Die Leute glücklich machen

Die Schweizer Subkultur entspannt ihr Verhältnis zum deutschen Schlager. Neuestes Beispiel: Reinheart, das gemeinsame Projekt des Musikers Jonas Gruntz und des Lyrikers Patrick Savolainen.

Balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Schund und schwerblütigem Schlager: Reinheart. Foto: zvg

Balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Schund und schwerblütigem Schlager: Reinheart. Foto: zvg

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Meinen die das ernst? «Das ist ganz schwierig zu sagen», sagt der gebürtige Berner Jonas Gruntz, der hauptberuflich als James Gruntz schmucke Popsongs schreibt. Die Rede ist vom Schlagerprojekt Reinheart, für das sich Gruntz mit dem Berner Lyriker Patrick Savolainen zusammengetan hat. Auf der Bühne, da heissen die beiden HP und Rainer Reinheart und sind noch unentdeckte Sterne am Himmel der sentimentalen Populärmusik.

Für vier Tage sind die Reinhearts ins Lötschental gefahren und haben jeden Tag ein Lied aufgenommen. Entstanden ist so die «Vierjahreszeiten EP» – vorerst nur elektronisch erhältlich auf der Musikplattform Bandcamp, wo man das Werk für einen frei wählbaren Betrag herunterladen kann.

Das Ergebnis überrascht: Obwohl mit einer gehörigen Portion Ironie patiniert, kippt dieses Mini-Album nie in spassigen Youtube-Trash ab. Grund dafür sind vor allem Gruntz’ bemerkenswerte Kompositionskünste: Genau richtig dosiert sind die knorzigen Bässe zum leichtherzigen House-Beat, die munteren Synthies, die herrlich geschmacklosen Lametta-Sound-Effekte, die fidele Talkbox, die käsigen Ethno-Trommeln.

Voller Gefühle

Dabei versteht es Gruntz meisterlich, den Yogi-Tee-Weisheiten und dem Sonnenuntergangskitsch in Savolainens Texten musikalisch gerecht zu werden. Gesang und Musik gehen hier so raffiniert einher, dass das nie nach blossem Schund, sondern handwerklich beinahe schon zu solid für waschechten Schunkelschlager klingt.

Besonders gelungen ist dies im deliriösen «Halbtraum am Pool»: Das Keyboard säuselt, der schmatzende Beat taumelt benommen, und Rainer Reinheart singt bald im sehnsüchtelnden Falsett: «Und der Abstand der Küsse / wie die Länge der Schatten / unsre Reise nach Süden / war voller Gefühle.» Verglühende Leidenschaft, Fernweh und glückselige Erinnerungen – das alles schwingt mit in dieser musikalischen Fata Morgana.

In solchen Momenten klingen Reinheart durchaus ernst zu nehmend. «Es geht uns nicht darum, etwas zu ironisieren», sagt Gruntz. «Aber es ist schwierig, die Grenze zu ziehen.» Auch der erste Auftritt des Duos sei eine Gratwanderung gewesen. «Wir haben uns vorgenommen, auch auf der Bühne nie die Fassade zu verlieren. Das war nicht ganz einfach.»

Reflektieren statt schunkeln

Eingängige Unterhaltungsmusik, die sich auf der Kippe zwischen Ernst und Kalberei bewegt, machen auch etwa die St. Galler Spasstruppe Europa: Neue Leichtigkeit oder der deutsche Schlager-Geck Alexander Marcus. Auf empfindsameren Wegen wandelt hingegen der Wahlberliner Dagobert, der seine Musik auch als «Schlager mit Anspruch» bezeichnet.Lässt sich das Projekt Reinheart in diese Reihe des gehobenen Schlagertums einordnen, das beim Publikum keinen Schunkel- und Mitklatschreflex mehr provoziert, sondern stattdessen Selbstreflexion und Ironie für sich entdeckt hat? «Ich weiss nicht, ob es wirklich Schlager ist, was wir machen. Wir nennen es Electronic Folk mit romantischen Texten in deutscher Sprache», sagt Jonas Gruntz.

Die kurze Produktionszeit habe den Aufnahmen gutgetan. «Es geht bei dieser Musik darum, die Leute glücklich zu machen. Sie hat eine Leichtigkeit und eine positive Energie, die bei meinen eigenen Stücken manchmal zu kurz kommt», sagt Gruntz. Und meint es ernst.

Reinhören: reinheart.bandcamp.

(Der Bund)

Erstellt: 11.12.2013, 13:45 Uhr

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