Major Trump in den Sternen

Die Glamrocker der Siebzigerjahre machten Pop zu einer hysterischen Kultur, schreibt Simon Reynolds in seinem neuen Buch. Nun schlägt ihre Stunde im Weissen Haus.

Make rock great again: Marc Bolan von der Glamrockband T. Rex. Foto: Bill Orchard (Shutterstock)

Make rock great again: Marc Bolan von der Glamrockband T. Rex. Foto: Bill Orchard (Shutterstock)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 10. Januar starb David Bowie, und am 8. November wurde Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt. Dies waren der Anfang und das vorläufige Ende eines Jahres, das viele Menschen im Westen für das Beängstigendste halten, das sie in ihrem Leben erlebt haben. Und tatsächlich haben die beiden mehr gemeinsam als die orangen Haare, für die sie unter anderem berühmt geworden sind.

Bowie wie Trump wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, der Sänger ein halbes Jahr nach dem Tycoon, an beiden gingen die Sensationen der Sechzigerjahre vorüber, und beide begannen ihren Aufstieg erst 1971 – Bowie mit «Hunky Dory», seinem ersten grossen Album, und Trump als neuer Chef der Familienfirma. Und nicht mehr lange sollte es dauern, bis sich beide neu erfanden. Als Stars.

Bill Clinton war 1992 der erste US-Präsident der Rock-’n’-Roll-Generation, und mit Barack Obama kam 2008 der Rhythm ’n’ Blues ins Weisse Haus. So gesehen, ist es vielleicht nur folgerichtig, dass mit Donald Trump nun die politische Stunde des Glamrock schlägt, jener Neuerfindung des Pop in den Siebzigern, deren Ära – glücklicherweise? – nur vier Jahre dauerte, die aber die kommerzielle Musik bis heute prägt.

Kurze Halbwertszeit

«Pop wurde damals zu einer absurden, unwirklichen, sensationellen und hysterischen Kultur, in der sich das Ernste und das Lächerliche trafen und ununterscheidbar wurden»: Das schreibt der englische Musikjournalist Simon Reynolds in «Shock and Awe», seinem neuen Buch über den Glamrock. Diese Musik habe die Leute «elektrisiert», weil sie «ein offensichtlicher Fake» war.

Auf 700 Seiten schreibt Reynolds über ein Genre, in dem es nur David Bowie und Roxy Music in den Kanon der Pop-Kultur geschafft haben. Die anderen Glamrocker – von Marc Bolan und seinen T. Rex über Slade und The Sweet bis hin zu Alice Cooper und Gary Glitter – gelten demgegenüber bis heute als Schmuddelkinder des Pop, deren Auftritt mehr von den Kostümen lebte als von originellen musikalischen Ideen und deren Halbwertszeit folglich kurz war.

Auf der Spielwiese der Egos: The Sweet mit ihrem legendären «Ballroom Blitz».

Das Buch widerspricht dieser Sicht nicht grundsätzlich, feiert die wichtigsten Singles dieser Zeit aber doch als bezwingende Artefakte einer Generation, die nicht mehr an den Ernst und an die guten Absichten der Hippie-Ära glaubte. Stattdessen verschrieb sie sich bewusst und irgendwie sogar rebellisch dem Schwulst und dem Bling-Bling. Natürlich schreibt Simon Reynolds die Geschichte des Glam nicht neu, wenn er betont, dass die revolutionäre Kraft dieser Musik gerade in ihrer Theatralik lag.

Im New Yorker Untergrund

Seine grössten Verdienste hat sein «Shock and Awe» in langen, akribisch recherchierten Passagen, in denen er die Vorläufer des Glam etwa in britischen Fernsehserien wie «The Strange World of Gurney Slade» erkennt – einem massgeblichen Einfluss auf David Bowie. Der fiel in London ja zunächst als Aktionist und Mime auf, bevor er beschloss, einen Rockstar zu verkörpern.

David Bowie als Aktionist: Den ersten öffentlichen Auftritt gab David Bowie mit 17 Jahren in «Tonight» auf der BBC, als Sprecher der erfundenen Society for the Prevention of Cruelty to Long-Haired Men.

Bowie als Mime: Drei Jahre vor seinem musikalischen Durchbruch als Ziggy Stardust spielte er im Kurzfilm«The Image».

Reynolds nimmt die Leser aber auch mit in die Theorien des Camp und hinab in die queere Subkultur von New York, in die radikalvulgären Drag-Shows von Wayne County und seiner – ihrer – Band Queen Elizabeth oder zur Ridiculous Theatrical Company und ihrem Theater der Lächerlichkeit. Hier, in dieser Szene liegen die Anfänge der New York Dolls, der wichtigsten US-Glam-Band neben Alice Cooper; sehr beeindruckt von all dem war aber auch Bowie, wann immer er in New York war.

Es waren vor allem zwei Figuren, die das kommerzielle Potenzial verstanden, das darin lag, sich den kleinen Brüdern und Schwestern der 68er-Revolutionäre als Stars neuer, zweiter Ordnung anzubieten – in fröhlicher, aber auch sexuell aufprotzender Dekadenz nämlich und mit einem Rock ’n’ Roll in Anführungszeichen: Der gebärdete sich als lustvoll retardierte Version einer Rockkultur, die inzwischen einen künstlerischen Anspruch pflegte, nach dem im Grunde genommen ja gar niemand gerufen hatte.

Auf intuitive Weise begriff das, zum Ersten, Marc Bolan. Der Gründer und – bei dieser Band darf man das noch sagen – Frontmann von T. Rex nannte sich ein Kind, interessierte sich für Märchen und Magie und kleidete sich, wie er in einem Song schrieb, wie der «Ruhm». Gegen die Popelite trat er mit einem «totalen Poperlebnis» (Reynolds) an, dem man nicht zerebral zuhörte, von dem man sich vielmehr, so ein weiblicher Fan, mit Gefühlen vollpumpen liess.

Der Meistermanager

Mehr an Geld als an Eskapismus interessiert war, zum Zweiten, Tony Defries. Der hatte 1970 das Management von David Bowie übernommen und führte nun fünf Jahre lang dessen Geschäfte von New York aus, umgeben von einem Stab von jungen Leuten aus Andy Warhols Factory. Defries, dieser «Meisterillusionist», war ein «Donald Trump fürs Musikbusiness», so Reynolds.

Beide wenig integer, hielten sie sich dafür an zwei Sätze in Trumps Autobiografie: «Der Schlüssel zu meiner Arbeit ist Bravado. Ich kitzle die Fantasien der Leute.» Diese Geschäftsmänner stünden damit in der langen Tradition der Schlangenölverkäufer und Marktschreier – aber «was diese Leute viel besser verstehen als landläufige Unternehmer, das ist die Macht von wilden Versprechungen und irrationalem Überschwang. Sie verkaufen Möglichkeiten».

Das Ergebnis war David Bowie als Ziggy Stardust und dass sich Männer nun schminken und Pailletten tragen konnten. Sie konnten wie Ziggy in fluider sexueller Scheinidentität zu den Fans kommen oder, wie Alice Cooper, als nihilistischer Narr. Sie konnten, wie Roxy Music, die Gegenwart elegant wegschnippen oder sich im Gegenteil, wie Slade, in legasthenischen Hits wie «Tak Me Bak ’Ome» oder «Look Wot You Dun» mit der Strasse gemeinmachen – nur um dann doch wie unerreichbare Märchengestalten auf den Titelseiten und Bühnen zu thronen.

Die Rock-'n'-Roll-Analphabeten: Slade mit «Look Wot You Dun».

Lernt Nihilismus, nicht Mathe! Alice Cooper mit «School's Out».

So könnte man sagen, dass Pop erst mit Glam richtig zu sich selbst kam: Gemeinsam ist diesen Stars der frühen Siebziger, dass sie, ganz gemäss dem Musiktheoretiker Diedrich Diederichsen, die Pose als die kleinste Einheit des Pop in ihr Recht setzten. Glam machte die Pose überlebensgross, das ist seine Stärke. Und damit als solche erkennbar, das ist seine Schwäche.

Die guten, alten Rolling Stones

Damals war das von sensationellem Neuigkeitswert. Zwischen 1971 und 1974 überrollte Glam den Markt und die Medien: Marc Bolan gegen Joni Mitchell, das muss gewesen sein wie Donald Trump gegen Hillary Clinton – «Bravado» gegen gute Argumente. Wenn man sich allerdings die Auftritte der Glam-Stars auf Youtube nun ansieht, ist man eher peinlich berührt. Die legendären Londoner Shows von Bolan und seinen T. Rex waren 1972 so gut wie glitzerfrei und wirken heute bieder und konservativ.

Auch die New York Dolls lieferten 1973 in einem Fernsehauftritt gockelnde Jaggerismen ab, nur die Kleider waren (nicht viel) extravaganter als beim Sänger der guten, alten Rolling Stones. Zu Recht weist Simon Reynolds darauf hin, dass Glam eine «Spielwiese für männliche Egos» war, die damit ihr Repertoire erweiterten. Der Feminismus lag im Pop noch in der Zukunft, ebenso die aggressive Genderpolitik von Grace Jones, Prince oder Siouxsie Sioux.

Der Glamour von 1972: Marc Bolan und T. Rex spielen 1972 in London.

Es sind die Kleider, stupid! Die New York Dolls in einem Fernsehauftritt von 1973.

«Shock and Awe» ist denn auch eine kaum kaschierte Biografie des einzigen Radikalen der Glam-Ära, nämlich von David Bowie. Während Simon Reynolds anderen Darstellern des Glam je ein Kapitel widmet, kehrt er zu seiner Hauptfigur immer wieder zurück. Und wer will es ihm verdenken. Nur Bowie stellte seine Identität wirklich zur Disposition. Nur er outete sich als schwul, was er nicht war, und also mit einem Lächeln, das andeutete, dass Schwulsein vielleicht auch nur eine Möglichkeit war.

Und nur Bowie kehrte den Sechzigern mit aller Kraft den Rücken zu – in seinen ästhetischen Mitteln, aber auch, weil er keine Gemeinschaft mehr versprach, weil er vielmehr seine Starexistenz übersteigerte und Mitte des Jahrzehnts in Interviews gar mit einem faschistoiden Führerkult kokettierte: «Diktatur als next big thing», wie Reynolds notiert.

Ein Künstler der Kreativen

Doch letztlich ging es Bowie gerade nicht darum, die Welt oder die Politik zu verändern. Der Sänger stehe, so Reynolds, für den modernen, flexiblen, neoliberalen Menschen, der seine Identität verflüssige und sich so alle Möglichkeiten offenhalte: «Ch-ch-changes» statt «Change». Bowiesmus sei eine ästhetische Version der Verhältnisse, wie sie auf dem globalen Arbeits- und Kapitalmarkt herrschen, glaubt Reynolds.

Auch darum sei dieser Künstler so wichtig für die Kreativen, die «unbequem zwischen der Klasse, die die Welt besitzt, und der arbeitenden Masse leben». Nur lose verfolgt das Buch solche Spuren in die Gegenwart – zur unversicherten Arbeitsmoral in den Coworking-Spaces oder zur Fake- und Bubble-Wirtschaft bei Donald Trump. Das ist schade, hätte Reynolds den Blick auf Glam so doch entscheidend erweitern können.

Mehr als schade ist, dass der Musikjournalist für Glam-Phänomene im aktuellen Pop kein wirkliches Interesse aufbringt. Lady Gaga oder Kanye West werden in ironischen Fussnoten abgefertigt, und über die Gendervarianten in der neuen Black Music von Frank Ocean, Alicia Keys oder Young Thug steht nichts in diesem Buch.

Ein Gentleman tritt ab

Doch wo Reynolds bei seiner Hauptfigur ist, ist «Shock and Awe» immer wieder brillant. So begründet er in ein paar wenigen Sätzen, warum die USA am 8. November eben doch keinen David Bowie zum Präsidenten gewählt haben. Bei allen Masken, die sich der Sänger übergezogen und bei allem Spektakel, das er angerichtet habe, sei sein Werk doch überraschend konsistent: «In all seiner Musik steckt der Kern einer britischen, charmanten, höflichen, dezenten, neugierigen Persönlichkeit – eines Gentleman.»

Tatsächlich war die Kunstfigur David Bowie wohl kaum so leer, wie sie es gelegentlich selber behauptete. Im Gegenteil, wie Simon Reynolds meint: «Bowie weiss zwar um die Kraft, die darin liegt, sich eine Rolle zuzulegen. In seinem Gesang ist aber immer auch sein existenzielles Ringen um eine authentische Wahrheit zu hören. Dieser Gegensatz machte ihn anders, stark und interessant.»

Wenn Donald Trump also der Wiedergänger eines Glam-Stars ist, dann doch eher von Gary Glitter. Auch der war, wie Slade oder T. Rex, in den Hitparaden der Siebziger weit erfolgreicher als Bowie. Und zwar mit einer Musik, die den Glam auf die Schwundstufe eines Rock-’n’-Roll-Nostalgietheaters reduzierte, auf eine schnelle, krachend heterosexuelle Triebabfuhr.

Motorräder statt Frauenkleider: Gary Glitter in einem Auftritt von 1973.

So oder so hat die Fantasie gewonnen. Wer hätte sich denn vor einem Jahr eine Welt vorgestellt, in der David Bowie tot und Donald Trump der neue US-Präsident ist? Ein orangehaariges Wesen ist im All verschwunden, und ein anderes ist bereit, in der irdischen Realpolitik aufzusetzen. Und fast glaubt man die Stimme seines Chefstrategen zu hören, von Stephen Bannon, der sich von der Bodenstation meldet: «Ground control to Major Trump / Take your protein pills / And put your helmet on.»

David Bowie an Major Trump: «We were dumb / But you were fun, boy». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2016, 17:47 Uhr

Simon Reynolds: Shock and Awe. Glamrock and its Legacy. Faber & Faber, London 2016. 704 S., ca. 38 Fr.;
Das Buch ist vorerst nur in englischer Sprache erhältlich.

Artikel zum Thema

Das Gesicht versteckt die Maske

Pop ist ein Posen- und Mienenspiel, das seine Akteure immer wieder dazu verleitet, sich zu maskieren. So wie Deadmau5, einen der Stars am Zürich Openair 2014. Mehr...

David Bowie, ein Gast auf dieser Erde

Am Freitag, zu seinem 69. Geburtstag, hatte er sein kühnes neues Album veröffentlicht, zwei Tage später starb David Bowie an Krebs. Nachruf auf einen Erfinder seiner selbst. Mehr...

Die Musik wird Fleisch

Rezension Was machen eigentlich Popstars, wenn sie auf der Bühne stehen? Singen, klar. Wem diese Antwort zu einfach ist, für den hat der grosse deutsche Poptheoretiker Diedrich Diederichsen ein Buch geschrieben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Wie stoppt man einen Hitler?

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...