«Öfters traurig, Herr Anaconda?»

Die Berner Dada-Rock-Gruppe Stiller Has wird 25. Zur Feier erscheint heute eine Live-CD. Wir haben Endo Anaconda 88 Fragen zugeschickt. Er hat sie alle beantwortet. Die Themen: Frauen, Tod, das Leben und Hasenkostüme.

Endo Anaconda: «Ich hatte als Kind Flugträume, jetzt nicht mehr. Das kommt noch früh genug». Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Wo zwickt es derzeit am meisten?
Nirgends, ich habe gerade meine euphorische Phase wegen der Live-CD.

25 Jahre Stiller Has: Hat es sich gelohnt?
Es hätte schlimmer kommen können. Lohn beziehe ich schon lange keinen mehr, ich bin selbständig.

Welches Hasenlied wird die Zeit überdauern?
Nichts wird die Zeit überdauern, CDs schon gar nicht.

Manchmal Angst, es kommt keine zündende Song-Idee mehr?
Im Moment nicht, ich schreibe an den Texten für ein neues Studioalbum.

Angst, an Relevanz einzubüssen?
Was ist bei uns schon relevant? Der Eurokurs, Vera Dillier, der Hypothekarzins, Roger Federer? Musik jedenfalls nicht. Die smarten Gassenhauer von morgen werden vom Computer zusammengestoppelt.

Kann man sagen, dass Sie Musiker geworden sind, um die Frauen zu erobern. Heute sind Sie noch immer Musiker, um die Alimente Ihrer Ex-Frauen bezahlen zu können?
Ich zahle Unterhaltsbeiträge für meine Kinder, nicht für deren Mütter. Und ich mach das, was ich mache, weil ich es will und weil ich nichts anderes wirklich gut kann.

Bleiben wir bei den Frauen: Wie verführt ein Sechzigjähriger?
Das kann ich nicht sagen, bei mir war es immer umgekehrt. Ich bin eher ein schüchterner Typ.

Macht das Mundartsingen sexy?
Ach was, Madonna ist in derselben Alters­klasse, singt englisch und zieht sich an wie eine Domina aus der Rathausgasse und ist trotzdem so sexy wie ein Fleischkäse. Ich weiss nicht, ob das anders wäre, wenn sie Mundart singen würde.

In welchem Alterssegment wildern Sie?
Als Has bin ich gegen die Wilderei. Ausserdem sind Frauen keine Jagdbeute, sie sind es, die aussuchen.

Wie schreibt man als 60-Jähriger Liebeslieder?
Am besten ehrlich. In meinem Alter noch davon zu singen, dass ich Sex mit der «Fabe und der Sabe, vom Morge bis zum Abe» haben möchte, wäre wohl ziemlich lächerlich.

Sie haben einst einen erotischen Roman angekündigt. Wo bleibt er?
Der ist in Arbeit, aber nach der «Fifty Shades of Grey»-Füdlibürgertätscherei langweilt mich das Thema, sodass ich am liebsten stattdessen Kuschelrock machen würde. Ausserdem habe ich keinen Verlag.

Welches sind Ihre aktuellen Süchte?
Nikotin-, Glieder- und gelegentlich Eifersucht.

Sie beobachten gerne von Ihrem Küchenfenster aus die Wylereggkreuzung. Was lehrt das fürs Leben?
Ich wohne jetzt im Obstbergquartier und schaue in einen Schulhof. Das Leben geht weiter, das tröstet.

Gibt es etwas an einem gewöhnlichen Tagesablauf, was Sie gerne überspringen würden?
Ja, das Aufstehen!

Vermissen Sie zuweilen Ihren ersten Hasen-Komplizen Balts Nill?
Zuweilen, er ist ein äusserst witziger und intelligenter Gesprächspartner.

Was sind die grössten Werte in Ihrem Leben?
Vermutlich meine Leberwerte. Wie viele Kilos sind Sie von Ihrem Traumgewicht entfernt?
Ich habe zu Hause keine Waage.

Tendiert das Gewicht nach oben oder nach unten?
Die Gravitationskraft hat etwas Unausweichliches, es zieht uns alle in den Boden.

Träumen Sie manchmal davon, ganz leicht zu sein?
Ich hatte als Kind Flugträume, jetzt nicht mehr. Das kommt noch früh genug.

Was ist der letzte Traum, an den Sie sich erinnern?
Nach der Entfernung meiner Nebenniere träumte ich, ich sei in einem Nachtclub anstatt in der Intensivstation.

Manchmal müde, dass vom Endo stets etwas Gaudihaftes erwartet wird?
Wer nur Gaudi von mir erwartet, hat meine Texte nicht verstanden, aber auch das ist o. k.

Haben Sie schon einmal ein Hasenkostüm getragen?
Noch nie, mich erkennt ohnehin jede Sau an der Stimme.

Welcher ist Ihr Lieblings-Dadaist?
Meine Tochter Mascha.

Sind Sie öfters traurig?
Wer nicht?

Aus welchem Grund?
Manchmal bringe ich «Glanz und Gloria», Massenköpfungen, den «Samstagsjass», die Katzenfutterreklame, Ueli Maurer und die Bootsflüchtlinge nicht mehr unter einen Hut. Dann bin ich verstimmt und kriege den Zappreflex.

Was ist Ihnen näher: das Leichte oder das Schwere?
Das Leichte.

Warum?
Trotz meines schweren Gemütes ist mir doch so manches im Leben leichtgefallen.

Haben Sie heimlich die Swiss Music Awards geguckt?
Ich muss nichts verheimlichen.

Was haben Sie gedacht?
Das ist nun wirklich keine Sendung zum Nachdenken.

Wer wird die Laudatio halten, wenn Sie den Outstanding Achievement Award gewinnen?
Ich habe keine Lust auf diesen Ziegel, es gibt nicht einmal Kohle.

Was dachten Sie als Wiener über die Schweiz?
Ich habe mich nie als Wiener gefühlt.

Was denken Sie als Schweizer über Österreich?
Die armen Ösis müssen jetzt die Frankenkredite für ihre Einbauküchen mit Euros abzahlen.

Was denken Sie als Berner über Bern?
Die Stadt Bern ist fürsorglich und dominant wie eine jüdische Mama. Man wird sie nicht los.

Denken Sie wienerisch oder berndeutsch?
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber denken ist ja auch etwas sehr Komplexes.

In welchen Situationen wechseln Sie von Berndeutsch ins Wienerische?
Ich rede hochdeutsch, und zwar nur, wenn ich in Deutschland in den Intros meine Texte übersetze. Wienerisch wäre so unverständlich wie Walliserdütsch.

Die letzte gute Party, die Sie besucht haben?
Eine Geburtstags-Goa-Party. Jemand hat mir ohne mein Wissen LSD in den Gin Tonic geträufelt.

Tänzer oder Barsteher?
Bartresentänzer!!!

Sie haben Gabriella Ferri gecovert. Haben Sie sie auch mal getroffen?
Ja, in den 70er-Jahren in Trastevere , Rom. Ich bekam ein Autogramm.

Was ist das Traurigste, was Ihnen je auf der Bühne passiert ist?
Letzten Herbst kam Reinhard, ein todkranker Fan aus Deutschland an ein Hasenkonzert, er wollte uns noch einmal hören. Wir haben ihm eine gute Show geboten.

Kennt man Sie in den Quartierbeizen mit Vornamen?
Im Obstberg hat es nur ein Restaurant, und dort kennt man mich.

Wann und mit wem hatten Sie zum letzten Mal Streit?
Kürzlich, mit Schifer.

Worum gings?
Das wissen wir manchmal selber nicht so genau.

Welches sind Ihre besten Waffen in einer Schlägerei?
Mein Killerblick und meine Sprache.

Worüber können Sie in Rage geraten?
Die Aufzählung der Anlässe würde die Zeitung füllen.

Das schlechteste Rauschgift, mit dem Sie je experimentiert haben?
Ich experimentiere nicht mit Rauschgift.

Das beste?
Ich rausche nicht mit Experimentiergift.

Der besten Song, den Sie auf Drogen geschrieben haben?
Ich schreibe nicht unter Drogeneinfluss, sonst meinen die Leute, ich sei ein Gaudibursch.

Die letzte Melodie, die Ihnen den Schlaf geraubt hat?
«Mir fiire Wihnacht mitenand» mit Stress, Gress, Greis, Luca Hänni, Francine Jordi und Sina.

Verachten Sie Depeche Mode?
Ich liebe Depeche Mode.

Sie haben verhindert, dass Ihr letztes Album auf Platz 1 der Hitparaden geschossen ist.
Bei denen zählt auch die Romandie und das Tessin für die Hitparadenplatzierung.

Was ist das Lustigste, das Ihnen auf der Bühne je passiert ist?
Als kurz nach der Wende, auf einer Ostdeutschlandtournee, niemand, nicht einmal der Veranstalter, ans Konzert kam.

Eine Botschaft an die Thuner Seespiele?
Sorry, ich war mit dem Kostüm überfordert.

Augenzeugen berichteten, Sie seien dort während eines Stücks betrunken gewesen, hätten den Text vergessen uns seien auf der Bühne umgekippt. Waren das zuverlässige Zeugen?
Am meisten kränkt mich, wenn man meine Trinkkompetenz bezweifelt. Ich bin noch nie auf der Bühne umgekippt.

Wars das nun mit Schauspiel- und Pharao-Ambitionen?
Ich habe das aus purer Geldnot gemacht, Kommentar überflüssig.

An was glauben Sie?
An die Hoffnung.

An was glauben Sie nicht?
An den Glauben.

Welche Kritik hat Sie am meisten gekränkt?
Ein Musikkritiker hat mich einmal als Blueskoloss bezeichnet.

Langweilt es Sie, in jedem Artikel als Schwergewicht bezeichnet zu werden?
Es wird so viel abgeschrieben, ich habe eine dicke Haut.

Was signalisiert man, wenn man einen Borsalino trägt?
Ich bevorzuge Stetsons, Burberry und Meyser.

Was treibt einen dazu, einen Sportwagen zu kaufen?
Weiss ich nicht, ich hatte einen MX5, den hab ich meiner älteren Tochter zur Matura geschenkt. Jetzt rostet er vor sich hin.

Wenn Sie an sich herunterschauen: Wie beschreiben Sie den Stil ihrer Garderobe?
Eher konservativ.

Belastet es Sie, dass Sie auf der Bühne dermassen stark schwitzen?
Ich bin leichter geworden und schwitze schon lange nicht mehr so extrem.

Gibt es einen Sport, für den Sie sich begeistern können?
Ja, Westernreiten und Schiessen mit Schwarzpulverpistolen.

Was ist das Ungesündeste am Musikerdasein?
Die kalten Platten und die Arbeitszeiten.

Ist schon mal jemand an einem Stiller-Has-Konzert in Ohnmacht gefallen?
Ist auch schon vorgekommen.

Welche Qualitäten haben Hasen-Groupies?
Wir haben keine Groupies.

Sind Sie ein Komödiant oder ein Blueser?
Wer die Materie ein bisschen kennt, weiss, dass alle grossen Blueser einen famosen Humor haben.

Welchen Song hätten Sie gerne selber geschrieben?
«Knockin’ on Heaven’s Door» den covert jeder.

Welchen Song hätten Sie besser nicht selber geschrieben?
Ich bin froh über jeden Text, den ich zu Papier bringen konnte. Die Musik ist von den Musikern.

Aus welcher Art des Daseinskummers entstehen die besten Lieder?
Aus allen Arten des Daseinskummers.

Ganz ehrlich: Sind Sie es manchmal leid, jedes Jahr die gleichen Clubs zwischen Busswil und Bülach zu bespielen?
Viel schlimmer wäre es, wenn wir diese Clubs nicht bespielen könnten. Aber wir sind ja auch in Zürich, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Aarau, Biel und Chur. Ausserdem in Deutschland und Österreich.

Wer ist besser, Patent Ochsner oder Züri West?
Die sind beide gut.

Wer sieht aktuell besser aus: Polo Hofer oder Büne Huber?
Sorry Büne, Polo sieht besser aus.

Warum ist eigentlich noch kein Film über Sie gedreht worden?
Es gibt ein NZZ-Format über mich von Heinz Bütler.

Sibylle Berg hat kürzlich erwähnt, sie würde Sie wählen, wenn Sie irgendwo kandidieren würden. Politische Ambitionen?
Nur wenn man mich mit Waffengewalt zwingen würde.

Was wäre Ihre erste Massnahme als Politiker?
Ich würde die Politiker anständig zahlen, ihnen Verwaltungsratsmandate für Privatfirmen und die private Parteienfinanzierung verbieten und die Lobbyisten, allen voran Thomas Borer, aus der Wandelhalle werfen.

Worüber haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht?
«Knallerfrauen», eine deutsche Comedysendung.

Nie überlegt, dass Sie mit ihrem charmetriefenden Wienerisch ein weit grösseres Publikum erreichen könnten?
Für mich passt es, wie es ist, ich singe nicht einmal Berndeutsch, sondern Mittelländisch und so, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

Immer mehr Musiker suchen sich einen 8-Stunden-Verdien-Job. Wo werden Sie anheuern, wenn es bei Ihnen so weit ist?
Ich werde nirgends anheuern.

Kann man heute noch von der Musik leben, ohne berechnend zu werden?
Ich lebe höchstens für die Musik, und rechnen war nun wirklich noch nie meine Stärke.

Ist man als Mundartsänger dazu verdammt, bis zum letzten Atemzug auf der Bühne zu stehen?
Was heisst verdammt? Wäre doch ein super Abgang, wie Johnny Guitar Watson. Jedenfalls besser, als bis zum letzten Atemzug Musikkritiken über Madonna, Carlos Leal oder Justin Bieber schreiben zu müssen.

Bundesrätin Doris Leuthard hatte die Idee, die Musiker sollen heutzutage halt mehr Merchandise verkaufen, um zu überleben. Was antworten Sie ihr?
Meine verschwitzten Signum-Hemden will niemand kaufen, vielleicht hat ja Frau Leuthard Interesse daran. Ansonsten haben wir nur CDs im Sortiment.

Sparen Sie noch immer für eine Ferienwohnung auf Sardinien?
Besitz interessiert mich nicht, ich miete bei Bedarf. Allein der Begriff «Ferien» hat, wie das Wort «Ausgang», für mich einen seltsamen Klang, es setzt Gefangenschaft voraus.

Problem damit, eine SRF1-Band geworden zu sein?
Sind wir das? Ich weiss es nicht! Ich höre hauptsächlich Radio Rabe und SRF2. Klassische Musik beruhigt mich, wenn wir von den Konzerten nach Hause fahren.

Welche fünf Schweizer Musiker nerven derzeit am meisten?
Keiner, es zwingt mich ja niemand zuzuhören. Ausser vielleicht auf der Toilette der Autobahnraststätte Heidiland. Da wird man beim Geschäft beschallt, und irgendwer kassiert dann Suisa.

Und welche machen am meisten Spass?
Müslüm finde ich lustig.

Angst vor Gevatter Tod?
Ach was, eher vor dem Leben. Der Tod ist doch nur ein Begriff für das Nichts, und dieses stelle ich mir durchaus erträglich vor. Ich muss mich daher vor nichts fürchten.

Bereuen Sie etwas?
Nein, ich habe immer versucht, das Beste zu machen. Niemand hat gesagt, es würde nur lustig sein. (Der Bund)

Erstellt: 20.03.2015, 10:35 Uhr

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