Hintergrund

Ins Graue getroffen

Sie kamen aus Bern und lieferten den Hit zu den Zürcher Jugendunruhen von 1980: dass Grauzone aber mehr waren als «Eisbär», zeigt jetzt eine Doppel-CD mit ihrem beeindruckenden Gesamtwerk.

Grauzone-Gründungsmitglied: Schlagzeuger Marco Repetto.

Grauzone-Gründungsmitglied: Schlagzeuger Marco Repetto. Bild: zvg

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Das Publikum war zu perplex, um die Band mit Bier zu bewerfen. Die Musiker, die Ende 1980 im Zürcher Pornokino Walche auf der Bühne standen, waren nicht in Form. Schlechte Drogen waren im Spiel, die Stimmung unter den Musikern war mies, das Auditorium zornig. Mehr Erinnerungen sind da nicht. Nur so viel: Es war das letzte Konzert von Grauzone in ihrer Grundformation. Man hatte sich verzettelt im Bemühen, dem Publikum das zu verweigern, was es hören wollte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Berner eine unbequeme Untergrundband, die zwar bereits einen Welthit hatte, davon aber noch nichts wusste.

In einem geräumigen Übungsraum am Berner Bollwerk trafen sich seit Anfang 1980 Schlagzeuger Marco Repetto, Bassist GT (eigentlich Christian Trüssel) sowie Sänger und Gitarrist Martin Eicher, um eine Musik zu bewerkstelligen, von deren stilistischer Ausrichtung sie nur vage Vorstellungen hatten. Nur eines war klar; sie sollte anders und offener sein als der bierselig gewordene Punk. Marco Repetto war mehrmals nach London gereist und war angetan von der Einmischung der Kunstszene in die musikalische Subkultur. Er verehrte Bands wie Siouxsie and the Banshees oder Wire und bewunderte das ausgeklügelte Bandkonzept von Velvet Underground – so etwas sollte in Bern auch möglich sein, und daran wurde gefeilt.

Keine gute, eine schöne Band

Man begann, mit gemieteten Synthesizern zu experimentieren, und bald stiess mit Martins Bruder, Stephan Eicher, ein kunstaffiner Bonvivant zur Band. Er war Absolvent der Zürcher Schule für Kunst und Mediendesign, beriet die Band im visuellen Auftritt und brachte sich auch musikalisch ein. «Stephan war ein Meister der Motivation», erinnert sich Marco Repetto, der als einziges der Gründungsmitglieder über die kurze, aber intensive Zeit bei Grauzone sprechen will. «Als er uns das erste Mal im Übungsraum besuchte, fand er, dass wir keine besonders gute, aber eine schöne Band seien und dass wir lernen müssten, unser mangelndes Können mit einem Höchstmass an Gefühl zu kompensieren.»

Im Juli 1980 wurde Grauzone, inzwischen erweitert durch die Saxofonistin Claudine Chirac, ins Sunrise-Studio im sankt-gallischen Kirchberg geladen. Die Band sollte zwei Stücke für eine CD mit New Wave aus der Schweiz einspielen. Doch im Studio kam es beinahe zum Eklat. Marco Repetto fiel durch leichte Rhythmusschwankungen auf, weshalb sich die Produzenten dazu entschieden, für das Stück «Eisbär» aus den Schlagzeugaufnahmen einen Drum-Loop zu basteln, eine Methode, die damals in den neuesten Discoproduktionen angewendet wurde. Doch die Produzenten waren mit dem Ergebnis noch immer nicht zufrieden.

500'000 verkaufte Singles

Also pröbelte man weiter – und auf einmal ging es um mehr als um Aufnahmen, es ging um die Selbstfindung der Gruppe Grauzone. Das Zeitbudget wurde hoffnungslos überzogen, die Stimmung war angespannt, doch am Ende verliess man das Studio mit zwei Songs, von denen einer – eben «Eisbär» – in die Musikgeschichte eingehen, die Band kurz darauf aber auch zerreissen sollte. «Eisbär» war ein in allen Belangen fortschrittliches Stück Musik, es war frostig und doch tanzbar, mit schnoddrigem Punk-Appeal aufgeraut und doch eingängig, und man ging auch produktionstechnisch höchste Risiken ein, weshalb Marco Repetto Tontechniker Etienne Conod heute als heimliches sechstes Mitglied von Grauzone bezeichnet.

Zunächst nahm von diesem Pioniergeist jedoch kaum jemand Notiz. Erst ein halbes Jahr später meldete sich EMI Deutschland bei den Bernern, «Eisbär» wurde als Single veröffentlicht und schlug – in einer Zeit, in der die Neue Deutsche Welle von der Plattenindustrie entdeckt wurde – ein wie eine Bombe. Mit fast 500'000 verkauften Singles weltweit war der Song einer der erfolgreichsten des Schweizer Pop. Und mit seiner Metapher vom Leben im kalten Polar wurde das Stück zum Signet der Zürcher Jugendunruhen von 1980.

Es wäre noch mehr möglich gewesen

Dass Grauzone das Potenzial gehabt hätten, eine noch nachhaltigere Rolle zu spielen, beweist die neue Doppel-CD «1980–1982», die (bis auf ein Stück) sämtliches Material enthält, das die Band aufgenommen hat, inklusive einer Liveaufnahme von 1980 und fünf noch nie auf CD erschienenen Stücken. Grauzone schlenkerten so unberechenbar wie neckisch zwischen Avantgarde und Pop, zwischen New Wave, Post-Punk und Neuer Deutscher Welle, zwischen sprödem Ernst und wunderlichem Humor, ohne sich je zu entscheiden.

Das Songmaterial ist erstaunlich gut gealtert, da finden sich in bestem No-Wave-Duktus gehaltene Zornausbrüche wie das wunderbare «Ein Tanz mit dem Tod» neben schlüssigen Instrumental-Elektro-Tracks wie «Film 2» oder auch eigentliche «Eisbär»-Nachfolge-Hits wie «Raum» und «Träume mit mir». Grauzone nahmen Anfang der Achtzigerjahre viel von dem vorweg, was heute im Post-Punk-Revival wieder als chic gilt.

Eine Band, zwei Fraktionen

Dass bereits nach zwei Jahren Schluss war mit Grauzone, lag an den diffizilen und differenten Charakteren in der Band – und an einem Erfolgstrauma. «Wir kamen mit dem Druck nicht zurecht, wir wollten keine Konzessionen an den Massengeschmack machen, und doch spürten wir, dass wir in einer Liga mitmischten, in der untergeht, wer nicht erfolgreich ist», so Marco Repetto. Zwar raufte sich die Band zusammen und spielte ein wegweisendes, aber nicht besonders erfolgreiches Album ein.

Doch bereits bei diesen Aufnahmen wurde klar, dass die Band zerrüttet war. «Es gab die Eicher-Fraktion, und es gab GT und mich, die in dieser Konstellation einfach untergingen», sagt Marco Repetto. «Dabei bin ich überzeugt, dass die Kollision dieser verschiedenen Temperamente den Erfolg von Grauzone ausgemacht hat. GT und ich rissen Dinge an, auf welche die Eicher-Brüder nicht gekommen wären, und umgekehrt. Wir waren eher für das Unberechenbare zuständig, während die Eichers Stil und Schick brachten.»

Schmerzhafte Bandauflösung

Die Auflösung der Band hat – ausser bei Stephan Eicher, der schon während der Grauzone-Zeit die Solokarriere lancierte – bei den Beteiligten tiefe Wunden hinterlassen. Repetto: «Man kann sich das so vorstellen: Wir sassen vor einem grossen Schatz, aber konnten ihn nicht greifen, weil wir uns selber in die Quere kamen.» Weil es sich als Punk nicht schickte, Verträge zu unterschreiben, wurden die Rechte nie geregelt (Repetto und GT sind auf Papier nur an wenigen Songs urheberrechtlich beteiligt).

Martin Eicher hat sich nach einem gescheiterten Soloversuch aus der Musik zurückgezogen, während sich Marco Repetto und GT zunächst in der No-Wave-Band Eigernordwand austobten und sich später aus den Augen verloren. Repetto ist als Produzent und Betreiber des Labels Inzec Records noch in der elektronischen Musikszene aktiv. «Vermutlich fehlte uns der Glaube, dass wir einfachen, punkig veranlagten Arbeitersöhnchen aus dem kleinen Bern zu etwas Grösserem fähig sind», resümiert er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2011, 10:32 Uhr

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Die CD

Grauzone: 1980–1982 (Mital-U).

Bassist GT spielte nach Grauzone mit Repetto in der Band Eigernordwand.

Martin Eicher versuchte nach Grauzone vergeblich eine Solokarriere. (Bild: zvg)

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