Suche nach dem guten Ton

Mit dem Netzwerk Norient fahndet der Journalist und Musikethnologe Thomas Burkhalter weltweit nach ungeläufiger Musik. Nun versucht er die Früchte seiner Forschung in einer multimedialen Performance an die Leute zu bringen.

Ausschnitt aus der Bildspur zur Performance: Collage von Michael Spahr.

Ausschnitt aus der Bildspur zur Performance: Collage von Michael Spahr.

Ane Hebeisen

Thomas Burkhalter, Sie sind der Gründer der Netzwerk-Plattform Norient. Da dies eine relativ ungeläufige Berufsgattung ist: Was tun Sie den lieben langen Tag?

Das Norient-Netzwerk wurde aus einer Unzufriedenheit darüber gegründet, wie die Berichterstattung über die sogenannte Weltmusik funktioniert. Ich war als Musikjournalist oft auf der ganzen Welt unterwegs und musste erfahren, dass es für Musik, die in unseren Breitengraden noch keine kommerzielle Verwertung gefunden hatte, kein Interesse gab. Da erwuchs die Idee, eine Plattform zu gründen, auf welche ich Texte über derartige Musik aufschalten konnte. Heute ist Norient eine Knowledge-Plattform, auf der man sich über neue musikalische Strömungen auf der ganzen Welt informieren kann. Es gibt einen Pool von 20 bis 30 Musikern, Journalisten oder Musikwissenschaftlern, die regelmässig über neue Trends in der Musikwelt berichten.

Wer nutzt norient.com?

Teilweise hatten wir über 300 Besucher pro Tag. Es gibt Anfragen von Veranstaltern oder von Journalisten – ich werde auch öfters eingeladen, Vorträge zu halten oder Nächte zu kuratieren. Irgendwann haben wir damit angefangen, das Wissen, das sich hier ansammelt, künstlerisch umzusetzen. Das hat mit DJ-Nächten begonnen, mit «Sonic Traces From the Arab World» haben wir nun eine Performance geschaffen, mit der wir versuchen, komplexe Phänomene auf eine emotionale, künstlerische Art zu vermitteln.

Wie kann man sich das vorstellen? Soll man die Tanzschuhe mitnehmen, Popcorn – oder eher die Lesebrille?

Als Besucher wird man wohl primär im Stuhl sitzen und die verschiedenen akustischen und visuellen Reize auf sich wirken lassen. Das Ganze ist akustisch vergleichbar mit einem komplexen Radio-Feature, es wird viel über die Musik und über die Geräusche erzählt. Auf der visuellen Ebene funktioniert das Ganze eher wie ein Hörfilm. Sowohl Ton- wie Bild-Spur werden live manipuliert.

Was hat sich letztlich an Musik angesammelt auf Ihren Forschungsreisen durch die arabische Welt?

Es gibt in dieser Performance einiges zu entdecken. Das Spektrum reicht von raren Schellack-Platten aus den 1920er-Jahren über frechen Psychedelik-Rock aus den 70s bis hin zu knalliger Synthesizer-Tanzmusik aus Syrien. Und nicht zu vergessen: Werbemusik aus der Zeit des Bürgerkriegs in Libanon, Barilla-Werbung, Snickers-Werbung, höchst kitschig, geschrieben von bekannten Komponisten, die während des Krieges ihr Geld auf diese Weise verdient haben.

Was treibt Sie an? Ein Jäger- und Sammler-Instinkt, ein Exotismus oder die Ambition, Sachen freizulegen, die vorher noch niemand entdeckt hat?

Schlicht die Suche nach guter Musik.

Ist die hiesige Popmusik denn so langweilig geworden, dass man sich auf beschwerliche Reisen begeben muss, um zu dieser guten Musik zu kommen?

Wer zum Beispiel an Rap interessiert ist, informiert sich heute eher nicht mehr über die Tageszeitung, sondern über Blogs und Spezialforen. Wir von Norient versuchen im Bereich der urbanen globalen Musik diese Art vertiefter Information zu bieten. Ich schreibe kaum Artikel, die ich nur im Internet recherchiere, sondern bereise lieber die jeweiligen Länder und betreibe quasi Forschung am Objekt. Zellen wie Norient sind die musikalischen Orientierungsmedien der Gegenwart. Es gibt einige solcher Blogs, die einen gehörigen Einfluss auf die Musikszene ausüben.

Die urbane Weltmusik ist derzeit im Trend. Kuduro wird in London entdeckt, Global Ghetto Tech boomt auf den Tanzböden der Welt. Auf der anderen Seite hat es die traditionelle Weltmusik schwerer denn je. Warum?

In den letzten drei Jahren haben sich diese Strömungen tatsächlich auseinanderbewegt. Bewegungen wie Asian Underground oder die türkischen Produktionen von Double Moon gehörten noch zur alten Schule, da wurden noch simple Beats mit Klischees aufgemotzt. Heutzutage gibt es Künstler wie M.I.A., Terry Lynn oder den somalischen Rapper K’naan, die sich von niemandem mehr vorschreiben lassen, wie sie ihre Heimatländer definieren sollen. Es sind Künstler, die das Chaos, die Schwierigkeiten und die Gegensätze des 21. Jahrhunderts erfahren haben und in heutige Musik umsetzen. Während die Weltmusik nach kulturellen Unterschieden suchte, sucht diese neue Bewegung eher nach kulturellen Gemeinsamkeiten, um vielleicht später die Unterschiede in den Gemeinsamkeiten zu finden.

Heute wird auf der ganzen Welt mit denselben Programmen, oft sogar mit denselben Sound-Bibliotheken Musik gemacht. Droht in unserer digitalisierten Welt nicht eine Nivellierung der Kulturen?

Es wird diese Entwicklung geben, aber es dürfte auch eine Gegenbewegung stattfinden. Die von Ihnen erwähnte Entwicklung findet vor allem im Dancefloor-Bereich statt. Kaum jemand arbeitet mit ungeraden Beats oder mit rhythmischen Konzepten der indischen oder arabischen Musik. Doch wenn man wirklich sucht, findet man eben auch das. Und genau hier setzt die Arbeit von Norient an. Wenn man in diesen spezialisierten Nischen sucht, findet man heute gar mehr musikalische Sprachen als je zuvor.

Norient hat 2009 den Kulturvermittlungspreis von Stadt und Kanton Bern eingeheimst. Wie wird die Preissumme angelegt?

Wir werden nun endlich Musik und Podcasts aufschalten und unsere ganze Seite neu gestalten können. Zudem wollen wir die lokalen Szenen stärker einbeziehen. Es ist nicht einfach, ein solches Netzwerk zu finanzieren. Sponsoren könnten die Unabhängigkeit gefährden, Einnahmen müssen aufs ganze Netzwerk verteilt werden. Da helfen solche Preise enorm.

Trailer der Performance:

Der Bund

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