Im Computer fliesst Blut

Auf dem Album «Handwerk» interpretiert der Berner Pianist Oli Kuster mit Jazzmusikern den Roboterpop von Kraftwerk neu – und ziemlich überraschend.

Lieben Kraftwerk: Oli Kuster (2.v.r.) mit Band.

Lieben Kraftwerk: Oli Kuster (2.v.r.) mit Band. Bild: Menschmaschine.ch

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Früher trugen Roboter noch Krawatte. Auf dem Album «Die Mensch-Maschine» von 1978 posierten die Mitglieder der legendären Elektropop-Gruppe Kraftwerk mit starrem, leblosem Blick. In der frühen Ära der Computerisierung untersuchte die Düsseldorfer Band eine mögliche Freundschaft der Menschen mit den Maschinen. Nur logisch, dass man dem Roboter, den man derart hoch schätzte, eine Krawatte umband.

Geradezu urzeitliche Menschen am Werk

«Selbstverständlich tragen auch wir Krawatte», sagt Oli Kuster im Gespräch lächelnd. Für sein Album «Handwerk» hat der Berner mit seinem Quartett namens Menschmaschine das berühmte Album-Cover von Kraftwerk nachgestellt. Doch in seiner Band regieren nicht die Computer, es regiert eben das Handwerk leibhaftiger Menschen. Sie transferieren die Elektropop-Klassiker von Kraftwerk («Autobahn», «Trans-Europa- Express») in den Jazz: Domenic Landolf am oft ungestümen Tenorsaxofon, Christoph Utzinger am Kontrabass, Kevin Chesham am Schlagzeug und Oli Kuster am Klavier.

Und es stimmt, was ein Spassvogel zu dieser Musik schrieb: Verglichen mit dem technoiden Elektropop von Kraftwerk scheinen hier geradezu urzeitliche Menschen am Werk, die, wenn sie nicht spielen, nach wilden Beeren und rohem Fleisch suchen. Dass eine akustische Jazzband sich an Kraftwerk versucht, ist überraschend. Man glaubte, dass das Technoide die Essenz von Kraftwerk ausmacht. Dass die Gruppe vom süsslich Irrealen ihrer Synthesizerfarben und vom Gerasterten ihrer Elektrorhythmen lebt.

«Kraftwerk unplugged ist eigentlich ein Widerspruch», räumt auch Kuster ein. Doch seine jazzigen Anverwandlungen der Kraftwerk-Stücke funktionieren am Ende prächtig. Das liegt daran, dass in der Musik dieser Band viel mehr verborgen liegt als zunächst vermutet. Kraftwerk sind eben mehr als nur synthetische Verpackungskünstler, ihre Musik hat auch ohne technoiden Überzug erstaunliche Kraft.

Ins Menschliche verunklärt

«Man denkt, bei Kraftwerk gehe es um Sounds und die Drums, und die Melodien seien simpel», so Kuster. «Doch die Melodien tragen ausserordentlich gut. Sie führten uns an ganz unerwartete Orte. Das musikalische Material lässt vieles offen.» Recht nah am Original bleibt zwar das eine oder andere Stück auf dem Album, wenigstens streckenweise. Neckische, kecke, spitze Nötchen von Klavier und Tenorsaxofon ertönen in «Die Roboter» über trashigen Beats des Schlagzeugs. Alles verschlauft sich zu einer Apparatur aus Minimal-Loops. Das klingt, den akustischen Instrumenten zum Trotz, immer noch sehr nach Maschine.

Doch meist ist die Musik von Kraftwerk hier ins Freie weitergedacht und in die Improvisation. Dabei entfernt sie sich weit weg von den Originalen. Der Klassiker «Mensch-Maschine» etwa klingt bei Kuster zu Beginn fast nach dem John Coltrane der späten 60er-Jahre; Saxofonist Domenic Landolf spielt mit hymnischem Ton. Entscheidend ist dabei auch, dass die Nummer im Rubato, also ohne präzisen Puls, beginnt – ganz im Gegensatz zu den metronomisch exakten Kraftwerk. Gerade dies bleibt Programm: Was bei Kraftwerk in klinischer Perfektion erklingt, ist hier ins Menschliche verunklärt. Und wo Kraftwerk in der Reinheit und geometrischen Strenge einer platonischen Idee funkeln, da gibt es bei Kuster auch irdische Unreinheit, ja Chaos.

Ruckelnde Dampflokomotive

Und natürlich will Kuster in seiner Anverwandlung der Stücke, die im Original so entpersonalisiert wirken, auch das Musikersubjekt nicht ausschalten. Bei ihm gibt es weitläufige Soli, Menschenspieler lassen die Musik von Kraftwerk atmen, schwitzen, singen. Und zuweilen auch bluten. Das berühmte «Trans-Europa-Express» tasten Kuster und seine Kollegen in den Eingeweiden an. Es erinnert keinen Moment mehr an einen Expresszug, eher schon an eine ruckelnde Dampflokomotive. Auf schillernde Klavier-Reharmonisierungen der berühmten Quartenmotive zu Beginn folgt das Tenorsaxofon mit verstörten Tönen. Das Schlagzeug spielt verfrickelte Sounds. Der «Trans-Europa-Express» entgleist, und der Lokomotivführer heisst vielleicht Wayne Shorter. Oli Kuster paraphrasiert, konterkariert die Kraftwerk-Kompositionen, führt sie weiter, transzendiert sie.

Es ist verblüffend, in wie viele Richtungen sich die Musik von Kraftwerk verzweigt. Dass Kuster nicht einfach nur die Originale «nachspielt», hätte man schon aufgrund des Plattencovers wissen können. Starr nach rechts schauen bei Kraftwerk die krawattierten Roboter. Auch Kuster und seine Musiker tragen Krawatte. Doch statt nach rechts blicken sie nach links – und entdecken offensichtlich auch ganz neue Welten. (Der Bund)

Erstellt: 28.12.2011, 09:37 Uhr

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