Rapper sieht Sterne

Angriff auf den Hip-Hop-Thron – via Weltall: Das Duo Shabazz Palaces und sein erstaunliches neues Album «Lese Majesty».

Diese Majestät besser nicht beleidigen: Ishmael Butler alias Palaceer Lazaro von Shabazz Palaces.

Diese Majestät besser nicht beleidigen: Ishmael Butler alias Palaceer Lazaro von Shabazz Palaces.

(Bild: Patrick O' Brien-Smith (Sub Pop))

Als der Morgen in Luxor allmählich dämmert, sind die Königshäuser geplündert. Die versehrten Raubritter – «mit unseren Ketten, mit unseren Flügeln, mit unseren Königinnen» – richten ihre Blicke Richtung Himmel, beschreiben das Ausglimmen der Sterne, werfen noch rasch ein paar Cocktails gegen den «Führer» und entschweben mit zwielichtigen Synth- und Gitarren-Schlieren und der verschwörerischen Rap-Stimme des Chronisten in den schwerelosen, weit offenen Raum. Natürlich: Dieser Raum ist das Weltall, der «Space», in dem das Hip-Hop-Duo Shabazz Palaces entschwindet. Es ist der gleiche «Space», den einst Afrofuturisten wie Sun Ra – der Arkestra-Bandleader von der Venus – oder der Funk-Botschafter George Clinton als Sehnsuchts- und Herkunftsort ausmachten und für ihre Alien-Mythologien benutzten.

An diese grossen Entfremdungserzählungen der afrodiasporischen Popkultur docken Shabazz Palaces mit ihrem Album «Lese Majesty» also nun an. Das Duo verzichtet auf die Embleme einer schrill kostümierten Ausserirdischenkapelle, vielmehr inszenieren sich Palaceer Lazaro und sein Komplize Tendai «Baba» Maraire als anonyme Schwerarbeiter im Maschinenraum eines Raumschiffes, das durch «sonische Aktionen», wie sie ihre Tracks bezeichnen, von der Erde weggetrieben wird.

Der Dealer fliegt mit

Sieben Suiten, aufgeteilt in 18 Titel, enthält das Album. Diese Ordnung können die Hörer glücklicherweise rasch wieder über Bord schmeissen. Besser funktioniert «Lese Majesty» als ein geschlossener, bestaunenswerter, zuweilen auch frustrierender und kaum verständlicher 45-minütiger Bewusstseinsstrom in Sprache und vor allem Sound. Wir hören viel frei flottierende Synthetik, einige brillant klatschende Hip-Hop-Beats, die Echo-Raps von Palaceer Lazaro und Frauenstimmen, beigesteuert von den befreundeten Thee Satisfaction. Im Reiseverlauf erscheint im Nebel auch ein Sample vom Rap-Grossvater Lightning Rod, der das klassische Grossstadt-Gangster-Strassenpersonal – den Zuhälter, den Dope-Dealer, den Mörder – herbeizitiert und dem Raumschiff in den ersten Flugminuten eine retrofuturistische Prägung gibt.

Denn Shabazz Palaces verkörpern nicht die viel zitierte «Zukunft» des Hip-Hop, dafür schleppen sie zu viel Geschichte mit. Auch die eigene: Palaceer Lazaro hiess in seinem früheren Leben Ishmael «Butterfly» Butler und hat in den Neunzigern als eleganter MC den Jazz-Hip-Hop der Digable Planets miterfunden. Radikalisiert tauchte Butler dann vor fünf Jahren in seiner Heimatstadt Seattle auf, als die erste EP von Shabazz-Palaces veröffentlicht wurde. Derweil thematisiert der Produzent und Perkussionist Tendai «Baba» Maraire in seinen Soloprojekten (wie jüngst mit Chimurenga Renaissance) seine simbabwische Herkunft.

Diese Heimaten verbanden die beiden auf dem Debüt «Black Up» (2011) zu einem Geisterschiff-Rap, der auf «Lese Majesty» durch die Space-Metaphorik deutlich weniger heavy und gespenstisch, dafür weit jenseitiger erscheint.

Gezielte Beleidigung

Bei allen Orten und Unorten – die somalische Piratenbucht, Ramallah, Luxor, Seattle oder der Neptun –, die Shabazz Palaces auf ihrer sonischen Mythenkarte an- und überfliegen: «Lese Majesty» ist im Kern ein klassisches Hip-Hop-Album mit zuweilen hemdsärmeligen Anpreisreimen wie «I set the tone like Al Capone». Der Albumtitel bedeutet so viel wie «Majestätsbeleidigung» und kann als codierte Herausforderung an die gegenwärtigen, millionenschweren Imperatoren des Raps gelesen werden, als Angriff auf Jay-Z und Kanye West und ihr Reich, das sie im goldenen Pompalbum «Watch the Throne» einst besungen haben.

In Interviews betonten Shabazz Palaces immer wieder, dass der Instinkt die Triebfeder ihres Arbeitsprozesses ist. Ein Instinkt, der im Studio eingeschliffene Rap-Muster und Space-Fantasien anpeilte und damit zwei Welten, die nun auf diesem schwer dechiffrierbaren Album abenteuerlich kollidieren. Den Weltraumflug gibts auf «Lese Majesty» geschenkt – nur die Schlachten, die scheinen die alten.

DerBund.ch/Newsnet

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