Jazzgeschichte

Noch immer unersättlich

Sie haben für die amerikanischen Jazzstars den roten Teppich ausgerollt und Bern zu einer der Hauptstädte des Jazz gemacht: Die Berner Wolverines, die auch nach fünfzig Jahren nicht ans Aufhören denken.

1971 traten die Wolverines in der Pilotsendung der «Glückskugel» von Beni Thurnheer (ganz rechts) auf.

1971 traten die Wolverines in der Pilotsendung der «Glückskugel» von Beni Thurnheer (ganz rechts) auf. Bild: zvg

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«Ich weiss, was das zu tun gibt, um so rassig miteinander spielen zu können. Eure Musik vergessen wir nicht», schrieb ein «Grubenbub» nach einem Konzert der Wolverines in perfekter Schnürchenschrift. Zwanzig Jahre trat die Berner Jazzband regelmässig im Erziehungsheim auf der Grube in Niederwangen auf. Die «Grubenbuben» sind nicht die Einzigen, die die Wolverines und ihre Musik nicht vergessen. Auch in diesem Jahr sorgte die Band in Marians Jazzroom im Hotel Innere Enge für eine ganze Reihe ausverkaufter Konzerte. «Das Publikum ist uns treu geblieben und mit uns alt geworden», sagt Hans Zurbrügg. Auf das Musizieren habe das Alter bis heute keinen Einfluss gehabt. «Wir waren noch nie so gut wie heute, spielen wir doch viel lockerer.»

Der Hotelier und Gründer des Berner Jazzfestivals ist 1964 zu den Wolverines gestossen. Entdeckt hatte er den Jazz in der Berner Knabenmusik, als der Dirigent den Film «Die Glenn-Miller-Story» zeigte. «New-Orleans-Jazz, Armstrong, Chicago-Stil, Swing – das war meine Musik», sagt Zurbrügg. eine Musik, die in den 1960er-Jahren wie Rock und Beat für viele Junge zum Soundtrack des grossen Aufbruchs geworden ist.

The Boll Street Stompers heisst die 1961 gegründete Band, bevor sie wenig später zu den Vielfrassen wird, den Namen von der Band des amerikanischen Jazzkometen Bix Beiderbecke übernimmt. Das Echo an den Konzerten ist so gross, dass die Band 1967 ihr Übungslokal an der Lorrainestrasse 38 eigenhändig zum ersten Berner Jazzclub umbaut. Getränke werden keine verkauft, die Hausordnung empfiehlt, sich bei den umliegenden Beizen einzudecken.

Ein Plattenspieler steht im Übungsraum, abgespielt werden Jazzalben, die teilweise auf abenteuerliche Weise in den Keller gelangt sind. «Ton für Ton spielten wir die Stücke am Anfang nach», sagt Zurbrügg. Es braucht Zeit, bis die Band sich von den Vorlagen löst und zu improvisieren beginnt. Die Entwicklung führt 1970 zum Bruch mit dem damaligen Bandleader Hans-Peter Füchter, der auf klare Arrangements setzt.

«Swiss Girl»-Wahl im Kursaal

Sind es erst vor allem Krawatten tragende Studenten, die im Keller auftauchen, so kommen mit der Zeit Jazzliebhaber aus allen Schichten. Mit seinen rund 2000 Mitgliedern ist der Jazzclub damals der grösste der Schweiz. Und die Wolverines machen Schlagzeilen über Bern hinaus. Der Jazzkenner Jürg Solthurnmann schreibt nach ihrem Zürcher Auftritt, dass der Fortschritt der Band bemerkenswert sei. «Es geht den idealistisch eingestellten acht nicht ums Geld. Schon der Applaus kann für sie Belohnung sein.»

Der Applaus ist ihnen sicher. Ob sie bei der Wahl des «Swiss Girl» (1967) im Kursaal aufspielen oder im Stadion als Stimmungsmacher vor einem YB- oder SCB-Match – überall reagiert das Publikum begeistert. Doch die Wolverines werden nicht nur als Stimmungskanonen geschätzt, sondern auch als Begleitband grosser Jazzer. Zurbrügg lernt George Wein kennen, den Veranstalter des Newport Jazz Festival im amerikanischen Rhode Island, der auch das New Orleans Jazz Festival und die Grande Parade in Nizza organisiert. Wein lädt die Band 1974 und 1975 nach Südfrankreich ein, wo sie unter anderen mit den US-Stars Wild Bill Davison und Wallace Davenport auftritt. «Wir sind nach Nizza gekommen, um zu lernen», gibt Zurbrügg einem Reporter zu Protokoll, «wir haben sicher Fortschritte gemacht, wir spielen jetzt viel gelöster.»

Trotz des Erfolgs steht eine Profikarriere nie zur Diskussion. «Man muss klar wissen, was man kann und was nicht», sagt Zurbrügg heute. «Wir waren alle keine Jazzmusiker, wir probierten, Jazz zu spielen, und manchmal gelang es uns.» Weit wichtiger als die eigene Karriere ist den Musikern zudem, ihre Idole nach Bern zu holen. Und sie kommen. Ins Shalimar im Monbijou, dem neuen Club der Wolverines, oder ins National. Mit zwei Ausrufezeichen auf der Affiche wird der Auftritt von Ben Webster angekündigt, und über den Auftritt von T-Bone Walker steht im «Bund»: «Sie heizen dem als träg verschrienen Berner Publikum mit ‹Stormy Monday› und ‹Papa Ain’t Salty› gehörig ein. Der Abend bestätigte aufs Neue das Gerücht vom ‹Berner Jazz-Frühling›.»

Nach den Erfahrungen in Nizza ist es zudem für Zurbrügg klar, dass er in Bern ein Jazzfestival aufziehen will. Die Stars kommen noch zahlreicher, als ab 1976 Jahr für Jahr im Frühling im Kursaal der rote Teppich für sie ausgerollt wird. Bern nimmt auf der Weltkarte des Jazz einen immer prominenteren Platz ein, heute gehört sie zu den Hauptstädten des traditionellen Jazz.

Die Sonnenseiten der Band

Die grossen Namen haben die Wolverines nicht daran gehindert, auch weiterhin überall zu spielen. An die 1500 Konzerte haben sie bis heute hinter sich, 27 Alben eingespielt, man trifft sich mindestens einmal pro Woche im Übungslokal, und mit Rudolf Knöpfel, Beat Uhlmann und Walter Sterchi sind noch immer drei der Gründungsmitglieder der Band dabei. Ans Aufhören denkt keiner, unersättlich sind sie noch alle.

Diese heitere Berner Swinggeschichte zeichnet nun im Jubiläumsjahr ein Scrapbuch nach. Der zwei Kilogramm schwere, grossformatige und verspielt gestaltete Band spiegelt die Sonnseiten im Leben einer Band, die bis vor zwei Jahren von schweren Schicksalsschlägen verschont blieb. Seit seinem Unfall 2009 ist der Schlagzeuger Christian Ott querschnittgelähmt.«Für uns steht immer die Freude des Publikums im Vordergrund», sagt Zurbrügg.

Das Buch dokumentiert denn auch ausführlich, wo überall die Band viel Freude ausgelöst hat: An Festivals in allen umliegenden Ländern wurde die Band eingeladen, vergnügliche Auftritte, an denen man sich auch ganz gern selbstironisch in Szene setzt. Mal mit aufgeklebten Schnäuzen und weissen Kitteln oder mit Schärpen und pompösen Uniformen. In Magglingen entern sie im Badetenü mit Flossen und Instrumenten das Sprungbrett, um anschliessend auch unter Wasser Trompete zu spielen, und regelmässig werden ihre Namensvetter, die Vielfrasse im Tierpark, mit einem Konzert beglückt.

Torte aus 75 Whiskyflaschen

In Tunesien schaffen sie es ins lokale Fernsehen. Hierzulande sind sie am Fernsehen unter anderem 1971 in der Pilotsendung der «Glückskugel» (Bild), von Beni Thurnheer aufgetreten. Für Vico Torrianis TV-Silvestershow «Der doppelte Engel» bibbern sie in der Kälte, und das 30-Jahr-Jubiläum wird mit einer Traktorenfahrt durch Bern gefeiert. Und zahlreich in all den Jahren sind die Benefiz-Konzerte. «Geld verdient haben wir keines», sagt Zurbrügg, «die Einnahmen wurden genauso brüderlich geteilt wie die Ausgaben.»

Dokumentiert sind auch die launigen Begegnungen mit den Künstlern. Lange Freundschaften, die immer wieder gefeiert werden wollen. Zum Beispiel mit der grössten «flüssigen» Geburtstagstorte aus 75 Whiskeyflaschen, mit der Wild Bill Davison überrascht wird. Der grosse Milt Hinton, Stammgast am Jazzfestival, wiederum beschenkt die Band mit dem Buch «The Real Vocal Book». Dem amerikanischen Bassisten war aufgefallen, dass die Harmonienfolgen der Wolverines nicht immer den Originalen entsprachen. «Wir spielten ja nach Gehör und nie nach Noten», sagt Hans Zurbrügg.

So spannend das Blättern im Scrapbuch ist, nur wenige – zu wenige – der Geschichten hinter den Bildern werden erzählt. Noch ist nicht der ganze Schatz der Band gehoben, über die einst der grosse «Mighty» Max Kaminsky anerkennend sagte: «In der Schweiz ist der Jazz in guten Händen.» (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2011, 07:54 Uhr

Die Wolverines mit Wild Bill Davison am Jazz-Festival Nizza. (Bild: zvg)

Seit 1964 ein Wolverine: Hans Zurbrügg. (Archiv: Adrian Moser)

Jubiläumskonzert

Am Sonntag, 16. Oktober, 17 Uhr, treten die Wolverines im Stadttheater Bern zusammen mit Gästen auf. Im Eintrittspreis inbegriffen ist das Scrapbuch, zu dem zwei CDs und eine DVD gehören.

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