Lieb und Leid im leichten Leben

Das neue Album von Züri West heisst «Love». Es handelt vom langsamen Verrutschen der Gefühle. Ein Gespräch mit Kuno Lauener über Askese, Angst und andere Aufreger.

«Keine Sorge, es geht mir gut»: Kuno Laueners neue Lieder drehen sich vornehmlich um Trennungen und Abschiede.

«Keine Sorge, es geht mir gut»: Kuno Laueners neue Lieder drehen sich vornehmlich um Trennungen und Abschiede. Bild: Adrian Moser

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Es gibt einen kleinen Moment der Irritation auf dem neuesten Album von Züri West. Sie stellt sich im allerletzten der zwölf Lieder ein. Kunos Stimme ist da auf einmal gehüllt in einen schicken Chorus-Effekt, ein bisschen so, wie das früher die rauschgifterprobten Hippies handhabten. Und weil Retro nun schon seit einiger Zeit ziemlich en vogue ist, klingen Züri West hier aus heiterem Himmel dreieinhalb Minuten lang wie eine Band mit Zeitstil (egal, wenn da die Gitarren im Schlussteil heulen wie in den Schmachtfetzen, zu denen man in den Achtzigern an den Schülerpartys geschlossen getanzt hat). Dieser Moment ist deshalb erwähnenswert, weil er eigentlich das einzige kleine musikalische Wagnis auf dem Album darstellt. Das kommt so unerwartet, dass man sich fast ein bisschen erschrickt.

Und der Rest? Der Rest sind Lieder. Eher brave Lieder. Rockige, auch mal ziemlich düstere Lieder, Lieder, nach denen man sich womöglich gar nicht umdrehte, würde man ihnen sonst wo begegnen und wären sie in kroatischer, flämischer oder in was-weiss-ich-für-einer Sprache getextet. Die Songs handeln von Sorgen mit dem Eigenheim, Sorgen mit der Hauskatze und – in aller Regel – ungünstigen Beziehungshergängen. Dazu wird Bob Dylan tadellos gecovert, Nick Lowe ebenso. So weit, so soso lala.

Ein metaphysisches Phänomen

Trotz dieses unspektakulären Settings ist «Love» keinesfalls ein schlechtes Züri-West-Album geworden. Ganz im Gegenteil. Weil die Band, und vor allem ihre Kühlerfigur Kuno Lauener, wieder einmal mehr aus diesem schmucklosen Stoff zu gestalten weiss. Es mag sein, dass die alte Maschine Züri West rein musikalisch betrachtet keinen eigentümlichen, auszeichnenden Sound mehr produziert. Doch diese Behauptung trifft nicht auf Züri West als – nennen wirs – metaphysisches Phänomen zu.

Denn es gibt ihn auch auf diesem Album, diesen traulichen Klang in Laueners Zeilen. Wie er Coolness gegen Pathos ausspielt, wie er mit wenigen Worten Geschichten anstösst, die im Kopf des Hörers weiterwuchern, wie er das langsame Verrutschen der Gefühle ausberndeutscht oder wie er poetisch mit den Achseln zuckt, angesichts von Lieb und Leid im leichten Leben, das ist absolut meisterhaft. Das klingt dann beispielsweise so: «D Sunne schiint dür d Store uf mis Pult / u maut es chliises Vieregg druuf us Guld / chasch es mitnäh / wes dr gfaut de chasch es ha / du muesch mr nüt erkläre we d wosch gah» (aus «Schatteboxe»).

Kuno Lauener hat es sich auf einem Designerstuhl im Penthouse des Hotels Allegro bequem gemacht. Er wirkt fit, fast schon drahtig. Die kleinen Fältchen im 56-jährigen Gesicht untermalen eher seine Liebenswürdigkeit als eine potenziell aufkommende Altersgram. Und schnell wird klar, dass er dieses neue Album mit weit mehr Selbstvertrauen promotet als vergangene Werke der Band.

Herr Lauener, eingefleischte Kuno-Text-Deuter werden sich Sorgen um Sie machen. Die meisten Lieder auf «Love» drehen sich um Trennung und Abschied. Wie ist das allgemeine Befinden?
Keine Sorge. Es geht mir gut, und ich führe eine prima Beziehung, mit allen üblichen Ups und Downs. Die Songs sind aus anderen Zusammenhängen heraus entstanden.

Also alles bloss Phantomleid?
Es ist wie fast immer bei Züri West: Da werden Secondhand-Geschichten mit First-Hand-Erfahrungen gewürzt. Natürlich ist es so, dass auch mich Themen wie Liebe und Verlustängste umtreiben. Und wenn man Vater zweier Kinder ist, steht hinter allem noch ein zusätzliches Ausrufezeichen. Die Massierung zwischenmenschlicher Themen war mir lange gar nicht bewusst. Als wir am Schluss des Prozesses die Album-Reihenfolge bestimmten, musste ich kurz schlucken. Meine Freundin auch. Doch wie gesagt. Es geht uns gut.

Sind Sie von jenem Schlag Mensch, dem ein Übermass an Glück suspekt ist?
Das Glück schlägt bei mir nicht so hoch aus. Ich habe das Talent, dass wenn keine Probleme da sind, ich innert kürzester Zeit ein grösseres schaffen kann.

Neben den eher betrüblichen Betrachtungen des Zweisamen gibt es auf «Love» auch heitere Momente zu verzeichnen. In «Quitte» wird das eigene, vom Alter ramponierte Erscheinungsbild jenem der wohl unbeliebtesten Frucht der Welt gegenübergestellt: «Siebe Haar à drizäh Reihe / d Friise het chli gglitte / d Gsichtszüg hange mr uf ds Chini / i gseh fängs us wie ne Quitte.» In «Semiramis» wird die Beziehung zum Haustier hinterfragt, und in «Sunnti Mittag i de Sächzgerjahr» erinnert sich Lauener an seine beruflichen Perspektiven als Heranwachsender: «I ha wöue Italiäner wärde.»

Es sind nicht die stärksten Passagen des Albums. Diese liegen dort, wo die Poesie und die Tonspur abgedunkelt werden, wo mit wenigen Pinselstrichen abgründige Atmosphären geschaffen werden. «Chline Brueder» ist ein solches Stück. Es handelt von den kleinen Grausamkeiten im Kindermilieu. Oder «Schlunegger»: eine eindringliche Taumel-Ballade, inspiriert von Jean-Pierre Schlunegger, dem wohl traurigsten Poeten dieses Landes. Ebenso «Quick», das erste Stück des neuen Gitarristen Manuel Häfliger – eine kleine New-Wave-Schwarzmalerei über Bekanntschaften, die mit der Zeit immer flüchtiger werden. Es wird viel hinterfragt und vieles angestossen, bloss politisch werden Züri West auf «Love» nicht.

Ketzer würden festhalten, dass die Welt aus den Fugen gerät, und Züri West singen über Quitten und Haustiere.
(lacht) Das ist doch wunderbar. Nun, ich habe den Weg einfach nicht gefunden, einen politischen Song zu schreiben. Das können andere besser. Es ist ja nicht so, dass ich die Welt um mich herum nicht mehr wahrnehmen würde. Ich glaube einfach, in einem Popsong lässt sich das momentane Geschehen nicht eindampfen. So wie es auch in einem Tweet nie gelingen wird.

Ist das der oft beschriebene Rückzug in den Mikrokosmos des Privaten angesichts einer immer unverständlicher werdenden Welt?
Ich habe schlicht keine Idee, wie die Welt durch mich weniger kompliziert werden könnte. Ich bin ebenso wenig ein Welterklärer wie jene, die auf Facebook ein Ordnungssystem schaffen, das auf erhobenen und gesenkten Däumchen beruht. Diese Form der Anteilnahme geht mir auf die Nerven. Ich habe als Songschreiber versucht, Stimmungen und Szenarien zu kreieren, die bestenfalls auf einer anderen Ebene etwas über den Menschen verraten. Wenn zwei nebeneinander auf dem Sofa sitzen und sich nichts mehr zu sagen haben, dann erklärt das zwar nur eine kleine Welt, aber vielleicht sagt auch das etwas über unser Zusammensein aus.

In den Achtzigerjahren sind Züri West überall aufgetreten, wo kulturelle Freiräume erkämpft wurden, zuweilen wurde auch der Stinkefinger gegen die Obrigkeiten ausgefahren. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie den momentanen Wirbel um die Reitschule beobachten?
Für mich war die Reitschule eine gute Schule fürs Leben. Sie hat mich gelehrt, etwas zu bewirken und dabei Spass zu haben. Und das ist die Reitschule auch heute noch: ein gutes Modell für Junge, die sich zu finden versuchen. Sie macht Bern zu einer besseren Stadt, weil sie näher am Leben ist als jeder andere Kulturbetrieb. Deshalb nervt es mich, wenn sie immer wieder wegen einiger Teilzeit-Systemverweigerer aus gutem Hause in die Negativschlagzeilen gerät und zum politischen Spielball verkommt.

Wenn Sie gerade so schön dabei sind: Worüber können Sie sich noch so aufregen?
Dass es in Bern bald nur noch Handys und Sneakers zu kaufen gibt, und natürlich regt mich auch der Trump auf. Wenn der Populismus wirklich so geil sein soll, dann sollen die jetzt zeigen, was sie drauf haben. Bis jetzt habe ich allerdings überhaupt kein gutes Gefühl dabei.

«Love» gehört musikalisch nicht zu den draufgängerischsten Alben Ihrer Band. Was steckt hinter dieser musikalischen Askese – der Wille zum zeitlosen Lied?
Der Song war der Chef. Mir stand der Sinn nicht nach musikalischen Manierismen, und wir wollten die Lieder so gestalten, dass wir damit auf die Bühne können, ohne noch zwanzig Gastmusiker einladen zu müssen. Natürlich haben wir jeweils verschiedene Sounds und alternative Songstrukturen ausprobiert, doch letztlich sind wir immer wieder auf die ungekünstelten Ursprungsversionen zurückgekommen.

Steckt hinter dieser Einfachheit mehr Beschwernis, als man denkt? Die Aufnahmen sollen sich in die Länge gezogen haben, und seit dem letzten Album sind fünf Jahre vergangen.
Es gibt mehrere Gründe dafür. Ich bin spät Vater geworden, und ich gebe zu, dass in den ersten zwei Jahren die Musik nicht die grösste Priorität hatte. Zudem gab es die beiden Wechsel in der Band, es gab da einige Abtastrunden. Und zuweilen war es gar nicht so einfach, Termine zu finden, an denen wir gemeinsam am Album arbeiten konnten. Die Situation in der Musikbranche hat zur Folge, dass all meine Mitmusiker Jobs und andere Engagements annehmen mussten.

Sie haben es gesagt: Es gibt zwei neue Gesichter bei Züri West. Der Gitarrist Manuel Häfliger ersetzt Tom Etter, und Wolfgang Zwiauer bedient neu den Bass. Was haben die beiden musikalisch eingebracht?
Wolfgang ist ein äusserst eleganter Bassist, und Mänu bringt eine Klangkultur in die Band ein, die noch kein anderer Züri-West-Gitarrist zuvor hatte. Und er kann wunderbare Soli spielen.

Kürzlich sind Züri West an den Swiss Music Awards im Hallenstadion aufgetreten. Ein routinierter Playback-Auftritt. Nichts Spektakuläres. Und doch schienen die Handy-Teenies in der ersten Reihe etwas irritiert. Die Mannen mit ihren etwas altbackenen Rockriffs, dem kunstlos gespielten Schlagzeug und ihren Erwachsenenproblemchen müssen ihnen vorgekommen sein wie eine Heimsuchung von Figuren aus einer anderen Zeit. Jedenfalls nichts, was man so spontan bekreischen mochte. Das verwundert deshalb nicht, weil die Band ihre Musik immer noch genau so veröffentlicht, wie man das vor zwanzig Jahren getan hat. Auf Spotify finden Züri West nicht statt, auf Youtube ebenfalls kaum. Das ging bis jetzt einigermassen gut. Doch auf die Dauer scheint das eine riskante Strategie.

Ihr neuer Gitarrist Manuel Häfliger kommt aus der Werbebranche. Was sagt er zur eher zurückhaltenden Öffentlichkeitsarbeit von Züri West?
Er hat sich schon des Öftern am Kopf gekratzt. Mir sind die Methoden, mittels neuer Medien Werbung für die Band zu machen irgendwie zuwider. Ich falle nicht gerne mit der Tür ins Haus. Wir sind uns bewusst, dass wir da künftig Kompromisse eingehen müssen. Doch ich bin froh, dass ich mich privat da raushalten kann. Ich mag diese Hektik nicht. Und ich wäre einer, der all die Kommentare viel zu ernst nehmen würde.

Mit der Abwesenheit auf Spotify und anderen Streamingdiensten haben Sie quasi die Jugend aufgegeben. Ausserdem sind für einen Teenager Öffentlichkeits-Pausen von fünf Jahren ein halbes Leben. Keine Nachwuchssorgen?
Natürlich haben wir die. Und natürlich sind alle Streaming-Anbieter bei uns am Pickeln. Ich bin frustriert, was die Entwicklung in der Musikbranche angeht, wo man nur noch vor die Wahl zwischen Blödsinn und Quatsch gestellt ist. Natürlich ist es mässig geil, auf Spotify nicht vertreten zu sein, andererseits bezweifle ich, dass die Musik an Wert gewinnt, wenn alles überall halb gratis zur Verfügung steht und jeder Song mit irgendwelchen Bildchen verziert werden muss.

Sie haben Ihre beiden Vorab-Singles mit einem einzigen Pauschalvideo unterlegt. Ein Statement?
Klar. Ich finde, Musik hat mehr Wirkung, wenn man sie mit geschlossenen Augen und Kopfhörern hört als von Bildern abgelenkt über miserable Compi-Lautsprecher. Ein unverbesserlicher Nostalgiker halt.

Züri West: «Love» (Sound Service). Erscheint am Freitag, 24. März. (Der Bund)

Erstellt: 17.03.2017, 06:54 Uhr

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