«Die Schulden bei der Steuerverwaltung sind bald abbezahlt»

Gimma findet, Dialekt sei in der Schweizer Kulturszene untervertreten.

Ein hochdeutsches Buch von Rapper Gimma wird es so bald nicht wieder geben.

Ein hochdeutsches Buch von Rapper Gimma wird es so bald nicht wieder geben. Bild: zvg

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Sie haben in beiden Ihrer Bücher sehr offenherzig über Ihre schwierige Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter, über frühe Drogenexzesse, sexuelle Übergriffe, Selbstmordversuche und polytoxikomanische Exzesse als Hip-Hop-Star berichtet. Wie geht es Ihnen heute?
Mir gehts prima! Die Ereignisse, die ich in meinen Büchern beschreibe, sind ja nun schon eine Weile her. Ich lebe heute ein ruhiges, gesetztes und auch lebenswertes Leben. Abgesehen von einem krummen Rücken, ein bisschen Übergewicht und einem tauben Ohr habe ich keine gesundheitlichen Schäden zu beklagen. Und die Schulden bei der Steuerverwaltung sind auch bald abbezahlt.

In «40» knüpfen Sie nahtlos an die Geschehnisse Ihrer Autobiografie an, allerdings findet sich auf der ersten Seite der Hinweis, dass sämtliche Personen und Ereignisse erfunden seien. Sind sie das wirklich?
Nein, sind sie natürlich nicht, auch «40» enthält sehr viel Autobiografisches. Aber es gab beim ersten Buch Reaktionen, auf die ich schlichtweg keine Lust mehr hatte. Etwa, dass Leute gewisse Geschichten und Charaktere für sich beanspruchten oder dass ich angefeindet und verurteilt wurde. Mein Anwalt sagte auch, wenn es für mich keine Rolle spiele, solle ich doch «40» um Gotteswillen nicht mehr als Autobiografie ausgeben. Das würde vieles vereinfachen. Und er hatte recht, negative oder mühsame Reaktionen sind bis auf weiteres ausgeblieben.

Der Protagonist in beiden Büchern ist ja grundsätzlich ein Kerl, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Und trotzdem entscheidet er sich sehr bewusst für einen selbstzerstörerischen Lebensstil. Was für ein Depp, denkt man manchmal bei der Lektüre. Denken Sie das manchmal auch über sich selber in jungen Jahren?
Natürlich habe ich vieles verbockt, was ich heute anders machen würde. Andererseits gehören diese Fehler aber einfach auch zu mir. Ich war jung und dumm, musste mich erst finden, und das kann ich mir selber auch verzeihen. Wenn Musiker Biografien verfassen, habe ich oft den Eindruck, dass da ein PR-Berater dahintersteckt und dass es einzig darum geht, ein positives Image zu kreieren. Das war nie meine Absicht. Ich wollte einfach meine Geschichte erzählen und zwar mit allen Abgründen und Dummheiten. Von dem her ja: Die Figur polarisiert, und das soll sie auch. Ich war tatsächlich manchmal einfach ein Volldepp, der ein Talent dafür hatte, Dinge an die Wand zu fahren.

«Hinter dera Maska isches dunkel» haben Sie, ganz in der Tradition Ihrer Rap-Songs, in Bündnerdeutsch verfasst. Bei «40» haben Sie sich nun des Hochdeutschen bedient, wodurch, mit Verlaub, viel Dynamik und Authentizität verloren geht. Warum der Sprachwechsel?
Einer der Gründe dafür ist massive Selbstüberschätzung. Für das erste Buch flatterte ein Publikations-Angebot aus Deutschland ins Haus, weswegen wir es auf Hochdeutsch übersetzen wollten. Zu diesem Zeitpunkt begann ich gerade mit der Arbeit an «40» und dachte mir: Na gut, dann verfasse ich das doch gleich auch in dieser Sprache. Leider ist dann aber während der Schreibphase dieser Deutschland-Deal den Bach runtergegangen, und jetzt hab ich hier dieses doofe Hochdeutsch-Buch, das ich doch eigentlich viel lieber in Mundart geschrieben hätte. Es reut mich, zumal der Dialekt im schweizerischen Kulturschaffen ja sowieso schon untervertreten ist. Aber ja: Lektion gelernt, ein hochdeutsches Buch wird es von Gimma so bald nicht wieder geben. (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2017, 07:41 Uhr

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