, dass ihnen der wohl finsterste Essay helvetischer Geschichts­ver­tonung gelungen ist.

«Lump» heisst das Tonerzeugnis, das in Form eines auf 302 Stück limitierten, handgebundenen und aufwendig gestalteten Buchs mitsamt dazu­gehöriger Münze und einem CD-Silberling erscheinen wird. Selbst das Schriftbild des Buchs wurde eigens für diesen Zweck erfunden. Und wenn die Finger der beiden Männer etwas lädiert anmuten, dann deshalb, weil sie teils eigenhändig in die Manufaktur des Albums eingegriffen haben. Die Münzen mussten in Säure eingelegt und poliert werden, damit sie angemessen bejahrt aussehen, ein Part, den die Musiker kurzerhand selber übernommen haben.

Kampf mit den Naturgewalten

Urig sehen sie aus, die beiden Mannen, wie sie mit ihren langen Bärten, den ernsten Gesichtern und den kahlen Köpfen am Küchentisch ihrer musikalischen Basis im Murifeld sitzen. Beide haben sie familiäre oder geografische Verstrickungen zum schweizerischen Landleben, das sie nie als gemütlich, stets aber als eindrücklich und geheimnisvoll empfunden haben.

Mike Reber, der sich neben seinen musikalischen Meriten auch als Schauspieler (Club 111) und Performance-Künstler hervorgetan hat, wuchs neben drei Bauernhöfen auf, wo er oft ausgeholfen hat: «Keiner der Bauern hat je gelacht, und die Knechte haben uns verprügelt, das war eine eher finstere Welt», sagt er und lächelt in seinen Bart.

Auch für Hess, dessen Grosseltern Bergbauern in der Innerschweiz waren, ist die Alpenwelt imposant, aber keinesfalls heil. «Wer in diesem Lebensraum arbeitet, empfindet diesen komplett anders als einer, der sich dort erholt oder mit einem Fallschirm von einer Felswand stürzt», sagt er. «Er erlebt ihn als einsam, geprägt von Existenzängsten, vom Kampf mit den Natur­gewalten und teilweise auch von Glauben und Aberglauben. Genau auf diese Aspekte haben wir auf diesem ­Album fokussiert.»

Die verklärte Form der Swissness, mit der sich derzeit viele Kulturschaffende unserer Volkskultur annähern, empfindet er als grotesk: «Wenn Bligg ein Alphorn auf die Bühne stellt und meint, damit ein adäquates Bild einer ländlichen Schweiz zu zeichnen, ist das nur lächerlich. Die oberflächliche Sicht eines Städters halt.»

Dementsprechend anders klingt ihr «Lump». Wie eine Mischung aus elektronischem Noise, Musique concrète und Schreckmümpfeli. Zwei Stücke enthält das Album. «Der Reisläufer» ist ein halbstündiges Klanginferno, das auf jene Schweizer Söldner verweist, die bis ins 17. Jahrhundert plündernd durch Europa zogen und Angst und Schrecken verbreiteten.

Unheilschwangere Atmosphären wechseln sich hier ab mit fast schon anmutigen Passagen und einem spät ins Geschehen eingreifenden, alles zer­hackenden Beat. Ein Tonereignis, das in emotionale Grenzbereiche vordringt, beängstigend, intensiv, verstörend und ganz, ganz weit weg vom Agrar-Pop ­eines Bligg.

Bebende Stimme

Der zweite Track des Albums muss heute geprobt werden, weshalb Hess und Helios den Chronisten ins Kellergeschoss der Basis bitten. Hier sind auf einem geräumigen Tisch diverse Kassettenabspielgerätschaften positioniert, circa 20 Meter Kabel verlegt, da steht viel Selbstgebasteltes, ein alter MS20-Synthesizer, Effektgeräte und ein präparierter Plattenspieler mit zwei Tonarmen, der über einen Schallplattenschoner hoppelt. Er ist die Rhythmusquelle dieser sorgfältig auf eine Kartontafel aufgeschriebenen Symphonie des Lärms. Das Thema hier ist der Alpsegen, dieses alte Rufgebet, mit dem in den Bergen das Böse gnädig ­gestimmt wird. Auch heute noch. Zwei Alp­segen sind vom Schauspieler Marcus Signer gelesen worden. Weil dieser nicht an der Plattentaufe anwesend sein kann, wird er über einen Tonträger eingespielt. «Ave Maria!» – seine Stimme bebt.

Spazierten zunächst noch fröhliche Katzen vor dem Kellerfenster des ­Gebäudes durch, sind im Garten bald keine Tierchen mehr zu sehen. Das Stück verdichtet sich, tiefe Bässe lassen die Kellerwände schlottern, Kühe muhen, Kung-Fu-Panda quietscht neben einem elektronisch verfremdeten Alphorn, die Mischpulte flackern rot, eine Trümpi-Maultrommel wird gezupft. Blitz und Donner im Murifeld. Es ist, als gerieten tausend Tonnen Alpenmassiv ins Rutschen, umso eindringlicher fällt Marcus Signers zweiter Alpsegen aus. Es hilft. Auf einmal ist es ruhig im Untergeschoss. Die Ruhe nach dem Sturm.

«So, hats gefallen?», fragt Mike Reber zum Schluss des halbstündigen ­Monumental-Ereignisses und krault sich neugierig den Bart. Der Chronist nickt und schluckt leer.

Helios + Hess: «Lump» (Everest Records). Live: Freitag, 3. Okt., Dachstock Reitschule.

Der Bund

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