Sorgenkind entdeckt die Lockerheit

Kultur

Oft schon schrammte der Berner Sänger Saul de Angelis haarscharf am Erfolg vorbei. Jetzt, da er mit The Catamaran auf musikalische Rechtschaffenheit setzt, könnte es endlich klappen.

Kalkül war gestern: Saul De Angelis (3. v. l.) mit seiner neuen Truppe The Catamaran. (zvg)

Kalkül war gestern: Saul De Angelis (3. v. l.) mit seiner neuen Truppe The Catamaran. (zvg)

Ane Hebeisen

Die Angst war gross, dass es doch nicht mehr klappen könnte – mit dem längst erwarteten Paradewerk des Saul De Angelis. Zu oft gab es Komplikationen im künstlerischen Werdegang des heute 36-jährigen Berners mit italienischem Stammbaum.

Der Mann aus dem Berner Lorrainequartier gilt seit etwa zwei Jahrzehnten als einer der besten Sänger der Stadt. Aber eben auch als einer, der seine Ansprüche an das musikalische Endprodukt dermassen hoch geschraubt hat, dass sein Output in all den Jahren enttäuschend klein geblieben ist. Kommt hinzu, dass er zunächst das falsche Instrument spielt, um die Welteroberung erfolgreich anzugehen. Saul De Angelis verdingt sich seit Ende der Achtzigerjahre als Schlagzeuger in diversen Berner Gitarrenbands, wird irgendwann von Kollegen ans Frontmikrofon gedrängt, setzt sich ein Jahr lang nach New York ab, um seine Stimme zu schulen, gründet die wunderbaren Bands Drowning und Zines Bouquet, in denen er kontrollierte Wildheit mit zartbitterer Melancholie paart, doch zu einem Tonträger schaffen es beide Gruppen nicht.

Saul de Angelis war einer, den man immer dann in den vordersten Auditorium-Reihen antraf, wenn in den Achtzigerjahren laute Gitarren den Untergrund zum Zittern brachten. Etwas später dann dort, wo bärtige Mannen aus Seattle in der hiesigen Subkultur zu Gast waren und Schönheit mit Brachialität in Einklang brachten. Ein Grunge-Kind also. Das nächste Kapitel in der Vita des Berners hatte jedoch mit Grunge nur ganz am Rande zu tun. 2002 gründete er die Gruppe Secondo, ein Bund musizierender Italo-Schweizer, in welchem Saul De Angelis in seiner geliebten Zweitsprache singen durfte. Die Band verzettelte sich irgendwann im Grenzgebiet zwischen Italo-Pop und Indie-Rock und wurde derart von persönlichen Schicksalsschlägen gebeutelt, dass das Album, das fast ein halbes Jahrzehnt nach dem Aufmerksamkeits-Höhepunkt dann doch noch erschien, auch den Endpunkt der Band bedeutete.

Mehrfaches Aufhorchen

Auch das liegt schon wieder fünf Jahre zurück. Doch kurz bevor die Aktion Sorgenkind an seine Türe klopfte, scheint Saul De Angelis seine Form, seinen Ausdruck und seine Band doch noch gefunden zu haben. Sie nennt sich The Catamaran und hat eines der erquicklichsten Rock-Alben veröffentlicht, das in den letzten Jahren aus dieser Stadt in die weite Welt entlassen wurde.

Das in den höchsten Tönen lobenswerte Werk heisst «51¼», und macht von der ersten Sekunde an klar, dass es hier nicht um den schnellen Erfolg, sondern um die musikalische Rechtschaffenheit geht. Bereits das erste Stück erstreckt sich über sechseinhalb Minuten, vollführt neckische Wechselspiele zwischen melodiösem Segen und lärmenden Gitarren und scheut sich auch nicht, Platz für zwei eher experimentelle Saxofonsoli (Marc Stucki) auszusparen. Das zeugt von musikalischem Selbstbewusstsein und der Abwesenheit von anbiederndem Kalkül.

Raffiniert eingefädelte Songs

Und genau so geht es auf «51¼» auch weiter: The Catamaran, die ihr musikalisches Tun als «Ocean Inspired Stoner Blues Rock» deklarieren, finden stets den Dreh, auch komplexe Liedstrukturen zum Fliessen zu bringen und auch an Songs ohne offensichtlichen Refrain die nötigen Andockstellen anzubringen. Natürlich klingt da zuweilen etwas unverblümt an, dass in der musikalischen Sozialisierung dieser Fünferschaft Bands wie The Doors, Queens of the Stone Age oder Soundgarden eine charakterbildende Rolle gespielt haben. Doch die Lockerheit und die Geschmackssicherheit, mit der hier die Musikgeschichte neu arrangiert wird, lässt gleich mehrfach aufhorchen. Neben der aufreizenden und vielgestaltigen Stimme von Saul De Angelis, der für die Produktion auch gleich noch sämtliche Schlagzeugspuren eingespielt hat, sticht der Produzent und Gitarrist Philipp Jakob vorteilhaft aus dem Kollektiv heraus; er hat diese Songs dermassen raffiniert entwurmt und eingefädelt, dass nach jedem der elf Tracks die Neugier aufkeimt, was da wohl als Nächstes kommen möge.

Für The Catamaran müsste, falls die Musikwelt gerecht wäre, als Nächstes globale Aufmerksamkeit und Ruhm folgen, doch es macht leider den Anschein, dass in der Vermittlung der frohen Musikbotschaft noch nicht ganz so gewissenhaft gearbeitet wird wie in der Erschaffung derselben. Die Konzerte sind noch rar (siehe Kasten), die Promo läuft auf Sparflamme. Der Catamaran schaukelt im Startloch und nimmt Wind auf.

Der Bund

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