Schweden-Pop am Thunersee

Mit dem Musical «Mamma Mia!» lösen die Thunerseespiele glanzvoll ein, was sie versprechen: Glitzer, Gefühle und eine helvetisierte Wiederverwertung der Marke Abba.

Viel Glitter und ein bisweilen etwas unfokusiertes Wimmelbild vor dem Alpenpanorama. Foto: Foto4you.biz

Viel Glitter und ein bisweilen etwas unfokusiertes Wimmelbild vor dem Alpenpanorama. Foto: Foto4you.biz

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Glitzer überträgt sich beim geringsten Kontakt nachhaltig auf das Gegenüber. Aber die Berührung will erst einmal stattfinden. Auf der Thuner Seebühne dauert es nicht lange, bis es gelingt, denn die teure Umsetzung ist gelungen und der Flitter dick aufgetragen: Das erfolgreiche Jukebox-Musical «Mamma Mia!» ist erstmals unter freiem Himmel und auf Mundart konsumierbar. Es ist eine Abba-Kompilation mit aufgestülpter Handlung, ein Dauerbrenner seit bald 20 Jahren im West End sowie am Broadway.

Catherine Johnsons Libretto wurde unter gleichem Namen verfilmt und in verschiedensten Ländern in der jeweiligen Sprache adaptiert, stets getreu der Vorlage und unter Kontrolle der zuständigen Londoner Agentur. Neu haben Regisseur Dominik Flaschka und sein Team erkämpft, dass es im natürlichen Licht beginnen darf. So entsteht vor dem See- und Alpenpanorama zunächst ein seltsam unfokussiertes Wimmelbild, wenn die ungefähr 50 Darstellerinnen und Darsteller das gesamte Blickfeld bespielen.

Sinnfreie Platin-Schweden

Strandtouristen und Partygäste finden sich ein und überqueren das Wasser zwischen den drei Bühnenteilen auf Holzstegen. Ein letzter von ihnen soll das Publikum fotografieren, winkt aber beim offenbar ungeeigneten Sujet leicht angewidert ab. Diese Zuschauer aber lassen sich mit dem ersten Ton besänftigen, denn sie kamen zusammen, um die Songs der Platin-Schweden zu hören. Und zwar helvetisiert von Flaschka, Roman Riklin und mit spürbarer Berndeutsch-Supervision von Ben Vatter. Die Eingriffe wirken mal unscheinbar («Gimer, gimer, gimer»), mal stimmig («So wi Sand dür d Finger» statt «Slipping Through My Fingers»), oft übertreffen sie aber das Original punkto Sinnfreiheit («Der Gwinner isch der Star» oder «Du bisch du, ich bin ich, das ischs bescht au für dich»).

Unter Iwan Wassilevskis musikalischer Leitung sorgen 14 Musiker dafür, dass die Arrangements exakt und leichtfüssig über zwei Stunden den Abba-Glanz transportieren und dabei dynamischen Raum für den Chor und die Solisten öffnen. «I ha ne Troum» singt Judith von Orelli, sie will endlich ihren Vater kennen lernen und möchte, dass er sie an ihrer Hochzeit zum Altar geleitet. Die drei infrage kommenden Herren lädt sie heimlich zur Hochzeit auf die griechische Insel ein, wo sich die Liebschaften mit der Mutter Donna zutrugen, die seither dort eigenständig eine Taverne führt. Als familientraumatisierter Sämi spricht und singt Matthias Arn Zürcher Dialekt, während Nathanael Schaer als klischierter Businessman Harry den Sankt Galler gibt. Richtig glücklich mit Dialekt und Rolle wirkt aber nur Eric Hättenschwiler als Bündner Weltenbummler Bill Bardill.

Bikini-Ensemble

Auch Donna (treffend besetzt mit Monica Quinter) und ihre Tochter bekommen je zwei Freundinnen an ihre Seite gestellt, doch die Harmonie, die diese Figurensymmetrie aus drei Dreier­gespannen suggeriert, ist während der Inselparty dauergefährdet. Etwa durch eine Junggesellenschar, die mit dem Verlobten Sky (Angelo ­Canonico) schon am Polterabend über die Stränge schlägt, zur Ausnüchterung kollektiv in den Thunersee springt oder später mit Schwimmflossen einen tapsigen Reigen tanzt.

Überhaupt sind die Choreografien von Jonathan Huor durchwegs fein ausgearbeitet, detailliert und witzig. Das ­Bikini-Ensemble spielt im ­Hintergrund Karten, tauscht ­Sonnencreme aus oder macht Ausbesserungen am Container­hafen. Glamourös eingekleidet von Kathrin Baumberger, sorgt der Chor für Begeisterung: Als silberne Dragqueens stehen die Männer den Frauen beim Catwalk in nichts nach, und als morbide Mardi-Gras-Zombieschar zeichnen sie den Hintergrund für Sophies somnambule Einsicht, dass sie im Zweifelsfall auch mit allen «Drittelvätern» gleichzeitig leben kann.

Donna und ihre Freundinnen schwelgen in Erinnerungen und singen in Föhne anstatt in Mikrofone, schliesslich waren sie einmal eine Band: Donna and the Dynamos treten später in ikonischer Abba-Kluft auf. In Schlaghosenoveralls geben sie «Super Trouper» zum Besten, und auch im Schlussapplaus klatscht das inzwischen stehende Publikum zu drei nochmals gespielten und choreografierten Abba-Songs. Aus den Rängen hört man mitunter ein begeistertes Quietschen, denn dieser Abend löst alles glanzvoll ein, was er verspricht. Den Glitzer und die grossen Gefühle – etwa jenes, Teil dieser Show zu sein – ­bekommen Fans allemal. Und eine Comeback-Tour mit Hologrammen und eine Fortsetzung des Films sind auch schon angekündigt.

Weitere Aufführungen jeweils ­Mittwoch bis Samstag, bis zum 30. August, thunerseespiele.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.07.2018, 22:52 Uhr

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