Hipsters Dilemma

Popstar David Byrne betreibt jetzt eine Website mit guten Nachrichten. Das wäre nicht nötig gewesen.

Sein Einfluss auf die Kunstwilligen ist gross: David Byrne. (10. Juni 2008)

Sein Einfluss auf die Kunstwilligen ist gross: David Byrne. (10. Juni 2008)

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Grossartig wurde es, wenn der Panzer der Coolness abfiel. Zum Beispiel im Song «This Must Be the Place», 1983. Nach anfänglichem Tändeln bricht es aus Sänger David Byrne heraus: «Ich habe noch so viel Zeit, oh ja, da ist dieses Licht in deinen Augen!» Eine Hymne ohne doppelten Boden, getragen nur von Byrnes schwankender, zaudernder, verliebter Stimme. In Erinnerung blieb die US-Gruppe Talking Heads aber vor allem als die Hipster-Band. Wegen ihrer Aneignung exotischer Sounds und Moden, der Vorliebe für Performances und Installationskunst, dem unterkühlten Temperament und der Dauer-Ironie als Modus Operandi. Byrne war ihr Star, ein Gott der Postmoderne in hagerer Gestalt und eckigem Anzug. Sein Einfluss auf die Kunstwilligen dieser Welt ist kaum zu überschätzen; Radiohead heissen Radiohead, weil Byrnes Band einen Song diesen Namens hatte. Nachdem sich die Talking Heads 1991 aufgelöst hatten, wurde es still um den gebürtigen Schotten. Er schien sich mit der Verwaltung seines Poplegenden-Erbes zu begnügen, zuletzt entwarf Byrne Veloständer in New York.

Velo-Sharing in Paris

Doch ein Hipster ist ein nervöses, selbstreflexives Wesen. In ihm schlummert der Verdacht, das Streben nach urbaner Verfeinerung sei letztlich unzulänglich, ja amoralisch. Wird sein Selbstzweifel akut, muss er etwas Soziales tun – eine Online-Petition unterschreiben etwa, Biogemüse kaufen, dergleichen. Dieser Drang machte sich jüngst auch beim 65-jährigen Ur-Hipster Byrne bemerkbar: Er lancierte die Website Reasonstobecheerful.world, über die er nächsten Mittwoch in Berlin referieren wird.

Byrne schreibt auf der Website, wenn er morgens die Zeitung aufschlage, habe er immer das Gefühl, die Welt würde zur Hölle fahren, und dann sei der Tag bereits halb im Eimer. Deshalb sammle er nun «Gründe, fröhlich zu sein». Das sind beispielsweise ein Velo-Sharing-Programm in Paris, eine zur Bibliothek umgenutzte Mülldeponie in Bogota, eine Therapiestation für Drogensüchtige in Vancouver. Byrne glaubt an die Weltverbesserung im Kleinen, daran, dass Bürger jeden Ortes ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen können. «Hoffnung ist oft lokal», schreibt er. Es ist ein seltsam naives, fast kindliches Verständnis von Politik, das auf seiner Website zum Ausdruck kommt.

Noch leer ist denn auch die Rubrik namens «Wirtschaft». Hier müsste es wohl um Deregulierung oder Umverteilung gehen, um Steuererhöhungen oder -senkungen, um die Konfrontation der Reichen, der Armen oder der Bürokraten. Um die grossen, grundsätzlichen Dinge, die entscheidenden Weichenstellungen. Darum, Freund und Feind zu benennen. Das, zugegeben, wäre eine anstrengende, also unhippe Angelegenheit. Doch vermutlich wird die Sekundärtugend «Weltverbesserung» sowieso bald wieder der Kernkompetenz «Musikmachen» weichen: Anfang März wird Byrne sein erstes Solo-Album seit 14 Jahren veröffentlichen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2018, 16:15 Uhr

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