Es rappelt im Jazz-Sack

Wie klingt das, wenn sich helvetischer mit südafrikanischem Jazz vermengt? Wie, wenn ein Gefühl in den Weltraum abhaut? Dies und vieles mehr war nachzuhören an den ersten zwei Tagen der 10. Jazzwerkstatt.

Jazz Noir mit amoklaufendem Gefühl: Nick Hürnys Projekt «Hören Sie Stimmen?»

Jazz Noir mit amoklaufendem Gefühl: Nick Hürnys Projekt «Hören Sie Stimmen?» Bild: Franziska Scheidegger

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Es wird jetzt schummrig und geradezu ein bisschen unheimlich in der Turnhalle des Progr. Das Piano repetiert einen unheilschwangeren Loop, ein Plattentellermann mengt knarzige Störgeräusche dazu, und der Bass bringt die Luft zum Vibrieren. In der Mitte der Szenerie sitzt der Berner Trompeter Niklaus Hürny neben einem Tisch voller Effektgeräte und bricht dieses unwirtliche Klima mit Melodielinien von seelenruhiger Schönheit. Hinter den Musikern entspinnt sich auf einer Leinwand die Geschichte eines Gefühls, das aus dem Kopf eines Menschen auszieht, um in die Weiten des Weltraums zu entschwinden. «Hören Sie Stimmen?» heisst das Projekt, das an diesem Abend zum ersten Mal aufgeführt wird. Jazz Noir könnte man die irisierende Kunstmusik nennen, die Hürny und seine Band (u. a. mit dem Pianisten Fabian M. Müller) hier erschaffen haben. Es ist die Vertonung eines Comics von Andy Fischli – ein Musik gewordener Angstzustand voller beglückender Anmut – und es ist die erste Sternstunde der heurigen Jubiläums-Jazzwerkstatt.

Es gibt Jazzfestivals, an denen irgendwann Figuren wie Katie Melua oder Ute Lemper antanzen, weil die Veranstalter der Meinung sind, dass der Jazz schliesslich ein weiter Begriff sei und auch Niederschwelliges beinhalten dürfe. Dann gibt es Festivals, denen ein fest umrissenes Jazz-Reinheitsgebot vorschwebt, in dem die Keime neuer Entwicklungen keinen Platz finden. Und dann ist da die Jazzwerkstatt Bern, die zwar auch Niederschwelliges zulässt, die sich jedoch nicht um die Frage schert, ob nun Tradition oder Avantgarde den Segen des Genres bedeutet. Hier spielt, wer mit einer guten Idee vorstellig wird. Hier kann sich der Jazz noch ausprobieren, hier dürfen Dinge scheitern, oder es lassen sich Geburtsstunden neuer Wunderformationen miterleben – natürlich inklusive des ganzen Dazwischen. Noch schöner hat der Co-Veranstalter Benedikt Reising die Jazzwerkstatt-Losung kürzlich ausgedrückt: «den alten und ehrwürdigen Sack namens Jazz schütteln und klopfen und gucken, was da noch alles rausfällt».

Der Ländervergleich

An den ersten zwei Tagen des Festivals ist aus diesem Sack schon so einiges Sagenhaftes herausgepurzelt. Zum Beispiel die Musik der südafrikanisch-schweizerischen Band Royal Flash, u. a. mit Florian Egli am Saxofon, Andreas Tschopp an der Posaune und Florian Favre an den Tasten. Improvisiertes trifft hier auf Orchestriertes, afrikanische Polyrhythmik auf psychedelischen Soul, groovender Jazz auf Afro-Futurismus, mittendrin und ganz vorne dabei die Johannesburger Sängerin Siya Makuzeni und der Bassist Benjamin Jephta, beidesamt völlig zu Recht hochdekorierte Jung-Hoffnungen der südafrikanischen Jazzmusik.

Einen kleinen musikalischen Ländervergleich lässt auch die Gruppe Word of Moth zu. Sie ist besetzt mit Abgesandten des Londoner Musikerkollektivs Lume (ein englisches Pendant zur Jazzwerkstatt) und drei heimischen Jazz-Grössen. Und siehe da! In Sachen Draufgängertum geben die Schweizer hier den Ton an, Oli Kuster mit einem fast schon bruitistischen Keyboard-Einzelvorstoss, Simon Petermann mit seiner multipel elektronisch verfremdeten Trombone und Lukas Thöni mit einem derart brünstigen Trompeten-Solo, dass die britische Rhythm-Section vor Ehrfurcht erstarrt. Zum Ausklang einigt man sich auf eine erdenschöne, fast schon elegische Traum-Jazznummer. Im Sport würde man von einem Freundschaftsspiel mit einem klaren Punkteplus für Bern sprechen.

Das Wunder zum Schluss

Doch genug des Kompetitiven, wenn es doch auch im Kollektiv geht. Was für ein Segen es ist, wenn eine Band auch mal länger an ihrem Ausdruck feilt, offenbart das amerikanische Trio Kadawa mit seinem mal überschäumenden, mal sanft euphorisierenden Stromgitarren-Jazz.

Und wer dachte, dass dies alles nicht mehr zu toppen sei, dem wird zur Geisterstunde des zweiten Festivaltages noch ein musikalisches Wunder vorgesetzt. Kompost 3 heisst die dafür verantwortliche Wiener Band, in deren Reihen der in Bern ausgebildete Trompeter Martin Eberle sitzt. Kompost 3 ist eine dieser Bands, die an der Jazzwerkstatt Bern das Licht der Welt erblickten. 2010 war das. Jetzt ist daraus eine Quasi-Popband geworden, die in Österreich gerade von den Feuilletons mit Superlativen übergossen wird. Natürlich ist das kein Pop, der den gemeinen Musikfreund in seinen Hörgewohnheiten bestätigen will, er will ihn umschmeicheln, ihn in Geborgenheit wähnen, um ihm im nächsten Moment die Jazz-Hörner ins Bauchfell zu rammen. Herrlich verschleppte Beats schieben diese musikalische Bewölkung an, die neu dazugestossene Sängerin Mira Lu Kovacs bezirzt mit glockenhaften Gesangslinien, und immer wieder eruptiert das Geschehen in markerschütternden Emphasen.

Und eine Andacht und eine Freude machen sich da auf einmal im Auditorium breit, dass man sich schier an einer religiösen Zeremonie wähnt. Die Botschaft der Agitatoren ist einfach und schlicht: So entrückend kann Musik sein, wenn man sie weiterdenkt als bis zum nächsten Refrain. Es ist Halbzeit in der 10. Jazzwerkstatt. Es schreit nach mehr.

Die Jazzwerkstatt in der Progr-Turnhalle dauert noch bis am Sonntag. Am Samstag im Programm: Chicago Lucerne Exchange, M. Vallon et sa Fanfare Extraordinaire, Interzone Extended und Roger Nelson & the Doves. (Der Bund)

Erstellt: 25.02.2017, 08:33 Uhr

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