Kultur

Free Mundart-Pop

Hier müffelt nichts nach Polo: Die Berner Band Jeans for Jesus schliesst den Mundart-Pop mit der Gegenwart kurz – nachzuhören auf der neuen Single «Nie Meh».

Hieven den Mundart-Pop in die Gegenwart: Jeans for Jesus.

Hieven den Mundart-Pop in die Gegenwart: Jeans for Jesus. Bild: zvg

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Es ist Sommer und die «Sunne brätschet» ins Gesicht der Menschen, die sich an den See-Strand des Berner Sehnsuchtsorts Estavayer-le-Lac begeben haben. «Estavayeah» darf man fröhlich skandieren, während die tropische Laptop-Instrumentierung aus der Boombox perlt und der leichte, geschickt hinkende Beat mitsamt penetranter Hupe zur Party lädt. Kurz, «Estavayeah» der Berner Band Jeans for Jesus scheint der perfekte Sommerhit, der perfekte Pop-Song.

Natürlich ist – wie bei jedem guten Pop-Song – mehr unter der Party-Oberfläche zu entdecken. Denn da ist ein schattiges Gemüt zu vernehmen bei diesem sehnsüchtelnden Sänger, der selbstredend nicht unter der Sonne im Camping-Dorado liegt, sondern zu Hause, in Bern, auf dem Sofa fläzt, den Teletext liest, und am Schluss feststellt: «Oh Baby, i bi müed».

«Wir wollten mit 'Estavayeah' einen einfachen Pop-Song schreiben», sagt Michael Egger, Sänger und Mittexter der Band, die derzeit den Mundart-Pop mit der Gegenwart kurzschliesst. Doch die verschiedenen Interessen der vier Mitglieder – allen voran des musikalischen Kopfes Marcel Kägi alias KG – sabotierten den sicheren Hit mit verwirrenden Breaks und mit einer verspielten Niedergeschlagenheit, die nicht zum Glück führen kann.

Zu Hause im Internet

Das ist auch auf «Nie Meh», dem neuesten Vorboten des per Ende Januar 2014 erwarteten Debütalbums, nicht anders. Eher wird das angefinsterte, leicht depressive, verletzliche und sensible Element noch akzentuiert. Schwer ist der fragmentierte Beat, und Eggers Sänger-Ich führt in seinem Zeitdiagnostik-Katalog auf, dass «niemer meh uf ä Stueu steit, niemer me nöch, niemer me wit wäg isch», kurz: «niemer me weiss, wos düregeit». Die minimalen Synth-Flächen werden mit lächerlich anmutenden «Yeah»-Rufen und lasernden Sounds bis zum Overkill gefüllt, ehe alles implodiert – und man wieder alleine ist.

Allein, das sind die weit vernetzten Jeans for Jesus glücklicherweise nicht: Zu «Nie Meh» gibt es Bearbeitungen von Baze, von in Bern bestens eingeführten Produzenten wie Jimi Jules sowie eine Akustik-Version der Soft-Pop-Band Goodbye Fairbanks, die alle Radiostationen auf Heavy Rotation setzen dürften. Ja, man könnte Jeans for Jesus gar in einen internationalen Kontext setzen und mit Exponenten des Free Pop, etwa dem englischen Zweifler Kwes, vergleichen, die den Pop mit allerlei Sounds ausweiten, ohne die zwingende Melodie zu vernachlässigen.

Denn in den drei Tracks, die bisher bekannt sind – das plakative «Kapitalismus Kolleg» eingeschlossen – müffelt es nicht nach Rock und Polo, es geht auch nicht auf die bereits abgefahrene und längst parodierte Mundart-Rap-Strasse. Jeans for Jesus bleiben zu Hause im Internet und wagen sich dann, spätnachts, in den Club, um zwei, drei scheue Tanzschritte zu wagen. So funktioniert die Gegenwart der Mitt- und Endzwanziger, und man ist froh, dass das Jetzt in Bern angekommen ist. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2013, 08:54 Uhr

«Nie meh»

«Estavayeah»

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