«The Heavy Metal Jesus»

«God Rulz»: Im Downi Worblaufen veranstaltet Pfarrer Samuel Hug Metal-Gottesdienste. Ein Besuch beim Hirten und seinen schwarzen Langhaar-Schäfchen.

In diesem Gottesdienst wähnt man sich in einem ganz gewöhnlichen Metal-Konzert. Viele tragen Tattoos, das Haupthaar wallt, und getrunken wird Bier.

In diesem Gottesdienst wähnt man sich in einem ganz gewöhnlichen Metal-Konzert. Viele tragen Tattoos, das Haupthaar wallt, und getrunken wird Bier. Bild: zvg

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Hätte der liebe Gott ein Grammofon im Himmel stehen, welche Schallplatten würde er sich wohl anhören? Harfenmusik von Andreas Vollenweider? Schwer zu sagen. Da lässt sich der in diametral gegenüberliegenden Gefilden beheimatete Teufel einfacher einschätzen bezüglich musikalischer Präferenzen, wird er doch landläufig mit lauter Stromgitarrenmusik in Verbindung gebracht.

Wahrscheinlich läuft bei Satans also vor allem Black Metal, der sich inhaltlich nicht selten um den Pferdefüssigen höchstpersönlich dreht. Dass besagter Black Metal, diese brettharte Mischung aus Gitarrenriffs, Blast-Beats, Double Bass und knurrend-fauchendem Guttural-Gesang, aber nicht dem Teufel und dessen Anhängerschaft vorbehalten bleibt, dafür setzt sich Metal-Pfarrer Samuel Hug ein. Dieser veranstaltet im Club Downi in Worblaufen seit zwei Jahren alle drei Monate Metal-Gottesdienste, bei denen Bands auftreten, die Teufelsmusik mit christlichem Gedankengut verbinden, also sogenannten Unblack Metal produzieren.

Sonntagabend, 18 Uhr. Man wähnt sich im Downi Worblaufen in einem ganz normalen Club an einem ganz normalen Metal-Konzert. Der einzige optische Unterschied liegt darin, dass im Publikum ein paar wenige Farbtupfer auszumachen sind. Ansonsten aber lässt sich keine Divergenz zur gängigen Metal-Uniform feststellen. Viele tragen schwarze Bandshirts und Tattoos, das Haupthaar wallt, und getrunken wird Bier.

Geknurrte Nächstenliebe

Für die musikalische Erbauung während des Gottesdienstes ist die sogenannte Metal-Church-Band zuständig. Zum Einstieg in die Predigt stimmt der Frontmann dieser Band zuerst ein kurzes Gebet an, in dem er «dem lieben Papi» dankt, bevor die Kombo mit «I’m the Heavy Metal Jesus» in schönster Hardrock-Manier losbrettert. Die Texte der Songs werden dabei in Deutsch und Englisch auf eine Leinwand projiziert, damit alle mitsingen können. «Ich bin entschieden zu folgen» oder «God rulz» steht da beispielsweise, wobei es nicht einer gewissen Komik entbehrt, wenn Botschaften über Güte, Liebe und Gnade mit Doppelpauke und knurrendem Guttural-Gesang übermittelt werden. Es folgt die Predigt des evangelisch-reformierten Pfarrers Samuel Hug, eines 32-jährigen hochgewachsenen, schlanken Manns, der normalerweise in Wattenwil auf der Kanzel steht. Der Herr Metal-Pfarrer trägt genrekonform schwarze Hose, schwarzes Bandshirt und Nietenarmbänder, derweilen die schwarzen Schäfchen seinen Ausführungen auf dem Boden sitzend folgen. Das Thema von Hugs Predigt ist die Angst vor Fremdem, wobei dieser in seinen Ausführungen die Apostelgeschichte von Paulus und ein persönliches Erlebnis mit einem vermeintlichen Satanisten zur Illustration heranzieht.

Fazit der Predigt: Mit Gott im Herzen gebe es keinen Grund, Angst zu haben. Ganz im Gegenteil gelte es, ohne Vorbehalt und mit Interesse aufeinander zuzugehen. Genau das tut auch der Mann hinter der Bar, der Besitzer des Downi-Clubs, Sven Maibach, wenn auch ohne Gott im Herzen. Er sei vor 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten, erklärt Maibach lachend, aber er finde diese Metal-Gottesdienste eine interessante Sache. Und ausserdem trinke das Publikum ordentlich Bier und sei überdurchschnittlich freundlich.

Derweilen schmettert die Church-Band «Jesus, King of Kings» in den Raum, bevor Pfarrer Hug der Gemeinde den Schlusssegen erteilt und alle lautstark «Amen» brüllen.

Hüben wie drüben

Den musikalischen Abschluss dieses Metal-Church-Abends macht einerseits eine junge Metalcore-Band namens Frank Needs Help und andererseits die Thrash-Metaller Frea-Kings, wobei die Jugend vor der Bühne ordentlich schupst, tanzt und das Haupthaar rotieren lässt. Gegen eine untadelige Metal-Föhnung an einem heiligen Sonntag ist ja nun fürwahr nichts einzuwenden. Eine Instant-Erleuchtung wollte sich aber bei der Schreiberin nicht einstellen. Und ob da nun der Papi, Jesus oder der gehörnte Widersacher besungen werden, erscheint einem aus religionsneutraler Warte Hans was Heiri zu sein, denn bei Liedgut, das in Guttural-Gesang vorgetragen wird, versteht man die Texte beim besten Willen nicht. Weder hüben noch drüben. (Der Bund)

Erstellt: 27.05.2014, 13:23 Uhr

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