Hüter des schlechten Geschmacks

Seit 10 Jahren treiben die Tequila Boys ihr musikalisches Unwesen. Am Freitag lud die alkoholaffine Männer-Riege zur grossen Geburtstagssause im Dachstock.

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Freitagnacht, Dachstock Reitschule, Hochburg der alternativen Musikkultur. Das Publikum schunkelt zu «Tulpen aus Amsterdam», ein nicht mehr ganz standfestes, überaus tollkühnes Pärchen übt die Hebefigur aus «Dirty Dancing», und ein gestandener Rocker in Lederhosen reckt zum Eurodance-Verbrechen «I Like to Move it» die Fäuste in die Luft.

Die Musikauswahl erinnert an eine Jukebox irgendwo in einem ländlichen Pub, die Song-Lieferanten sind allerdings aus Fleisch und Blut, wobei sich der Blut-Anteil in deren Venen- und Adernsystemen im Verlauf des Abends dramatisch verringert und mehr und mehr durch Feuerwasser ersetzt wird. Willkommen in der Welt der Tequila Boys, Hüter des schlechten Geschmacks seit nunmehr 10 Jahren.

Begonnen hat alles 2006 im Sous-Soul-Gewölbekeller in der unteren Altstadt. Dem ersten Tequila-Boys-Konzert lag die Idee zugrunde, Rapper auf Musiker treffen zu lassen, und weil die beiden Wortakrobaten Basil Eret (Baze, Boys on Pills) und Etienne Marti (Diens, Wurzel 5) nicht ihrem Kerngeschäft nachgehen, sondern sich als Sänger versuchen wollten, wurden der Einfachheit halber bekannte Gassenhauer gecovert.

Das mit den Tequila-Shot-Runden zwischen den Songs habe sich dann irgendwie so ergeben, erklärt Bassist Tevfik Kuyas. Waren bei den ersten Sausen gerade mal 30 Nasen vor Ort, reichte bei den folgenden Konzerten die Schlange derjenigen, welche Einlass begehrten, bald einmal die halbe Junkerngasse hinauf.

Seit 2006 ist viel Feuerwasser die Kehlen der Tequila Boys hinuntergeflossen. An die 150 Shows dürften die Herren bis anhin absolviert haben, nebst den monatlichen Stammkonzerten im ISC, wohin die Männer-Riege 2011 ihr Schnapslager verlegte, werden in den Wintermonaten auch regelmässig andere Schweizer Städte mit Auftritten beglückt.

Rund 1000 Lieder haben die Mannen mittlerweile im Repertoire, geübt wird aus Prinzip vor jeder Show höchstens ein Mal.

Dass die Songs live trotzdem nicht im Fiasko enden, ergibt sich aus der Tatsache, dass bei den Tequila Boys richtig gute Musiker die Instrumente bedienen. Fabian Bürgi (Drums), Tevfik Kuyas (Bass) und Benjamin Külling (Keyboard) sind alles Jazzschul-Absolventen und stehen bei diversen anderen Combos im Dienst, Gitarrist Raphael Jakob gehört zu den wahrscheinlich vielseitigsten Klampfen-Männern und wechselt scheinbar mühelos die Genre- und Stilschubladen.

Seltsam verhalten

Nein, keiner von ihnen hätte es für möglich gehalten, dass sie diesen «Wahnsinn» 10 Jahre lang durchziehen würden, zumal da ja auch sechs Charaktere mit «pikuherte Gringe» zusammengefunden hätten, sagt Bassist Tevfik Kuyas.

Richtig schöne Männerfreundschaften seien in den Jahren entstanden, und man würde mehr Sorge zueinander tragen als in den Anfängen. Oder wie Baze bärbeissig formuliert: «Mittlerweile geben wir uns nur noch verbal aufs Dach.»

Die monatlichen Tequila-Boys-Shows im ISC stehen immer unter einem bestimmten Motto, wobei bei der Songauswahl auch mal weniger Geläufiges und Sperrigeres Platz auf der Setliste findet.

Bei der samstäglichen 10-Jahres-Sause im Dachstock wurde auf Unzugänglicheres allerdings gänzlich verzichtet, dafür wurde 3,5 Stunden lang das Radio-Hit-Prinzip gefahren.

Unter anderem traten Müslüm, Bubi Rufener, Greis und Seven als musikalische Gäste auf, wobei das Publikum aber nicht eingeweiht wurde, warum gerade diese Herren mittaten. Die erste Hälfte des Tequila-Boys-Sets blieb zudem seltsam verhalten, wobei auch die Einheitsuniform – schwarze Kapuzenpullis mit Bandnamen-Aufdruck – nicht gerade für Geburtstags-Glamour sorgte.

Uneingeweihte dürften sich zu diesem Zeitpunkt gefragt haben, wieso 700 Leute in den Dachstock strömen, wenn dort doch eine stinkgewöhnliche Cover-Band aufritt, und Zyniker würden sich an dieser Stelle über den Geschmack eines Publikums auslassen, das in erster Linie bekannte Mitgröhlsongs hören will.

Dass die Tequila Boys aber eben doch mehr sind als eine menschliche Pub-Jukebox, wurde am Samstag in den Momenten klar, als die Herren Baze und Diens zum Freestylen ansetzten, als die Musiker solierten und die Combo als Ganzes die ausgetretenen Hitstruktur-Pfade verliess.

Und als dann auch endlich der erste Einsatz verpasst wurde und der erste Refrain in die Hosen ging, wähnte man sich schon fast wieder in alten Tequila-Boys-Zeiten.

Das Problem der Tequila Boys ist, dass sie im Verlauf der Jahre technisch und gesanglich viel zu gut geworden sind für ihr niederschwelliges Unterhaltungsangebot. Bloss, was soll man den Herren raten? Noch weniger üben, noch mehr trinken? Ist das moralisch vertretbar? (Der Bund)

Erstellt: 22.05.2016, 22:13 Uhr

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