«Es spielt halt der Markt»

Warum herrscht ein eklatanter Frauenmangel in der Schweizer Musikszene? Diese Frage wurde am Mittwoch bei einem Panel diskutiert. Das Resultat: Allgemeine Ratlosigkeit.

Auch die Frage, warum im Schlagermilieu Frauen erfolgreicher sind als im Hip-Hop, blieb offen: Beatrice Egli an den Swiss Music Awards 2017. Foto: Keystone

Auch die Frage, warum im Schlagermilieu Frauen erfolgreicher sind als im Hip-Hop, blieb offen: Beatrice Egli an den Swiss Music Awards 2017. Foto: Keystone

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Fragen über Fragen: Warum gibt es in den Affichen der Schweizer Grossfestivals kaum Bands mit weiblichen Beteiligten? Weshalb ist auch die Jahres-Hitparade 2017 eine äusserst burschikose Angelegenheit? Und sind Festival-Veranstalter folgerichtig unsensible Charakterlumpen, die mutwillig das weibliche Element verschmähen?

Zur Klärung dieser und ähnlicher Fragen sind gestern im Zürcher Kosmos Vertreterinnen und Vertreter der Musikindustrie unter dem ebenfalls fragenden Motto «Hat die Schweizer Popmusik ein Frauenproblem?» zusammengesessen. Es darf vorweggenommen werden: Geklärt wurde wenig. Zwar haben die Diskutierenden die Missstände in allen Tonlagen beklagt und bestätigt, aber absolut nichts zur Ursachenforschung beigetragen.

Es ist ja auch kompliziert. So gibt es so ziemlich zu allen geäusserten Thesen eine prima Gegenthese: Wenn beispielsweise die Sängerin Brandy Butler feststellt, dass es jungen Musikerinnen an weiblichen Vorbildern ermangelt, dann mag das zwar auf Jazz-Saxofonistinnen oder Death-Metal-Schlagzeugerinnen durchaus zutreffen, allerdings müssten in dieser Logik Erfolgsdamen wie Adele, Taylor Swift oder Beyoncé in den letzten Jahren ganze Scharen an neuen Frontfrauen herangezüchtet haben.

Wunsch und Wirklichkeit

Und wenn die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch kämpferisch fordert, man müsse Machtstrukturen und Geschlechterrollen aufbrechen, dann ist das zwar ein ehrenwertes Ansinnen, doch stellt sich die Anschlussfrage, warum in einem höchst patriarchalisch strukturierten Land wie Japan Frauen auf und hinter der Bühne seit Jahrzehnten zur Norm gehören.

Immer wieder verquicken sich in den zwei Diskussionsrunden Wunsch und Wirklichkeit: So wird eifrig beteuert, dass es an hervorragenden weiblichen Musikprojekten nur so wimmle, im nächsten Atemzug wird festgestellt, dass die Frauen bereits an den Musikschulen eklatant untervertreten sind, und dass man auf hiesigen Bühnen nur selten auf Technikerinnen und Instrumentalistinnen trifft. Ähnlich ernüchternd fällt der Blick auf den Begleittross der referierenden Musikerinnen aus: Auch hier sind die Frauen – wenn es sie denn überhaupt gibt – massiv untervertreten. Die Sängerin Eliane versucht das Fehlen weiblicher Musiker in ihrer Band mit dem Umstand zu erklären, dass sie sich eben ihre Komplizen nicht nach Geschlecht aussuche, es müsse ihr «einfach extrem wohl» sein in ihrem Team.

Reue und Geschäftssinn

Die Diskussion wurde ausgerichtet von den Veranstaltern der Swiss Music Awards, deren Executive Producer Oliver Rosa im Vorfeld mit der provokativen Frage auffällig geworden war, ob Schweizer Musikerinnen auch tatsächlich den Gang auf die Bühne wünschten. Das hatte ihm im Vorfeld einen veritablen Shitstorm eingebrockt. Gerade er, der das grösste Schaufenster für die Schweizer Popmusik bewirtschafte, und im letzten Jahr die Dreistigkeit beging, keinen einzigen weiblichen Act auf die Show-Bühne zu bringen, möge bitte sehr nicht den Willen der Frauen infrage stellen, wurde gezetert.

Oliver Rosa parierte diese Anwürfe mit einer Mischung aus Reue («ja, das war ein Fehler»), Geschäftssinn («eine Plattform zur Frauenförderung kostet Geld, das müsste zur Verfügung gestellt werden») und Fatalismus («bei einer solchen Veranstaltung spielt halt der Markt – und die Fernsehquoten sacken nun mal ab, wenn unbekannte Musik gespielt wird»). Die Frage, ob die Quoten noch ärger absackten, wenn unbekannte Musik von einer Frau gespielt würde, ging dann leider unter.

Eine Frage des Geldes?

Dass dieses Panel keine Erkenntnisse produzierte, war auch dem Umstand geschuldet, dass irgendwann die Hauptenergie darauf verwendet wurde, die Swiss Music Awards und ihre Macher mit Kritik einzudecken. Der Hinweis von Julie Born (Managing Director von Sony Music Schweiz), dass das Problem viel früher beginne, dass die SMA bloss ein Abbild des Missstands seien, und dass sie wirklich gerne wissen würde, was schieflaufe in diesem Land, verpuffte in den aufgebrachten Wortmeldungen. Doch auch sie, welche die Macht besässe, mehr Frauen mit einem Plattenvertrag zu bestücken, ist mit der Sony-Quote von 75 Prozent Männer zu 25 Prozent Frauen ganz zufrieden («das ist eine gute Quote») und fügt achselzuckend hinzu, dass mit Frauen in der Musikindustrie halt eben weniger Geld zu machen sei.

Der Rest ist Verzettelung («Frauen überlegen sich viel intensiver, wie sie sich auf der Bühne kleiden …»), Schwarzer-Peter-Suche («warum sind Schweizer Frauen in der Schlagermusik erfolgreicher als im Hip-Hop?») und Ratlosigkeit.

Die Diskussionsrunden zum Nachschauen auf der Facebook-Seite der Swiss Music Awards (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2018, 13:28 Uhr

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