Ein Hoch auf die Lautigkeit

Die Garagen-Trash-Punk-Mannschaft The Monsters feiert ihr 30-jähriges Bestehen und veröffentlicht ihr achtes Album «M», das mit viel Sinn fürs Unperfekte besticht.

Weder der benachbarte Hunde-, Kanu- oder Pontonierverein noch die ansässige Guggemusig hätten sich je beschwert: The Monsters aus Bern.

Weder der benachbarte Hunde-, Kanu- oder Pontonierverein noch die ansässige Guggemusig hätten sich je beschwert: The Monsters aus Bern. Bild: zvg

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Die Familie mit den zwei Kindern, welche kürzlich bei ihm im Laden aufgekreuzt sei, habe rechtsumkehrt gemacht und sein Verkaufslokal ziemlich zackig wieder verlassen, als er die neue Platte seiner Band aufgelegt habe. «Wie wenn dich einer würgt und dir dazu volle Pulle ins Gesicht schreit, etwa so klingt sie», sagt Beat Zeller alias Beat-Man, seines Zeichens Kopf des Plattenlabels Voodoo Rhythm und Frontmann der lautesten und trashigsten Berner Gitarren-Männerriege: The Monsters. 30 Bühnenjahre haben die Herren Monsters auf dem Buckel, leiser oder besser sind sie nicht geworden. Im Gegenteil.

Ein paar wenige personelle Änderungen haben die Mannen – mittlerweile mehrheitlich gestandene Familienväter um die 50 – in den 30 Jahren ihres Band-Bestehens erlebt, die Spiel-Attitüde allerdings, die habe sich nicht verändert. «Je lauter und blöder, desto besser», sagt Beat-Man und ja, sie hätten immer noch diebische Freude daran, Leute mit ihrem primitiven Garagen-Trash-Punk vor den Kopf zu stossen.

Gewisse pubertäre Neigungen würden sich diesbezüglich wohl nicht abstreiten lassen, sagt Bassist Janosch Berger und grinst. Ah und doch, eine Veränderung gebe es: Früher habe man gewisse Teile aus Songs streichen müssen, weil man nicht gut genug gewesen sei, um diese spielen zu können. Heute würde man sie einfach von Anfang an weglassen.

Auditives Nahtoderlebnis

Die Liste der Länder, welche die Monsters im Verlauf der 30 Jahre bereist haben, ist beeindruckend: Deutschland, Holland, Belgien, Italien, Russland, Australien, England, Norwegen, Schweden, Dänemark, Spanien, Argentinien, Brasilien, USA und Japan. Einmal die Woche trifft sich die Mannschaft dann allerdings in nicht allzu weiter Ferne: in der lauschigen Aarehütte in Aarwangen. Oder wie es Schlagzeuger Roland «Tibu» Meier ausdrückt: in der Aluminiumsammlung.

Die Menge an leeren Bierdosen, welche sich im ansonsten kleinen und kargen Übungsraum der Herren Monsters angesammelt hat, würde tatsächlich eher auf einen Rekrutenschul-Ausgang schliessen lassen, und zwar den eines ganzen Jahrgangs. Mit dem Aufräumen habe man es nicht so, wird da freimütig eingeräumt, aber schliesslich sei die allmittwöchliche Bandprobe auch wie eine Auszeit vom normalen Leben. «Das lüftet d Bire düre», sagt Beat-Man.

Nicht nur die holden Häupter werden bei einer Monsters-Bandprobe ordentlich durchgepustet, vielmehr erweist sich das wöchentliche Zusammenspiel der Kapelle als Ganzkörpererfahrung mit auditivem Nahtoderlebnis. Denn wenn die Herren ihrer Leidenschaft frönen, dann tun sie das laut. Und zwar richtig laut.

Der Magen ist entzückt ob der Schallwellenmassage, die Hosenbeine würden flattern, wären sie weit genug, die Kniescheiben vibrieren bei jedem Kickdrum-Schlag, derweil das Dezibel-Messgerät nicht ganz sicher ist, ob es sich mit einem Presslufthammer oder einer Kettensäge konfrontiert sieht.

Lautstärke sei ein zentrales Element im Universum der Monsters, weil Lautstärke ein Teil des musikalischen Erlebnisses sei. «Musik muss gefühlt werden», erklärt Beat-Man, wobei die Monsters diesbezüglich keine Kompromisse eingehen würden: «Wenn wir in einem Club nicht unsere 110 oder mehr Dezibel fahren können, dann treten wir dort gar nicht erst auf.»

In einer Welt in der nicht nur die Musikindustrie auf Perfektion, Hochglanz und ewiges Leben getrimmt ist, ist man froh um Institutionen wie The Monsters.

Dies ist denn auch der Grund, weswegen die Monsters in der Schweiz nur an wenigen Orten spielen können. In der Aarehütte allerdings, da darf hemmungslos gebrettert werden. Weder der benachbarte Hunde-, Kanu- oder Pontonierverein noch die ansässige Guggemusig hätten sich je beschwert, sagt Schlagzeuger Jan Indermühle.

Zerfleddert und geschreddert

Eigentlich habe man ja nach dem letzten Album «Pop Up Yours» (2011) eine richtig fett produzierte Platte mit richtig guten Songs machen wollen, sagt Beat-Man. Aber dann komme man mit einer psychedelischen Nummer in den Bandraum, wo diese dermassen zerfleddert und geschreddert werde, dass sie am Schluss zum härtesten Stück auf dem neuen Album mutiere.

12 Songs haben die vier Monster-Mannen auf ihrem achten Album «M» hingerotzt, wobei die durchschnittliche Stücklänge bei zweieinhalb Minuten liegt. Nein, Plattenaufnahmen würden definitiv nicht zu ihren Kernkompetenzen gehören, sagt Bassist Janosch Berger. «Wir gehen alle nicht gerne ins Studio.» Einzig der Mischer habe jeweils eine Heidenfreude, wenn er an Knöpfen schrauben könne.

Für alle anderen sei es schon fast eine Zumutung, wenn ein Song mehr als zwei Mal hintereinander gespielt werden müsse, ergänzt Beat-Man. «Die neue Platte ist voller Sing-, Spiel- und Textfehler, weil wir uns auch immer sehr schnell mit etwas zufrieden geben. Uns würde garantiert niemand herausgeben. Zum Glück habe ich selber ein Label», sagt der Monsters-Frontmann und lacht schallend.

Man könnte sich tatsächlich fragen, welcher musikalische Teufel diese eigentlich doch so sympathischen, lustigen und umgänglichen Herren Monster jeweils reitet, sobald sie ihre Gitarren einstöpseln. Stumpfe, rohe und ultimativ verzerrte Sechzigerjahre-Garage-Kracher mit maximal drei Riffs und ultraschnelle, dreckige Stampf-Rock-’n’-Roll-Nummern haben sie für «M» ihren Instrumenten abgetrotzt, wobei Beat-Man in Berserker-Manier Zeilen wie ««happy people make me sick» ins Mikrofon schreit.

Phasenweise erinnern die Monsters dabei an den repetitiven musikalischen Autismus der Monks, bloss scheint die Berner Mannschaft ihre Songs mit Rasenmäher und Motorsäge aufgenommen zu haben. «M» ist erbarmungslos, derb und roh und gerade deswegen eine Wohltat. In einer Welt, in der nicht nur die Musikindustrie auf Perfektion, Schein, Hochglanz und ewiges Leben getrimmt ist, ist man froh um Institutionen wie The Monsters, welche auch nach 30 Jahren noch barbarisch ungehobelt und mit pubertärem Vergnügen den Moment feiern.

The Monsters, Plattentaufe, Freitag, 4. November, Dachstock Reitschule. (Der Bund)

Erstellt: 03.11.2016, 07:51 Uhr

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