Sophie Hunger, die Zeitgenossin

Englisch, elektronisch, unberechenbar: Die Sängerin präsentiert auf ihrem sechsten Album «Molecules» ein neues Klangkonzept. Es kann sich hören lassen.

Das Leben hat Sophie Hunger viel Stoff zur poetischen und musikalischen Umsetzung geboten. Foto: Marikel Lahana

Das Leben hat Sophie Hunger viel Stoff zur poetischen und musikalischen Umsetzung geboten. Foto: Marikel Lahana

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Sophie Hunger ist in aufgeräumter Stimmung. Sie trägt einen Pullover, der mit allen erdenklichen Farben und Mustern um Aufmerksamkeit buhlt. Und lieber als über Liebe (verflossene) oder Musikpreise (eingeheimste) spricht sie über Modular-Synthesizer oder Molekularbiologie. Irgendwann kramt sie aus ihrer Handtasche ein Buch hervor, in welchem ein Forscher beweisen will, dass Jazz eine Metapher sei für die grundlegenden physikalischen Phänomene dieser Welt. Es scheint, als interessiere sich hier jemand gerade etwas mehr für die Theorie des Seins als für das schiere Leben. Dabei geht es auf ihrem staunenswerten neuen Album «Molecules» um beides. Um die Existenz und um die Dekonstruktion derselben.

Es ist etwas mehr als zehn Jahre her, als die schlaksige Frau die Bühnen der Welt bestieg, um dort einhelliges Erstaunen auszulösen. Die in Bern geborene Merkwürdige sollte bald aus der immer unübersichtlicheren Kolonne der Sängerinnen mit umgehängten Holzgitarren herausstechen. Weil da mehr zu hören war, als bloss schöne Melodien, die mit Referenzen an einschlägige Folkgrössen zu punkten trachteten. In den Liedern von Sophie Hunger rührte sich etwas. Es knirschte eine mulmige Unberechenbarkeit, und es wohnte eine meist friedliche, destruktive Energie in diesem Liedgut.

Sophie Hunger konnte während eines Liedes in erlösendes Gelächter oder in Tränen ausbrechen, vom Französisch ins Berndeutsche changieren; selbst ihre Musiker konnten das im Vorfeld kaum abschätzen. Da versuchte eine Künstlerin, ihre Lieder vor der Routine zu bewahren, indem sie ihre Musik jeden Abend mit den wechselnden Launen und Kaprizen ihres Wesens auflud. Bald war die halbe Welt hinter dieser musikalischen Sensation her. In Deutschland und Frankreich füllte sie die prächtigsten Säle, wurde als unberechenbares Element in Talkshows geladen, und sie wurde als erste Schweizerin fürs Glastonbury Festival – quasi das Woodstock Europas – engagiert. Hunger wurde mit Preisen überhäuft, was in der Schweiz zu einer irritierenden Neiddebatte führte, in die sich sogar ein erzürnter Polo Hofer einmischen sollte.

Der Schnitt kommt zur richtigen Zeit

Doch je grösser die Bühnen wurden, desto mehr legte Hungers fragile Musik an Muskeln zu. Muskeln, die ihr nicht immer gut standen. Auf das am heimischen Küchentisch eingespielte Debüt folgten zwei furiose und zuletzt zwei eher mittelprächtige Alben im Spannungsfeld zwischen Folk, Indie-Rock und zotteligem Balladentum. In der Szene tuschelte man bereits von einer leichten Formkrise. Das Interesse am Wunderkind der helvetischen Musik drohte zu welken.

So gesehen, ist das am Freitag erscheinende sechste Sophie-Hunger-Werk ein in allen Be­langen kniffliges Album. Ein Schnitt schien aus künstlerischer Warte notwendig. Und es erstaunt nicht, dass Sophie Hunger diesen radikal angesetzt hat – auch auf die Gefahr hin, dass ihr von einem erheblichen Teil ihrer Klientel Skepsis entgegenbranden könnte. Drei Hauptdogmen hat sie sich für die Einspielung auferlegt, weil sie sich gern musikalisch verzettle, wie sie selber sagt: Gesungen wird nur noch auf Englisch. Als musikalische Basis dient ein elektronischer Instrumentenpark. Maximal eine Aufnahmespur darf noch mit akustischer Gitarre belegt werden.

Die Erfinderin des multilingualen Folk-Pop gibt ihre Sprachenvielfalt auf.

Man könnte von einem fundamentalen Gesinnungswandel sprechen – von der Aufgabe gleich zweier Alleinstellungsmerkmale: Die Erfinderin des multilingualen Folk-Pop wechselt ins Lager der elektronischen Musik. Und sie gibt ihre Sprachenvielfalt auf, die sie besonders für den deutschen und den französischen Markt zusätzlich interessant gemacht hat.

Was einschneidend klingt, hört sich auf dem Album aber nur halb so wild an. Zwar verlustieren sich Sophie Hunger und ihr Produzent Dan Carey, der bereits für Kate Tempest, Bat for Lashes oder Bloc Party arbeitete, mit ­etwas in die Jahre gekommenen Modular-Synthesizern und Drum-Maschinen (einige von ihnen wurden im Schweizer Museum für elektronische Instrumente, Smem, in Freiburg aufgenommen). Doch sie tun dies auf derart songdienliche und musikalische Weise, dass ein höchst organisches Ganzes entstanden ist. Mitunter auch deshalb, weil mit Julian Sartorius zuweilen eben doch ein Schlagwerkkünstler im Studio zu Besuch war, der die programmierten Beats mit kleinsten perkussiven Interventionen mit Leben anzureichern verstand.

Trump, Berlin und eine enttäuschte Liebe

Wie üblich hat Sophie Hunger nur wenige Songs im Angebot, nach denen man sich bereits beim ersten Kontakt umdreht. Es sind komplexe, vielschichtige Lieder, die nicht gefallen wollen, sondern mit inneren Werten betören. Nach Folk klingt das immer noch. Nach krautrockiger Vintage-Elektronik stellenweise. Nach Dream-Pop manchmal auch. Doch alles in allem hat ­Sophie Hunger in diesem Setting zu einem ganz und gar eigenen Ausdruck gefunden. Hinüber­gerettet ins neue Klangkonzept hat sie ihren Spleen, komplexe und denkende Popmusik zu ­verfertigen. Und so klingt das Endergebnis immer noch nach Sophie Hunger, bloss nach einer etwas zeitgenössischeren und gradlinigeren.

Das Leben hat ihr einiges an Stoff zur poetischen und musikalischen Verwertung geboten: eine enttäuschte Liebe war im Angebot, ein Umzug nach Berlin, wo sie mit der lokalen Club­szene in Berührung kam, Trump natürlich und diverse andere politische Verwerfungen. Ihre Sprache ist direkter geworden. Im beifallswürdigen «Let It Come Down» begräbt sie nicht nur die Auswüchse des Kapitalismus, sondern mit ihnen auch gleich dessen Segnungen und die damit verbundenen Träume. Im frostigen «There Is Still Pain Left» macht sie sich an die Auswertung der Trennungsschmerzen, während sie in «She Makes President» eine moderne Frau porträtiert, die sich vornimmt, Präsidentin zu werden – geschrieben unter dem Eindruck der letzten US-Wahlen. Doch es gibt auch Amüsierstoff: Im apart groovenden «I Opened a Bar» zerpflückt sie die fixe Idee des modernen Menschen, die ­Eröffnung einer eigenen Bar könne das Heil für ein verkorkstes Leben sein.

Sophie Hunger hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Konstruktivismus auseinandergesetzt, der sowohl in der Kunst wie in der Philosophie dem Sehnen entsprungen ist, eigene Realitäten und Dimensionen zu erschaffen. «Vielleicht muss die Welt auf ihre Moleküle reduziert werden, damit etwas Neues entsteht», sagt sie, «auf die kleinsten Teile, die man nicht erfinden und zerstören kann.»

Mit «Molecules» ist ihr das Kunststück gelungen, für sich eine neue Welt zu konstruieren, ohne ihr bisheriges Tun zu negieren. Es ist ihr bisher stimmigstes Album. Ein popmusikalisches Bravourstück.

Sophie Hunger: Molecules (Caroline/Universal). Erscheint am 31.8. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 14:00 Uhr

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