Tontechniker arbeiten präzise wie Chirurgen

Wie laut ist das Schlagzeug? Und wo klingt die Gitarre besser, rechts oder links davon? «Geschmackssache», sagt Oli Bösch, der zu den besten Tontechnikern der Schweiz zählt.

«Wenn Leute nach einem Konzert sagen, es habe nicht weh getan, ist das schon ein Lob»: Oli Bösch im Regieraum des Berner Studios U3. (Franziska Scheidegger)

«Wenn Leute nach einem Konzert sagen, es habe nicht weh getan, ist das schon ein Lob»: Oli Bösch im Regieraum des Berner Studios U3. (Franziska Scheidegger)

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Weisser Sand, kristallklare Lagunen, palmengesäumte Strände. Genug geredet. Oli Bösch, ein schmaler Mann mit schalkhaften Augen, schnippt die Südseeidylle auf seinem Bildschirm mit einem Mausklick weg. Er will jetzt demonstrieren, wie die Arbeit aussieht, die einer wie er verrichtet, ein Tontechniker. Zack. Ein Schlag auf die Leertaste spielt den Song ab. Oli Bösch stützt sich auf sein Mischpult, verschiebt Klangregler, drückt Knöpfe, schaltet Lautsprecher ein und aus. Dann dreht er sich um: «Hörst du den Unterschied?» Oli Bösch hat diese Frage schon oft gestellt. Die Antwort war meistens Nein.

Der internationale Sound

Oli Bösch, 41, ist der wahrscheinlich beste Mischer und Tontechniker des Schweizer Popbetriebs. Das zeigt einerseits ein Blick in seine Kundenkartei: Da finden sich Namen wie Züri West, Lovebugs, Baschi, aber auch Lunik und Patent Ochsner. Das sagen andererseits fast alle, die hierzulande etwas von Musikproduktion verstehen. Er sei eine rare Ausnahme in diesem Land, er wisse wirklich, wie ein internationaler Sound hinzukriegen ist, heisst es. Er erfasse sofort, was wichtig ist in einem Song und was nicht. Oder: Er sei ungemein schnell und arbeite präzise wie ein Chirurg.

Aber eben, die grosse Mehrheit der Hörer kann einen edlen Sound nicht von einem dürftigen und eine hervorragende Produktion nicht von einer mittelmässigen unterscheiden. «Viele Leute denken bei einem schlecht klingenden Album, die CD sei kaputt», sagt Oli Bösch, während er sich wieder hinsetzt. Da stellt sich natürlich die Frage, wie das ist, Bester eines Fachs zu sein und fast niemand weiss es zu schätzen. Damit habe er kein Problem, sagt Bösch. Manchmal sei gute Qualität auch für Laien erkennbar. Etwa wenn an Festivals mehrere Bands spielen, jede gemischt vom eigenen Tontechniker. «Wenn Musik gut gemischt ist, kann sie einige Dezibel lauter sein, ohne dass die Schmerzgrenze erreicht wird.» Sein laut tut also nicht weh? Oli Bösch nickt. «Wenn die Leute nach einem Konzert zu mir kommen und sagen, es habe nicht weh getan, ist das in gewisser Weise schon ein Lob.»

Seit 20 Jahren arbeitet Oli Bösch als Tontechniker. Angefangen hat der gelernte Elektroniker als Konzertmischer bei der Berner Band Central Services. «Ohne grosses Vorwissen», wie Bösch sagt. Trotzdem, er habe sehr schnell viele gute Reaktionen erhalten. Und so habe er halt weitergemacht. Auch bei Züri West amtete er zunächst als Konzertmischer, bevor ihm 1999 das Abmischen der «Super 8»-Songs anvertraut wurde. Seither hat er immer genug Arbeit.

Gehirn oder Geschmack

So geht er täglich in sein Kellerstudio beim Bubenbergplatz, startet den Computer, spielt einen Song ab, hört zu und wartet, bis ihn irgendetwas anspricht. Eine Gitarrenmelodie, ein Beat, oder auch nur ein Geräusch. «Dann hole ich diese Etwas nach vorne. Und später montiere ich die restlichen Tonspuren darum herum.» Zum Beispiel gibt er dem Schlagzeug mehr Luft, ordnet die Gitarre eher links im Raum an und das Klavier rechts, oder gerade umgekehrt. Bis es stimmt. Oli Bösch zündet sich eine Zigarette an. Manchmal töne eine Gitarre rechts einfach viel besser als links, auch wenn es die identische Melodie ist. Warum? «Ich habe mal gelesen, dass das mit den Gehirnhälften zusammenhängt. Vielleicht ist es aber auch nur Geschmackssache.»

Dass er Konzerte abmischt, kommt nur noch selten vor. Vermissen tut er es aber nicht. «Auch wenn ein Gig nur kurz ist, ist man doch immer 14 Stunden auf den Beinen. Das geht nicht mehr so einfach wie früher.» Und selber auf der Bühne stehen? Oli Bösch überlegt. Er kenne viele berühmte Sänger. «Eine öffentliche Person zu sein, das wäre nichts für mich. Ausserdem bin ich zu schüchtern, um auf der Bühne zu stehen.»

Auf dem Bildschirm sind wieder Südseebilder erschienen. Oli Bösch klickt sie weg und fährt den Computer herunter. Genug gearbeitet für heute. (Der Bund)

Erstellt: 08.03.2010, 09:52 Uhr

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