Ein alter, ideenloser Verschwörungstheoretiker

Morrisseys neues Album «Low in High School» zeigt, wie aus dem coolen Arbeiterjungen ein Apologet des Rechtspopulismus werden konnte.

Morrissey träumte schon immer vom Kampf gegen das Establishment. Nur seine politische Gesinnung hat sich mittlerweile drastisch geändert.

Morrissey träumte schon immer vom Kampf gegen das Establishment. Nur seine politische Gesinnung hat sich mittlerweile drastisch geändert. Bild: Jorge Saenz/AP/Keystone

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Steven Patrick Morrissey hatte einen Traum. Er träumte davon, eines Tages neben der Flagge Grossbritanniens stehen zu können und sich nicht schämen, sich nicht wie ein Rassist fühlen zu müssen. Er träumte davon, dass seine Landsleute eines Tages die Schnauze voll haben würden von Labour und von den Tories, den grossen Volksparteien.

Das war 2004, die Solokarriere des ehemaligen Smiths-Sängers lag da schon ein paar Jahre lang brach. «Irish Blood, English Heart», der Song zum Traum, war Morrisseys grosser Comeback-Hit. Weiter problematisch fand man das damals nicht. War ja immer noch derselbe Morrissey, der Margaret Thatcher einst den Tod auf der Guillotine gewünscht hatte, der Retter der verlorenen Teenager der Achtzigerjahre, der Arbeiterjunge aus Manchester, der gegen das Establishment aufbegehrte – was bis vor nicht allzu langer Zeit ja noch ein linker Kampf war.

Den Brexit findet er natürlich «grossartig»

Das hat sich geändert. Heute nimmt die neue Rechte diesen Kampf für sich in Anspruch. In Grossbritannien hat die rechtspopulistische Partei Ukip das Land in den Brexit gelogen, angetrieben von Nationalstolz und Politikverdrossenheit. Und einige von Morrisseys Landsleuten hatten die Schnauze so richtig voll von Labour und den Tories. Im Jahr 2017 scheint des Sängers Traum also ein gutes Stück wahrer geworden zu sein. Und manche Träume haben es an sich, dass sie ihren Kern erst dann preisgeben, wenn sie wahr geworden sind. Morrissey selbst fand die Brexit-Entscheidung nämlich «grossartig». Schuld an der negativen Rezeption seien die Medien, die den Willen des Volkes einfach nicht akzeptieren könnten.

Das fügte sich sehr nahtlos in andere seiner Äusserungen aus jüngster Zeit: Nach dem Terroranschlag in seiner Heimatstadt Manchester kritisierte Morrissey den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan dafür, dass er den sogenannten Islamischen Staat nicht deutlich genug verurteilte. Und nach der jüngsten Abstimmung über den Ukip-Parteivorsitz warf sich Morrissey auf die Seite der unterlegenen rechtsextremen und islamfeindlichen Politikerin Anne Marie Waters. Die Abstimmung sei manipuliert worden, empörte er sich, sonst wäre Waters zur neuen Chefin gewählt worden.

All das sollte aber nun nicht als verzweifeltes Um-sich-Schnappen eines notorischen Provokateurs interpretiert werden. Auf keinen Fall. Da inszeniert sich jemand ganz gezielt als Apologet des Rechtspopulismus. Man höre sich nur den Einstieg in Morrisseys neues Album «Low in High School» (BMG Rights) an: Schlachtentrommel, Kriegsgeheul. Und schon nach ein paar Sekunden stolpert einem ein brachiales Monster-Riff entgegen, dö-dö-dö-dööö, wie ein mittelalterliches Fanfarenmotiv. In schlechten Filmen hiesse das: Aufgepasst, jetzt kommt was Dramatisches. Und weil das hier ein schlechter Song ist, kommt auch was Dramatisches: nämlich Morrissey, der Verschwörungstheoretiker. «Lehre deine Kinder», legt er los, «die Propaganda zu erkennen und zu hassen, die von den Mainstream-Medien des weltweiten Spionagenetzwerks verbreitet wird.» Im Hintergrund sägt derweil die Gitarre an der bitterkalten Dumpf-Rock-Produktion. Im zweiten Song (Dumpf-Rock mit Synthesizer) sind die Gräber dann schon voller Idioten, die blind Befehle ausgeführt haben. Und später geht es immer wieder um den Nahen Osten, um Terrorismus, um Israel, um das «Land, das Öl weint». Wozu sonst sind die Armeen dort, fragt der grosse Durchschauer.

Hört auf, Nachrichten zu schauen!

Morrissey erkennt nicht nur alle Lügen, er bietet auch Lösungen. Höhepunkt ist schliesslich die Single «Spent the Day in Bed». Hier ruft Morrissey seinen Freunden zu: «Hört auf, Nachrichten zu schauen! Die sollen euch nur Angst machen. Damit ihr euch klein und einsam fühlt. Und damit ihr eurem eigenen Verstand nicht mehr traut.» Wer so argumentiert, der sitzt eigentlich schon neben Götz Kubitschek.

Hätte man es wissen können? Austritte nach rechts gab es in Morrisseys Karriere schon immer. Man hat als Fan jahrelang über sie hinweggesehen. Oder sie erst gar nicht bemerkt. Weil sich bei Morrissey Brachialität und Fragilität immer bedingten. Weil er seine gröbsten Hiebe immer mit dem zartesten Verlangen verband.

Das Problem mit Morrissey im Jahr 2017 ist nun, dass dieses Spiel mit dem Widersprüchlichen einem einseitigen Zorn gewichen ist. Der Sound von Morrisseys Solowerk nach dem Comeback 2004 mit «You Are the Quarry» war meist eher stumpf. Es hatte aber doch immer wieder famose lyrische Momente. Auf «Low in High School» muss all das rechtspopulistischen Kampfbegriffen weichen – und man hört, was man eigentlich schon viel länger hätte hören können: einen alternden Mann, dem die Ideen und die Kraft ausgegangen zu sein scheinen, weshalb er Dringlichkeit mit Kraftmeierei verwechselt.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 17.11.2017, 15:17 Uhr

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