Pop

Die Stückwerkmeister Züri West

Die alte Züri-West-Maschine läuft und läuft und läuft – und verliert sich an ihrem ersten Berner Konzert der «Göteborg»-Tour im Reichtum des eigenen Bandkatalogs. Da hilft nur die Flucht in ein offenes Ende.

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«Chumm, mir näme no einä», raunt Kuno Lauener seinen Mitstreitern zur Freude des Publikums zu – und die Band stimmt ein weiteres Lied an, kehrt wieder und wieder auf die Bühne zurück an diesem Mittwochabend im ausverkauften Bierhübeli. Lieder aus nunmehr 28 Jahren Züri-West-Geschichte werden angehängt, Stilles, Bewegendes und Launiges wie der nicht mehr unverwüstliche «Hanspeter», natürlich das routinierte «I schänke dir mis Härz» und «I ha Di gärn gha». Ein Ende scheint nicht absehbar.

Ja, die alte Maschine Züri West, sie läuft und läuft und läuft an diesem Abend. Und sie springt überraschend schnell an, mit dem «Blues» und dank einer nach vorne preschenden, direkt spielenden und einmal mehr neu formierten Band: Tevfik Kuyas ersetzt als Tourbassist den aus gesundheitlichen Gründen vorläufig ausgeschiedenen Jürg Schmidhauser, und die Stammformation ist ergänzt durch den Trompeter Thomas Knuchel und den Keyboarder und Posaunisten Tino Horat.

Mühli-Pesche als «Gitarre-Johnny»

In diesem Anfang ist nichts von der Zurückhaltung zu spüren, die das neue, fein gepinselte Album «Göteborg» auszeichnet, welches zum Grossteil Lieder präsentiert, die genügend Raum zur Entfaltung benötigen. Raum, der insbesondere zu Beginn im hastigen und kurzatmigen Bierhübeli-Set zuweilen auf der Strecke bleibt.

Aber vieles, sehr vieles, begeistert – wenn auch als Stückwerk. Kuno Lauener begibt sich, nachdem er seine Muse an die Mundartkollegen verwiesen hat, im Angesicht der Discokugel auf Sonnenuntergangssafari in Bümpliz, widmet den einsamen und verlorenen «Zimmerwaud»-Funker dem YB-Coach «Gross Chrigu», und die grosse Lichtshow flackert auf im drängenden «Schiff im Sand». Ein wunderbares, tränenrührendes «Fingts Glück eim?» und der listige «Homerekord» «Haubi Songs» folgen. Mit «Hallo Schiisluun» wird auch der Freund, den niemand gerne empfängt, gebührend mit einer Trompeteneinlage begrüsst.

Der ganz grosse Moment des Abends, er gehört einer solitären Gestalt: «Dä isch fürä Mühli Pesche», sagt Kuno und stimmt über das Gitarrenraspeln von Küse Fehlmann und Tom Etter die dramatisch ansteigende Ballade des «Gitarre-Johnny» an. Die Geliebte, sie kehrt nicht mehr zu diesem «lone wolf» zurück, der hinter der Bühne wimmert und wimmert, und sein wartendes Publikum vergisst. Und die Gefährten wenden sich von diesem Johnny ab, dem nur noch die verlorene Trompete in der Wüste der Einsamkeit bleibt.

Offenes Ende

Und so geht es bis zum Zugabenblock weiter: Mani Matters rotierender «Alpeflug» – von Kuno als «Polka fürä JimBob», dem kürzlich verstorbenen Zum-Runden-Leder-Blogger aller Herzen, angesagt – nimmt eine Abzweigung in die stickige Lounge des Jazzstandards «Cantaloupe Island». Lauener propellert auf der Bühne, man besucht den Plattenladen und die Angebetete der Jugend, ehe der Ausflug des Spanners aufs Kleefeld ansteht, was den ehrwürdigen Konzertraum in halluzinogenen Farben schillern lässt.

Ja, die alte Maschine Züri West läuft und läuft, und sie hätte an diesem Abend noch länger laufen, noch mehr Lieder aus dem Fundus des so reichen, für einen einzelnen Konzertabend allerdings zu schweren Back-Katalog hervorkramen können: An einem abschliessenden Punkt wäre die Band nie angelangt.

Typisch für Züri West im Jahr 2012 ist, dass das Saallicht nach gut zwei Stunden Konzertdauer nicht nach einem Klassiker, sondern erst nach einer neuerlichen Rückkehr, einem neuerlichen «Chumm, mir näme nomau einä» – und dem minimalen Lied «50 Wörter» angeht. So bleibt vieles offen, wie auch die nächsten Schritte dieser Band nicht absehbar sind. Zum Glück. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2012, 13:10 Uhr

Züri West «Göteborg»

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