«Ich habe mir eine Insel geschaffen»

Kultur

35 Jahre lang hat Peter Burkhart in der Mühle Hunziken Konzerte veranstaltet und das Lokal weit über Bern hinaus bekannt gemacht. Nun übergibt er die Mühle dem Blueser Philipp Fankhauser und zieht nach Frankreich.

  • loading indicator

Peter Burkhart, Sie haben am Konzert von Philipp Fankhauser bekannt gegeben, dass Sie sich aus der Mühle zurückziehen und ihn zu Ihrem Nachfolger machen. Wie haben Sie nachher geschlafen?

Mir geht es sehr gut, ich habe elf Stunden durchgeschlafen.

Übers Aufhören haben Sie in den letzten Jahren immer wieder laut nachgedacht, doch stattdessen haben Sie dann die Mühle weiter ausgebaut. Warum kommt der Rücktritt gerade jetzt?

Für mich ist jetzt der perfekte Zeitpunkt: An meinem 69sten Geburtstag, am 28. Mai, habe ich gekündigt. 69 ist eine schöne Zahl, dreimal 23. Vor 23 Jahren lernte ich meine zweite Frau Pia kennen, sie war damals 23 und ich 46. Jetzt hat auch sie – wie ich – ihr halbes Leben in der Mühle verbracht.

Das tönt wunderschön, doch von seinem Lebenswerk trennt man sich doch nicht innerhalb eines Monats.

Vor neun Jahren, als ein paar liebe Freunde gestorben sind, habe ich zusammen mit meiner Familie bereits ein Szenario für die Zeit nach meinem Abgang entworfen. Der Plan war gut gemeint, aber leider nicht zu Ende gedacht, weil ich ja noch da war. Für alle Beteiligten war die Situation in letzter Zeit nicht immer einfach, meine Frau und meine beiden Kinder aus erster Ehe arbeiten ja auch in der Mühle. Jetzt bin ich sehr froh, nach langer Suche eine neue Lösung gefunden zu haben: Philipp Fankhauser und dessen Bruder Christoph sind die besten Seelenverwandten für meine Kinder.

Haben Sie Fankhauser nicht vor 18 Jahren ein Hausverbot erteilt, das Sie erst letztes Jahr aufgehoben haben?

Philipp wohnte, arbeitete und spielte vor zwanzig Jahren schon in der Mühle. Wir haben uns dann verkracht, vielleicht weil wir zu ähnlich waren. Nun ist er zurück, und das ist gut so.

Ihre Tochter und Ihr Sohn werden auch zur neuen Mühle-Crew gehören. Fällt ein Abtreten leichter, wenn die Kinder an der Weiterführung des Lebenswerks beteiligt sind?

Es ist einfacher für mich, aufzuhören, als für meine Kinder, die Mühle weiterzuführen. Familygroove tönt gut und schmückte lange Zeit auch das Mühle-Programm. Doch Eltern können nerven, und Kinder auch. Ich konnte nie gut delegieren, die Mühle war mein Kind, alles musste immer so sein, wie ich es wollte.

Seit 35 Jahren organisieren Sie Konzerte und gehören damit zu den Veranstaltern, die am längsten im Geschäft sind. Wie haben Sie es so lange ausgehalten?

Ich bin in all den Jahren in der Mühle geblieben, habe kaum auswärts Konzerte besucht. Von der Welt habe ich nicht viel gesehen, dafür habe ich eine Insel ganz nach meinen Vorstellungen geschaffen. Wäre ich mehr unterwegs gewesen, hätte ich wohl angefangen, zu vergleichen und wäre plötzlich weg, weil es mir anderswo besser gefallen hätte.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie keine schriftlichen Verträge abschliessen und die mündlichen machen Sie in einem ziemlich rudimentären Englisch. Haben Sie das bis zuletzt durchgezogen?

In all den Jahren ist ein grosses gegenseitiges Vertrauen zwischen den Musikern, den Managern und mir entstanden. Die meisten, die hier aufgetreten waren, wollten wiederkommen. Und verstanden wurde ich immer. Wenn ich sauer war und einem Musiker sagte «you can me crosswise», so hat das jeder sofort kapiert. Oder wenn die Musiker zu wenig Warmwasser zum Duschen hatten, sagte ich einfach «I’m not a boiler», und das Thema war vom Tisch. Ich habe die wildesten Storys erlebt, und die Verständigung wurde nie zum Problem.

Zum Beispiel?

Einmal kam ein Bauer in die Mühle, der nach dem Konzert unbedingt Screaming Jay Hawkins ein Geschenk übergeben wollte. Es war der ausgekochte Schädel seines Lieblingspferds. Er hatte es Screaming getauft, weil er dessen Musik so sehr mochte. Ich habe dem Musiker dann die Story erzählt, und dieser war so gerührt, dass er den Bauer spontan eine Woche zu sich nach New York einlud.

Die Musikszene machte grosse Veränderungen durch. Ist das Umfeld für Sie schwieriger geworden?

Als wir angefangen haben, gab es in Bern nur das Bierhübeli und die Mahogany Hall. Heute hat es ein Überangebot an Konzerten und immer neue Veranstalter, die auch ein Stück vom Kuchen wollen. So ist zum Beispiel John Mayall über Jahrzehnte immer in der Mühle aufgetreten, jetzt zieht er plötzlich das Kofmehl Solothurn vor. Ich habe auch realisieren müssen, dass das Publikum weniger neugierig ist. Doch unser Trumpf gegenüber der Konkurrenz ist unsere 35-jährige Geschichte. Nicht wenige Musiker widerstehen der Versuchung und treten weiterhin bei uns auf, auch wenn ein anderer Club mehr Gage bietet.

Was werden Ihre Nachfolger besser machen?

Das wird man sehen.

Haben Sie ein paar Tipps für sie?

Sie sollen nur auf sich hören, ihren Visionen und Träumen nachleben und keine Konzessionen ans Publikum machen.

Jetzt treten Sie also als Mühli-König ab. Gehen Sie ins Stöckli?

Nein, ins Exil, Anfang Juli ziehe ich nach Frankreich.

Was? Sie sind doch jeweils ­höchstens ein paar Tage nach Paris, um auf den Flohmärkten ein neues Objekt für die Mühle zu kaufen, haben vor nicht allzu langer Zeit das Backhäuschen zu Ihrem Wohnhaus gemacht und aufwendig umgebaut. Das geben Sie nun alles auf?

Ja, ich wandere nach Südfrankreich aus, 1000 Kilometer weit weg bin ich dann, diese Distanz brauche ich jetzt zur Mühle. Dort habe ich einen einsamen, heruntergekommenen Hof gekauft, den ich renovieren will.

Sie fangen also noch einmal von vorne an?

Ja, das ist ein Riesenglück und ein grosses Privileg, in meinem Alter noch einmal ein ganz neues Leben anfangen zu können. Zum ersten Mal werden meine Frau und ich zu zweit leben, bis heute waren wir ja immer zu dritt – wir beide und die Mühle. In Frankreich bin ich der Ausländer, und keiner kennt mich. Und dort hoffe ich, endlich mir selber auf die Schliche zu kommen.

Wie meinen Sie das?

Erstaunlicherweise glauben alle ausser mir, zu wissen, wer ich bin. Ich möchte endlich herausfinden, wie ich funktioniere. Ich bin ja ein Zwilling, und der eine begreift häufig nicht, was der andere gerade macht. In der Abgeschiedenheit ist es einfacher, hinter diese Mechanismen zu kommen, als hier, wo ich immer mit 400 Leuten Party mache. Und ist das Haus einmal renoviert, will ich malen und Figuren schaffen.

Und was nehmen Sie mit?

Einen Haufen schöner Erinnerungen und den hölzernen Karussellhund aus Russland, der heute im Fumoir steht. Das habe ich ihm versprochen.

Was bleibt?

Zu den Engeln, den Tieren, den Horrorgestalten und allen anderen Objekten, die ich in den letzten 35 Jahren gesammelt habe, kommt nun noch ein Tyrannosaurus Rex aus China. Den montiere ich unter dem Dach der Mühle. Zwischen den Zähnen wird er mein rotes Seidenfoulard haben, das ich bei den Konzertansagen immer trage. Wenn dann nach mir gefragt wird, müssen meine Nachfolger nur nach oben zeigen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt