Jedem Dorf sein Rössli

Die Rössli-Bar in der Reitschule feiert ihr fünfjähriges Bestehen, und zwar nonstop während fünf Tagen.

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Jedes anständige Dorf hat seine Beiz. Hier treffen sich Kirchengänger nach der Predigt zum Frühschoppen, hier wird am Stammtisch lauthals Geschäftliches und Politisches abgehandelt, und hier geraten Kinderaugen ob Nussgipfeln, die auf dem Buffet unter transparenten Plastikhauben stationiert sind, ins Glänzen. Kurz: Eine Dorfbeiz ist eine zentrale Begegnungsstätte, in der nicht nur für das leibliche Wohl gesorgt wird, sondern auch wichtiger sozialer Austausch stattfindet.

Was so traditionsverankert ist, will auch einen vertrauenerweckenden und bodenständigen Namen haben. So tragen viele Gastbetriebe Namen aus dem Tierreich; gemäss NZZ gibt es in der Schweiz insgesamt 236 Löwen, 196 Hirschen und 168 Bären. Eines aber schlägt alle: das Rössli. Geschlagene 290 Wirtshäuser tragen den Namen des galoppierenden Einhufers.

In der Stadt Bern selber gibt es gemäss elektronischem Telefonbuch nur ein einziges Rössli, und dieses ist eine Gaststätte der weniger traditionellen Art. Die Rede ist von der Bar in der Reitschule, die früher auf den Namen I-Fluss-Bar lautete und in demjenigen Raum zu finden ist, der lange Zeit mit 1000 m³ Beton gefüllt war. 1996 hatte nämlich das Strasseninspektorat das Foyer der Reitschule mit der grauen Masse aufgefüllt, und erst fünf Jahre später wurde die Kammer im Rahmen von Renovationsarbeiten wieder entbetonisiert. Das Konzept der danach eingerichteten I-Fluss-Bar – mit Computerstationen, verschiedensten Tageszeitungen und Infoveranstaltungen einen Ort der Meinungsbildung zu schaffen – wollte in der Realität nicht funktionieren, weswegen 2009 das Rössli in seiner heutige Form ins Leben gerufen wurde.

24/5-Konzertstätte

Ursprünglich seien zwei Konzerte pro Woche geplant gewesen, so Veranstalter Rudolf Löffel. In letzter Zeit gab es allerdings wöchentlich deren drei oder vier, was sich gemäss Löffel in absehbarer Zukunft wieder ändern wird: «Wir müssen runterschrauben, drei Anlässe pro Woche sind finanziell nicht stemmbar, weil wir den Anspruch haben, Konzerte für gerade mal zehn Franken Eintritt zu bieten.»

Das Rössli hat sich in den fünf Jahren seines Bestehens zur wichtigen Spielstätte für alternative Musik gemausert, wo es Bands aus den unterschiedlichsten musikalischen Ecken zu sehen gibt. Diese Bandbreite wird denn auch bei der Geburtstagsfeier zum Tragen kommen, für welche ein einigermassen verrücktes Experiment gewagt wird: Während fünf Tagen wird der ehemalige Pferdestall durchgehend geöffnet sein, und zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten werden kulturelle Veranstaltungen unterschiedlichster Natur geboten (siehe Kasten).

Urbane Dorfbeiz

Das Rössli erhielt dazumal seinen Namen, weil er einerseits natürlich zur ursprünglichen Funktion der Reitschule passt. Andererseits ist er aber durchaus auch als ironische Anspielung auf behäbiges, konventionelles und traditionelles Dorfleben zu verstehen, das im Foyer der Reitschule eben genau nicht zelebriert werden soll. So führt denn die mit «Kegelbahn» beschriftete Türe auch nur in ein kleines Kämmerchen mit technischem Equipment und Kabelsalat.

In gewissen Dingen allerdings unterscheidet sich das Rössli wenig von einer traditionellen Dorfbeiz: Es ist gleicherweise eine wichtige Begegnungsstätte, Liebhaber von Alkoholika kommen gleichermassen auf ihre Kosten, und dass auch politische Diskussionen geführt werden, lässt nicht zuletzt das Niklaus-Meienberg-Zitat an den Rössli-Mauern vermuten: «Wäre die Bastille in Bern gestanden / Sie hätten zuerst den Denkmalschutz gefragt.» Und wer weiss, vielleicht werden im Rahmen der Geburtstagsfeier gar Nussgipfel und Kägi-fret am Bartresen zu haben sein in Berns urbaner Dorfbeiz.

Es hat schon so einiges erlebt in seinem kurzen Leben. Den Schweif trägt das Reitschule-Rössli aber immer noch hoch. Foto: zvg

DerBund.ch/Newsnet

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