«Ohne Nutzen, aber wichtig»

«Nicht Künstler und Kuratoren sorgen für den Humus, auf dem Kunst blüht», sondern die Bürger, sagt Reiner Brouwer. Am Galerien-Wochenende diskutiert der Deutsche über die Frage mit, ob Bern eine Kunststadt ist.

Bern, ein Hotspot der Kunst: Am Galerien-Wochenende zeigt zum Beispiel Markus Raetz im Kunstraum Oktogon «No W Here». Kupferstich 1991.

Bern, ein Hotspot der Kunst: Am Galerien-Wochenende zeigt zum Beispiel Markus Raetz im Kunstraum Oktogon «No W Here». Kupferstich 1991. Bild: pro litteris

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Reiner Brouwer, weshalb sind Sie der Richtige, um über Berns Kunststadt-Sein oder -Nichtsein mitzudiskutieren?
Sie sprechen vom Podium im Rahmen des Galerien-Wochenendes? Ich wurde wohl eingeladen, weil ich als Herausgeber des deutschen Magazins «Artmapp» schon viele Kunststädte aus dem deutschsprachigen Raum vorgestellt habe. Ich habe den Aussenblick auf eine Stadt, bin neutral, verfüge gleichzeitig aber über einschlägige Kenntnisse.

In der aktuellen Ausgabe Ihres Kunst-Magazins ist Bern ein 
Schwerpunkt . . .
. . . es ist nicht bloss ein Kunst-Magazin! «Artmapp» besteht einerseits aus einer Zeitschrift für Kunst, Architektur, Design, Mode und Fotografie. Andererseits aus einer kostenlosen App mit über 
8000 Einträgen von Museen und Galerien. Sie ermöglicht, sich über mobile Endgeräte durch die Kunstszene im ­gesamten deutschsprachigen Raum zu navigieren.

Was ist Ihnen in Bern aufgefallen?
Im Zusammenhang mit dem Städteschwerpunkt war ich zwischen November 2013 und Oktober 2014 dreimal in Bern. Genaue kulturpolitische Details kenne ich nicht. Aufgefallen ist mir etwa, dass das Zentrum Paul Klee der Stadt Bern auch wegen der Architektur von Renzo Piano überregionale Aufmerksamkeit als Kunststadt verschafft hat. Auf der andern Seite hätte ich angesichts der finanziellen Möglichkeiten von Bern und der Bedeutung der Stadt für die Schweiz – immerhin ist sie die Hauptstadt! – für den Ausbau des Kunstmuseums einen grösseren Wurf erwartet als das, wie man jetzt für die Kunst mehr Platz schafft innerhalb des Museums. Vielleicht wäre der Entscheid für einen Neubau auch ein Statement für den Standort Bern im Wettbewerb mit anderen gewesen. Aber dazu müsste ich mehr über die Kostenstruktur wissen.

Sie haben die Diskussionen um das Haus mitverfolgt?
Am Rande. Aber ich war enorm überrascht. Erst bei meinem Besuch habe ich erfahren, was für einen Schatz das Kunstmuseum Bern mit seinem bedeutenden Sammlungsbestand beherbergt. Kritisch sehe ich von aussen die Schaffung einer gemeinsamen Stiftung für das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee. Ich habe das Gefühl, dass die Zusammenlegung eher finanziellen Überlegungen geschuldet ist.

Wieso?
Aus meiner Sicht wäre eine klare Positionierung fruchtbar. Warum kann das Zentrum Paul Klee nicht den Klee-Bestand des Kunstmuseums übernehmen? Ich bin überzeugt, dass die überregionalen Häuser die Wirkung einer Kunststadt nach aussen massgeblich bestimmen. Auch in Bern könnte ein stärkeres Profil beider Häuser für noch mehr Aufmerksamkeit und Kaufkraft für die Kunstszene sorgen.

Sie sprechen von den Leuchttürmen. Bern hat weitere Kunstorte . . .
. . . wie die Kunsthalle, den Progr, die Hochschule der Künste, das Kornhausforum oder die Dampfzentrale. Über diese Vielfalt kann sich Bern glücklich schätzen. Mir scheint, dass die alternative Szene für eine Stadt von der Grössenordnung von Bern sehr gut vertreten ist. Und auch gut organisiert.

Dennoch haben Sie die Berner Off-
Spaces in Ihrem aktuellen «Artmapp» übergangen. Weshalb?
Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass das, was in der Off-Szene passiert, spannender ist als das Kunstgeschehen in Museen und Galerien. Immerhin beleuchten wir mit dem Beitrag zum gebürtigen Berliner Künstler Florian Dombois, der in Zürich und Bern lebt und im Progr arbeitet, auch den «Berner Dotter». Ich meine damit jene Off-Szene, die durch ihren kontinuierlichen Betrieb fest in der Stadt verankert ist.

Was macht aus Ihrer Sicht eine interessante Kunststadt aus?
Engagierte und neugierige Bürger. Das ist das Wichtigste. Sie sorgen mit ihrem Interesse und ihrer Neugier für den Humus, auf dem die Kunst blüht.

Nicht die Künstler?
Künstler, Kuratoren, Kunstmanager kommen und gehen. Das Bürgertum aber bleibt und lädt in die Kunststadt ein. Eine Gesellschaft, die Kunst will, macht Kunst möglich. Auch in Bern.

Kunst braucht Räume. Künstler brauchen Geld. Doch Fördergelder und Räume allein bringen noch keine Kreativität. Wie kann eine Stadt wie Bern künstlerisches Potenzial für sich nutzbar machen?
Was heisst nutzbar? Meinen Sie das im Sinne von Kulturtourismus, oder dass man Bern als Kunststadt wahrnimmt? Kunst hat per se keinen Nutzen. Aber sie ist wichtig, weil sie den Diskurs fördert. Sie muss sichtbar sein, damit man sich auf sie einlassen und sich an ihr reiben kann. Bern als Kunststadt wird man nur wahrnehmen, wenn man sie überregional bewirbt. Ich denke da zum Beispiel an die App der Berner Museen und an die neue Museumscard für Übernachtungsgäste, um das künstlerische Potenzial der Stadt sichtbarer zu machen..

Ist der historische Blick auf Bern für Sie zu sehr im Vordergrund?
Wenn ich als Deutscher Bern höre, denke ich eher daran als an Kunst. Mit Bern assoziiere ich primär die historische Altstadt, die Alpen des Berner Oberlands. Aber auch die Landeshauptstadt mit Regierungssitz der Schweiz. Und danach das Kunstmuseum oder das Zentrum Paul Klee.

Und das Galerienwochenende? Finden Sie das sinnvoll?
Durchaus. Weil es den Galerienstandort Bern als Hotspot für Kunst ins Bewusstsein von Einheimischen und Auswärtigen bringt. Und auch, weil es dazu dient, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Galerien, die sonst auf dem Platz Bern als Konkurrenten agieren, zu stärken. Und das Wichtigste, man kann dann erstklassige Kunst von internationalem Rang in Bern und Umgebung entdecken.

Also ist Bern eine Kunststadt, wie es der Titel des Podiums behauptet?
Der Titel reklamiert sogar eine Kunststadt mit Ausrufezeichen! Ich finde ja. Aber ich möchte nicht vorgreifen. Im Gespräch werden wir es gemeinsam herausfinden.

Öffentliche Podiumsdiskussion im Rahmen des Galerien-Wochenendes zum Thema «Bern – eine Kunststadt!»: 
Kunsthalle Bern, 17. Januar 2015, 18 Uhr. Der Galerist Bernhard Bischoff im Gespräch mit Kathleen Bühler (Leiterin Abteilung Gegenwart, Kunstmuseum Bern), Carola Ertle Ketterer (Kunst-sammlerin), Reiner Brouwer (Herausgeber «Artmapp») und Peter Fischer (Direktor Zentrum Paul Klee).

Geb. 1959 in Oldenburg, studierte an der Universität Stuttgart Germanistik und Politik. Verleger und Herausgeber der Kunsttermine.de, dem grössten Ausstellungsanzeiger für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Seit 2012 u. a.Herausgeber des Kunstmagazins «Artmapp» und der gleichnamigen App. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2015, 07:49 Uhr

Auf einen Blick: Die Austellungen

Der Verein Berner Galerien (VBG) lädt am 17./18. Januar 2015 zum Galerien-Wochenende. 16 Kunstorte haben am Sa/So von 
11 bis 17 Uhr offene Türen.

Art + Vision, Junkerngasse 34, Bern.
René Fehr-Biscioni. Bis 7. 2.

Bischoff & Partner, Waisenhausplatz 30, Bern. Elsbeth Böniger. Bis 21. 2.

Druckatelier/Galerie Tom Blaess, Uferweg 10b, Bern. Susan Goethel Campbell, Daniel Zahner. Finissage: 17./18. 1., 11–17 Uhr.

Christine Brügger, Kramgasse 31, Bern. Peter Leisinger. Bis 7. 2.

Béatrice Brunner, Nydeggstalden 26, Bern. Patricia Schneider, Susana Jodra. Bis 14. 2.

da Mihi, Bubenbergplatz 15, Bern. Salomé Bäumlin und Rudy Decelière. Bis 7. 3.

Duflon Racz, Gerechtigkeitsgasse 40, Bern. Makrout Unité. Bis 28. 2.

Henze & Ketterer, Kirchstr. 26, Wichtrach. Die Künstler der «Brücke» und die Lebensreform. Bis 21. 2.

Kornfeld, Laupenstrasse 41, Bern. Fifty years of «One Cent Life». Bis 28. 2.

Martin Krebs, Münstergasse 43, Bern. 
Urs Stooss. Bis 4. 3.

Krethlow, Gerechtigkeitsgasse 72, Bern.Marcel Gähler. Bis 22. 2.

Kunstkeller Bern, Gerechtigkeitsgasse 40. Mingjun Luo, Brigitte Lustenberger. Bis 9. 2.

Kunstraum Oktogon, Aarstrasse 96, Muri. No W Here. Bis 7. 2.

Kunstreich, Gerechtigkeitsgasse 76, Bern.Thomas Grogg. Bis 14. 2.

Rigassi, Münstergasse 62, Bern. Marion Eichmann und Bernard Misgajski. Bis 21. 2.

Kornhausforum Bern, Christian Denzler /Inga Häusermann/ Wolfgang Zät. Bis 25. 1.

Reiner Brouwer

Geb. 1959 in Oldenburg, studierte an der Universität Stuttgart Germanistik und Politik. Verleger und Herausgeber der Kunsttermine.de, dem grössten Ausstellungsanzeiger für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Seit 2012 u. a.Herausgeber des Kunstmagazins «Artmapp» und der gleichnamigen App.

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