«Mir huere Tuble»

Die Berner Rap-Allianz Chlyklass hat nach zehn Jahren ihr zweites Vollalbum herausgebracht. Sie ist eine Crew, keine Band, und teilt damit die Krankheit aller Koalitionen: Kompromisse sind selten sexy.

Die Nord-Ost-Achse des Berner Raps hat im Bandraum gewirkt. Ab dem 9i-Tram-Schild im Uhrzeigersinn: Greis, Diens, Manager Baldy Minder, Krust, Phantwo, DJ Skoob, Baze, Tiersch, Serej, Poul Prügu, DJ Link.

Die Nord-Ost-Achse des Berner Raps hat im Bandraum gewirkt. Ab dem 9i-Tram-Schild im Uhrzeigersinn: Greis, Diens, Manager Baldy Minder, Krust, Phantwo, DJ Skoob, Baze, Tiersch, Serej, Poul Prügu, DJ Link.

(Bild: zvg/P. Pfistner)

Hanna Jordi

«Wieso immer mir?» lautet der Titel des neuen Chlyklass-Albums, und die Frage ist mehr als ein rhetorischer Kniff. Es erklärt sich nämlich nicht von selbst, dass elf Crew-Mitglieder, von denen sich die Mehrheit in den letzten Jahren auf Primärberuf und Familie konzentriert hat, wieder ins Geschäft einsteigen. Die Lust auf Rap, zumindest auf Abwechslung, hat sie offenbar gepackt, oder wie es Krust als mental herausgeforderter U-Boot-Kapitän in «Cousteau» beschreibt: «Müssiggang isch Gift für üs au unger Deck / Es isch Gift für d Morau / Ha im Heck e verlassene Ruum vou Charte entdeckt / Auso chömet doch au.»

Statt im U-Boot-Heck haben sie sich im Rapkeller getroffen, aber die Crew ist der Einladung gefolgt und war äusserst produktiv bei der Sache. 21 Songs umfasst das Album, es ist bis zum Rand gefüllt: Auf 79 Minuten und 46 Sekunden beläuft sich die Gesamtspielzeit – 15 Sekunden mehr und es hätte das Fassungsvermögen einer handelsüblichen Compact Disc gesprengt.

An der Grenze zum Exzess also wie gehabt, die Chlyklass ist zurück. Doch ganz geheuer scheint ihr das selbst nicht zu sein. Anders lässt es sich kaum erklären, dass auf dem Album des Rap-Kollektivs aus PVP, Wurzel 5 und Baze der Zweifel immer mitschwingt. «Mir huere Tuble / trotz Erfahrig nüt verstande / hätte mers doch eifach la versande», heisst es in «Auti truurigi Männer» ironisch. Aber auch einigermassen ernsthaft in «Ke Plan»: «Das isch Chlyklass im Füfzähni / steil über Driissgi / uf das het niemer gwartet / dass mer zrügg im Biz sy».

An der Grenze zum Exzess also wie gehabt, die Chlyklass ist zurück. Ganz geheuer scheint ihr das nicht zu sein.

Aber hat wirklich niemand darauf gewartet? Das Publikum aus dem Hinterhalt überraschen zu wollen, ist sicher nicht verkehrt, nur: Das Überraschungsmoment ist ein Vorrecht der Grünschnäbel. Die Chlyklass ist das Gegenteil davon, sie ist seit über 15 Jahren eine Berner Rap-Referenz. Sobald im Herbst durchsickerte, dass sie wieder an der Arbeit sitzt, war die Vorfreude unter den Fans greifbar. «Ändlech!» gehörte zu den häufigsten Voten. Am Tag des Releases findet sich das Album bereits auf Platz 6 in den Schweizer iTunes-Charts. Wer zurückkommt, um an frühere Erfolge anzuknüpfen, dem schlägt Wohlwollen entgegen. Doch dann sind Erwartungen im Raum, und diese wollen befriedigt werden.

Ist das gelungen? Das kommt drauf an. Wer die gesungenen Refrains von Wurzel 5 gemocht hat, wird die Stücke «Ke Plan», «Ha no Zyt» und «Bruchteil» mögen. Wer den kruden PVP-Humor schätzte, wird «Jesus» und «Chäuer» lieben. Wer Bazes launischen Flow und Halftime-Raps mag, kommt in «Wysse Golf» und «Wie no nie» auf seine Kosten. Und wer die abgründigen Fortsetzungsgeschichten auf «Eis» von Greis feierte, wird mit «Tatort Bern» Teil 1 bis 3 gut bedient.

Das Album ist ein eigentliches Medley, denn eines wird hier deutlich: Die Chlyklass ist eine Crew, keine Band. Sie ist im Minimum eine Zweiklassengesellschaft, bestehend aus Vorder- und aus Hinterbänklern, aber auch aus verschiedenen Stilen und Stossrichtungen. Der Jekami-Effekt bedeutet hier: Das Album ist wahnsinnig lang geworden, aber nicht besonders dicht. Und am Ende teilt die Chlyklass das Problem aller anderen Föderationen: Kompromisse machen selten richtig glücklich.

Flucht in die Fiktion

Ein roter Faden schlängelt sich dann doch hindurch zwischen all den Stilrichtungen, und das ist das Storytelling. Es wimmelt von Geschichten auf diesem Album, streckenweise hart an der Grenze zum Hörspiel. Die Chlyklass wird gemeuchelt («Tatort Bern»), erforscht Unterwasserwelten («Cousteau»), wird von einem Fluch verfolgt («Lifetime Award»), erinnert sich an hängengebliebene Schulfreunde («Felä») und ärgert sich über aufgekündigte Groupie-Liebe («Mir hei di erfunde»).

Natürlich ist es eine ganz eigene Disziplin, Räuberpistolen zu spinnen. Es ist aber auch eine Flucht in die Unverbindlichkeit. Denn was die jüngsten Auskopplungen anderer Berner Mundart-Musiker grossartig gemacht hat, war nicht zuletzt ihr Anspruch auf Realität, wenn auch eine hypersubjektive: Einer überzeichnet sein eigenes Empfinden, und merkwürdigerweise entsteht am Schluss das Abbild eines allgemeinen Lebensgefühls. Baze setzt hierfür seit Jahren den Massstab, zuletzt haben Jeans For Jesus und Eldorado FM nachgelegt.

Die Hymne der Optimierer

Solche Zeitgeist-Momente gibt es nur eine Handvoll auf dem Album, doch die sind dann richtig gut. «Verpassti Chance» heisst der Blues der Zauderer und selbststrengen Schwerblüter. Im Club, einer traut sich nicht. Es hadert Phantwo am Mikrofon: «U de gseh ni die Hinriissendi, Betörendi / vo Bürokolleginne Häregnötigti / Sie hei re gseit, sie müess o wieder mau unger d Lüt / U vilech findet sie de ändlech ihre Prinz hüt / U luter Züg wo so Trample haut so liire / I wett se rette, mit ihre use ga spaziere / Aber i würd mi no eher wage z probiere e Drache z töte / aus irgend e dumme Spruch i ihres Ohr ga z möögge – verpassti Chance.» Dazu, passend zur ernüchternden Morgendämmerung nach dem Fest, ein Beat aus dem Zürcher Laboratorium von Anemonen & Christal Maef, eine Wohltat.

«Ha agfange im ne wysse Golf / Hüt fahri s schwarzes Velo / Nüt isch blibe ohni mini Frou / Numen e Mansarde im Breitsch, Bro»Baze

Ebenso zwingend: Wenn Baze in «Wysse Golf» seine bisherigen Automodelle von Fiat Uno bis Suzuki Samurai durchdekliniert. Es könnten auch Lebenspartner, Wohnsituationen oder Jobs sein, ganz egal, der Song taugt jedenfalls vorzüglich als Hymne für die Mitglieder der Generation Maybe, der Generation der ewigen Optimierer, wenn er rappt: «I zieh mer e BMW für paar wenigi Franke / bis itz louft er wie gschmiert / übermorn wird er prüeft / das wärs de schon gsy / mit mim BMW.» Und, fast geschrien über einen tiefschlagenden, feuchten Trap-Traum von Beat: «I ha agfange im ne wysse Golf / Hüt fahri es schwarzes Velo / Nüt isch blibe ohni mini Frou / Numen e Mansarde im Breitsch, Bro.»

Die Achse des Raps

Wieso dann also «immer mir»? Es ist ja tatsächlich so: Irgendwie ist die Chlyklass unumgänglich, auch wenn sich manche Mitglieder bereits aufgelöst haben (Wurzel 5) oder sich in schwer verdaulichen Werbesongs für Incarom ergehen, einen löslichen, milden Instant-Kaffee von Nestlé (Greis). Denn die Chlyklass ist die Basis, sie ist der mannstarke Boden für starke Live-Auftritte und die mitunter herausragenden Einzelleistungen ihrer Mitglieder. «Jugendsünde» von Wurzel 5 (2001), «Eis» von Greis (2003), «Eifach nüt» von PVP (2004) oder Bazes «D’Party isch vrbi» (2010) sind die Beweise.

Man erinnert sich: Auch das erste Chlyklass-Album «Ke Summer» (2005) war lediglich eine Fussnote in der Chlyklass-Geschichte. Viel bedeutsamer als der musikalische Datenträger, auch als der beste Live-Auftritt, ist und bleibt bei dieser Gruppe die Marke. Hier haben sich vor mehr als 15 Jahren die stärksten Rapper zwischen Wylerfeld und Muristalden zur Nord-Ost-Achse des Berner Sprechgesangs zusammengeschlossen, um genau das zu sein: ein Kompetenzzentrum für Rap. Nur dass eine EP diesmal vielleicht gereicht hätte.

Chlyklass, «Wieso immer mir?», Sound Service 2015.

Die Plattentaufe im Dachstock am 6. Juni ist ausverkauft. Nächste Auftritte: 18. Juni, Schmittner Openair. 11. Juli, Openair Frauenfeld. 17. Juli, Gurtenfestival.

www.chlyklass.ch

DerBund.ch/Newsnet

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