Saxofonist und singender Spaziergänger

Kurz hintereinander hat der Saxofonist Jürg Wickihalder zwei ganz unterschiedliche Alben vorgelegt: Eine sehr zurückhaltende Duo-Einspielung mit dem Pianisten Chris Wiesendanger und eine turbulente Achterbahnfahrt mit seinem Overseas Quartet.

«Der Drive hat mich mitgerissen»: Jürg Wickihalder auf der Bühne. (Francesca Pfeffer/zvg)

«Der Drive hat mich mitgerissen»: Jürg Wickihalder auf der Bühne. (Francesca Pfeffer/zvg)

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Unser Treffen findet in einem Proberaum in der Roten Fabrik in Zürich statt. Da liegt es nahe, zuerst übers Üben zu reden. «Ich übe immer das, was mich packt und interessiert. Seit ein paar Tagen befasse ich mich mit dem Tenorsax, ich spiele Soli von Sonny Rollins nach. Dadurch erhalte ich ein anderes Gefühl für mein Hauptinstrument», sagt Jürg Wickihalder, der als Spezialist für das tückische Sopransaxofon gelten darf.

Für Wickihalder, der 1973 geboren worden ist und aus dem Kanton Glarus stammt, ist klar: «Wer sich als Jazzmusiker fürs Sopransax entscheidet, kommt nicht um Steve Lacy herum. Für mich war er zeitweise fast schon eine Art Übervater.» Von Lacy, den er im Alter von 19 Jahren erstmals in Paris aufsuchte, habe er gelernt, dass Kunst sehr viel mit Handwerk zu tun hat, hält Wickihalder fest: «Er kannte das Sopransaxofon in- und auswendig. Und er setzte sich intensiv mit den einzelnen Elementen der Musik auseinander.»

Wickihalders Lacy-Obsession begann, als er mit dreizehn die CD «Clangs» hörte: «Da spielt er wahnsinnig hohe Töne und viele Geräusche. Das hat meine kindliche Neugier angestachelt, ich wollte herausfinden, wie er das macht.» Dazu kam ganz generell eine Faszination für den Jazz: «Da war etwas, was ich nicht verstand, was mich aber emotionell stark berührte. Der Drive hat mich mitgerissen. Die Sounds der Saxofonisten waren wie Stimmen, die mit mir redeten.»

Von Glarus in die USA

Stand Wickihalder mit seiner Jazzbegeisterung im Glarnerland nicht alleine auf weiter Flur? Nein, erwidert dieser, Mitte der 80er-Jahre habe es dort eine spannende Szene gegeben. In den Tönenden Hallen fanden regelmässig Konzerte statt, Wickihalder erinnert sich an Auftritte von Dollar Brand, Irène Schweizer, Tim Berne, Co Streiff, Urs Leimgruber (mit Schweizer hat Wickihalder später ein Monk-Progamm erarbeitet). Die experimentierfreudige Glarner Band Shasimosa tütü, in welcher der später als Autor bekannt gewordene Tim Krohn Saxofon spielte, brachte es sogar zu einem Auftritt am Jazzfestival Willisau.

Bei Wickihalder hielten sich Fanatismus und Begabung die Waage: Vom Kanton erhielt er ein Stipendium für ein Musikstudium in den USA. Der fabrikmässige Drill am Berklee College bei Boston entsprach allerdings nicht seinem Gusto – aber: «Nach sechs Uhr waren alle Unterrichtsräume offen für Sessions. Man konnte viele Kontakte knüpfen.» So entstand das Overseas Quartet, von dem mit «Furioso» (Intakt) eine Scheibe vorliegt, die ihrem Titel wahrlich gerecht wird. Mit dem brillanten Bassklarinettisten Achille Succi, der gelegentlich zum Altsax greift, und den von keines Gedankens Blässe angekränkelten Swing- und Groove-Brüdern Mark und Kevin Zubek an Bass und Schlagzeug saust und braust Wickihalder durch ein selber komponiertes Repertoire, das von zwei Monk-Bearbeitungen garniert wird. Diese über weite Strecken übermütige Musik vereint volksmusikantische Ungeschliffenheit, burlesken Humor und improvisatorische Souplesse auf absolut mitreissende Weise. Das Overseas Quartet spielt weniger free als Omri Ziegeles Billiger Bauer und groovt weniger vertrackt als Marco Käppelis The Even Odds, um zwei Formationen zu nennen, in denen Wickihalder als Sideman mitwirkt.

Ein Hochzeitswalzer

Von einer anderen, nachdenklicheren Seite her präsentiert sich Wickihalder auf dem stimmungsvollen Duo-Album «A Feeling for Someone» (Intakt). Mit Chris Wiesendanger, den er nach Proben mit mehreren Pianisten auswählte und dem er ein «wahnsinniges Gehör» attestiert, hat Wickihalder acht wunderbar melodiöse, zum Teil anrührend elegische Stücke eingespielt. Mit Ausnahme des Walzers «Lovers», den er für die Hochzeit mit seiner aus der Slowakei stammenden Frau komponiert hat und der auch auf «Furioso» zu hören ist, beziehen sich alle Titel auf Bilder oder persönliche Erlebnisse, die Wickihalder in Verbindung mit Musikern bringt, denen er sich verbunden fühlt: Neben dem vor fünf Jahren verstorbenen Lacy sind dies Duke Ellington, Charlie Parker, Miles Davis, Stan Getz, John Coltrane und Ornette Coleman.

Alle Stücke entstanden während eines längeren Aufenthalts im an die Ukraine angrenzenden Osten der Slowakei und zwar auf aussergewöhnliche Weise: «Am Morgen übte ich. Am Nachmittag machte ich lange Spaziergänge, auf denen ich Melodien sang und mir Akkorde dazu ausdachte. Später wurde alles aufgeschrieben.» (Der Bund)

Erstellt: 07.05.2009, 09:09 Uhr

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