«Spinnereien machen Spass»

Das Berner Label Everest Records wird 15. Was mit experimentellem Electro begann, ist heute musikalisch breit gefächert. Co-Labelgründer Matthias Hügli erklärt.

Erholung von den Strapazen des Musikgeschäfts: Die Everest-Gründer Hügli (abtreibend im Hintergrund) und Meienberg.

Erholung von den Strapazen des Musikgeschäfts: Die Everest-Gründer Hügli (abtreibend im Hintergrund) und Meienberg. Bild: zvg

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Zuerst dürfen Sie ein wenig jammern. Das tut jedes Label, das über eine Dekade im Geschäft ist.
Ach ja. Es ist schwierig (lacht). Unsere Verkäufe bewegen sich im homöopathischen Bereich. Doch wir kennen nichts anderes, da wir just nach dem grossen Einbruch in den Plattenhandel eingestiegen sind. Auch unser Leidensdruck ist wohl kleiner als bei anderen, weil wir dieses Label als Musikliebhaber für Musikliebhaber gegründet haben.

Da verklären Sie die eigene Geschichte. Everest Records wurde doch gegründet, weil Sie als Musiker kein Label für Ihre eigene Musik gefunden haben?
Das stimmt. Doch bald avancierten wir zum beliebten Sammelbecken für Künstler im experimentellen elektronischen Umfeld und konnten die Musik veröffentlichen, die uns am Herzen lag.

Früher haben sich Plattenbosse mit Visitenkärtchen im Hinterbühnenbereich angesagter Künstler getummelt und mit gut dotierten Verträgen gewedelt. Womit wedeln Sie, um die Musik auf Ihr Label zu holen?
Wir bezahlen keine Vorschüsse und wir können keine Produktionskosten übernehmen. Wir haben nichts, womit wir wedeln könnten. Aber wir haben ein gut gepflegtes Netzwerk. Wir sehen uns denn je länger, je mehr als administrative Hilfe, um einen Tonträger herzustellen und unter die Leute zu bringen.

Administrativer Helfer, das klingt ziemlich weit weg von romantischer Musikliebhaberei.
Das ist es nicht. Beim neuesten Werk der Gruppe Helios + Hess (siehe «Bund» von gestern) haben wir zum Beispiel mit der Band entschieden, einen unvernünftigen Aufwand in der Gestaltung zu betreiben, mitsamt Buch, Münze und Tonträger. Solche Spinnereien machen Spass.

Sie haben kein Geld, bedienen einen Nischenmarkt und sitzen in Bern. Was macht Sie beispielsweise für den englischen Rapper Babalon Anon interessant, der kürzlich eine grandiose EP bei Ihnen veröffentlicht hat?
Es ist wie bei fast all unseren Acts. Die Chemie hat gestimmt. Wir haben ihn über Bekannte kennen gelernt. Er ist ein cooler Typ. Wir mögen uns. Wir mögen seine Musik. Er war mittlerweile schon einmal hier in den Ferien. Solche persönlichen Dinge sind heute wichtiger geworden.

In den ersten zehn Jahren konnte man den Klang Ihres Labels mit experimenteller, düster-geräuschhafter Elektronik umschreiben. Seither wuchert Everest Records stilistisch lustvoll aus. Was steckt dahinter?
Es ist lustig. Uns ist das nicht so bewusst. Wir hatten das Gefühl, schon von Anfang an stilistisch breit aufgestellt gewesen zu sein. Unser Grundsatz war es stets, das zu tun, was uns Spass macht. Da unsere Hörgewohnheiten mit den Jahren vielgestaltiger wurden, hat sich das wohl auch auf unser Label ausgewirkt.

Nächstens wird das neue Album der Berner Afrobeat-Band Faranas bei Ihnen erscheinen, was dann aber definitiv weit weg von düsterer elektronischen Musik ist. Ist künftig alles möglich?
Auch hier war es neben der Begeisterung an der Musik der persönliche Aspekt, der uns dazu bewog, dieses Album zu veröffentlichen. Doch die afrikanische Musik ist nicht unser Spezialgebiet. Das Ganze macht nur Sinn, weil die Band eine Managerin hat, die europaweit beste Kontakt zur Szene pflegt.

Täuscht der Eindruck, dass Everest immer mehr zu einem Sammelbecken für die Berner Szene wird?
Nicht bewusst. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass die meisten Musikerfreunde auch in der Nähe wohnen.

Wo verkauft Everest am meisten?
Wir verkaufen international weit mehr als in der Schweiz. Aber am meisten wird an den Konzerten verkauft. Davon profitiert dann weniger das Label als die Band.

Welches sind die Top-5-Bestseller der letzten 15 Jahre?
Misel Quitno, ein Nebenprojekt von Dimlite. Dann der Plattentellermann Strotter Inst., das Berner Elektro-Duo Copy&Paste, Julian Sartorius mit seinen klingenden Tagebüchern und Rotterdam, ein Elektroakustik-Duo aus Wien.

Wie viel hat der Top-Flop des Labels verkauft?
Von einem Album haben wir tatsächlich nur 5 Exemplare verkauft. Ich nenne keine Namen. (Der Bund)

Erstellt: 02.10.2014, 10:39 Uhr

Weitere Infos

Wo: Dachstock Reitschule
Wann: Freitag, 3. Oktober, 
22 Uhr.
Homepage: www.dachstock.ch
Mit Chris Dubflow, Digitalis, Helios & Hess, Rotkeller und DJ LCP.

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