Musik

Ein Bubi zeigt Muskeln

Die bösen Gitarren und der Sex schienen aus dem guten alten Berner Rock herausdesinfiziert zu sein. Die Gruppe Bubi Eifach korrigiert diesen Missstand auf ihrem Debüt «Album #1».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die ersten Reaktionen mundarterprobter Regionalradios waren nicht günstig. Diese Musik könnte die Hörer erschrecken, sie sei zu rau, richteten sie aus. Und ein Stück, in dem das Wort «Schwanz» falle, das gehe gar nicht. Der Urheber Bubi Rufener quittiert das mit einer abschätzigen Ich-habs-ja-schon-immer-gewusst-Geste. Die Welt der Radios ist eh nicht seine.

Bubi Rufener, man muss es kurz erklären, das war über Jahre jener Sohn Berns, dem man zugetraut hätte, in der Musikwelt ein wirklich Grosser zu werden. Mit seiner Band Bishop‘s Daughter zog er Anfang der Neunzigerjahre die Schönen und Coolen der Stadt in seinen Bann, mit psychedelischem Noise-Rock, mit Bühnen-Fakiren, mit Sex und sägenden Gitarren. Mittendrin dieser chronische Charismatiker am Gesangsmikrofon, am Produzentenpult Franz Treichler von den Young Gods. Berner Rock, das war für die Provinzler.

Später gründete Bubi Rufener mit Boni Koller die Allschwil Posse, mit der er die Schweizer Mundart-Hip-Hop-Szene veräppelte und verärgerte. 1999 dann, verquickte er mit der Gruppe Boob Trip-Hop und Rock und schien zur Welteroberung anzusetzen. Dann geschah fast nichts mehr. Eine Operation am Stimmband tat das ihrige dazu. In der Coverband Sugarbabies war Bubi Rufener immerhin ab und zu als Frontmann zu bewundern, in seinem Rücken die Züri-West-Crew mit einem gewissen Kuno Lauener an der Bassgitarre.

Wie ein betrunkener Punk

Und nun also das: Bubi schleudert sein erstes Mundart-Rock-Album auf den Markt – unter dem wesensgemässen Namen Bubi Eifach. So klingt das auch. Und es riecht nach männlichen Keimdrüsenhormonen, nach Küssen aus schlecht gelüfteten Mündern, jedenfalls weit und breit nicht nach Alpenrosen-Romantik. All das dumme SRF-3-Konkordanz-Pop-Liebäuglen, das sich wie eine Seuche durch viele CH-Pop-Produktionen zieht, man findet es hier nicht. Eine etwas windschief gesungene Melodie? So what. Eine nachlässig gestimmte Gitarre? Nu denn.

Zuweilen artikuliert Bubi wie ein betrunkener Punk, als versuche er die Unmittelbarkeit der berndeutschen Sprache etwas abzudämpfen. Nützt alles nichts. Sein «Album #1» kracht direkt ins Herz und alle Sinne. Ebenso direkt und zügig wurde das Album denn auch produziert, und genauso schnell waren die Songs geschrieben: «Vier Tage Studio, alles live eingespielt, nicht viel überlegen – machen!»

So spricht er, der Bubi Rufener; verteufelt schnell für einen Berner, er hat ein zupackendes Naturell. Und sein Wechsel in die Gilde des Mundart-Rock wäre auch gar nicht anders möglich gewesen. «Hätte ich mir länger Zeit genommen, wären Zweifel aufgekommen: Bubi und Berndeutsch, das geht ja gar nicht. Klinge ich nun wie dieser oder jener? Solche Fragen halt.»

Kantig und kurzweilig

Geholfen hat ihm seine Band. Auch hier ist die freundschaftliche Nähe zu Züri West nicht von der Hand zu weisen. Gere Stäuble sass am Schlagzeug, der seelenruhige Oli Hartung steuerte Ohrwurm-Gitarren bei, Ere Gerber am Bass zerstreute aufkommende Hektik. Am Mischpult waltete Züri-West-Produzent Oli Bösch, und Kuno Lauener therapierte den Bubi, als Selbstzweifel betreffend der Texte aufkeimten. Natürlich findet sich auch hier die eine oder andere punkig-plakative Unschärfe, natürlich wird es nicht jede Zeile ins Poesiealbum schaffen, doch es ist schnell klar, dass da einer zu Werke geht, der das Herz am rechten Fleck hat und sich nicht ziert, auch die Schattenhänge des Lebens zu durchforsten: «Ou, du bisch ganz bleich / aus isch vou vo Bluet / muesch äuä töifer schnide / de chunt’s scho guet.»

Doch selbst wenn er anhimmelt und schmachtet, gerät dieser burschikose Bubi nicht unter Kitschverdacht. Und spätestens, wenn er mit «Arme alte Bueb» dann noch einen primitiven schmutzigen Stromgitarren-Blues anstimmt, wird einem vollends bewusst, dass solche Saiten im Mundart-Milieu schon viel zu lange nicht mehr aufgezogen worden sind. Was für ein erfrischendes, kantiges und kurzweiliges Werk ist Bubi Rufener da gelungen.

Ziemlich genau so würde es tönen, hätte sich Iggy Pop in den Achtzigern in ein ortsansässiges Meitschi verliebt und auf die Karte Berner Rock gesetzt. Berner Rock sei was für Provinzler? Mitnichten. (Der Bund)

Erstellt: 08.04.2014, 12:09 Uhr

Video



Artikel zum Thema

Rock und Randsport

Herr Rrr im Gespräch mit Berner Rocklegenden. Heute: Bubi Rufener. Zum Blog

Gewinnen mit KSB: «Bubi eifach»

KulturStattBern Pedro Lenz über Bubi Rufener: «Wäre ich Musiker, träumte ich davon, genau solche Songs zu schreiben. Da ich es nicht bin, höre ich sie mir stundenlang an». Zum Blog

«Nid Änglisch, Bärndütsch!»

KulturStattBern KulturStattBern «I chume scho, aber hey, nid Änglisch, Bärndütsch!», habe er erklärt. Die Rede ist von Rapper Greis, der letzte Saison vom Berner Musiker Bubi Rufener zu dessen Projekt «Bubi eifach» in Adelboden eingeladen worden war. Zum Blog

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...