Die Antithese zum Bling-Bling

Der Solothurner Manillio hat gerade eines der besten Mundart-Rap-Alben veröffentlicht. Heute wird das Werk getauft. Ein Gespräch über die Poesie im «20 Minuten»-Zeitalter, das Pop-Business und die Hoffnungslosigkeit.

Als Hip-Hop-Heissblüter wird Manillio nicht in die Geschichte eingehen.

Als Hip-Hop-Heissblüter wird Manillio nicht in die Geschichte eingehen. Bild: PD

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Der junge Mann, der da am Interview-Tisch sitzt, gibt Rätsel auf. Er wirkt ein bisschen zu scheu für die grosse Bühne, und er ist ein bisschen zu gut frisiert, um richtig hip zu sein. Am Handgelenk blendet eine goldene Digitaluhr, um den Hals baumelt eine Goldkette – und doch ist dieser Typ eine Art Antithese zum schrillen Hip-Hop-Bling-Bling. Und selbst seine Stimme ist von einer irritierenden Widersprüchlichkeit. Wenn er rappt, dann oszilliert sie stets zwischen einem Lächeln und einer stossseufzenden Wehleidigkeit.

Kürzlich hat dieser Mann eines der grossartigsten Hip-Hop-Alben schweizerdeutscher Prägung veröffentlicht. Nicht dass er darauf musikalisch Bahnbrechendes auftischen würde, nein, es ist diese feine, präzise Beobachtungsgabe, die einen von der ersten Zeile an in ihren Bann zieht. Sein Blick auf die Welt und ihre Bewohner ist der eines poesiebegabten Chronisten, taumelnd zwischen Niedergeschlagenheit und Zuversicht, zwischen Schmerz und Trost. Er ist einer, der die Hübschheit, die ihm den Kopf verdreht hat, gerade dann zum Drink einlädt, wenn um ihn herum die Welt in Trümmern liegt. Manillio heisst der Mann, von dem hier die Rede ist. 25 Jahre alt, Solothurner und auf dem Weg, mit seinem neuesten Tonwerk «Irgendwo» der Rolle des ewigen Hoffnungsträgers zu entschlüpfen, die er sich mit einem währschaften Debüt-Album und diversen Mixtapes erarbeitet hat.

Manillio, zu was wollen Sie die Welt aufwiegeln?
Zu einem entspannteren Leben und zu besserer Musik, vielleicht.

Ganz so entspannt ist Ihr Schaffen nun nicht. Im Opener singen Sie Sachen wie: «D Wäut um mi in Flamme git mir warm.» Das Beharren auf Hoffnung in der Niedergeschlagenheit ist ein Stilmittel, das öfters in ihrer Lyrik auftaucht. Ist das eine Art Weltanschauung?
Ich bin ein eher optimistisches Wesen. Ich hatte im Sinn, ein melancholisches Album zu machen, das jedoch nicht ins Todtraurige kippen sollte. Offensichtlich ist mir das gelungen. Allgemein würde ich mich als Realist bezeichnen. Die riesigen Hoffnungen und die grossen Träume sind nicht mein Ding. Andererseits habe ich in der letzten Zeit darauf achtgegeben, ein zu viel an Negativität an mir abperlen zu lassen.

Es gibt wenige in der Schweizer Hip-Hop-Welt, die dermassen stimmige Bilder zu zeichnen vermögen. Woher kommt dieses Geschick?
Mein Gefühl für die Sprache kommt von meinem Vater. Er war Journalist – übrigens unter anderem beim «Bund». Der Umgang mit der Sprache ist mir immer leicht gefallen. Und ich habe für dieses Album versucht, die Gedanken zu Ende zu spinnen, nicht – wie bei meinem Vorgängeralbum – einfach mal drauflos zu schreiben.

Welche Rolle spielt die Poesie in unserer «20 Minuten»-Welt?
Mich stimmt zuversichtlich, dass es genug Kids gibt, die sich auf meine Art zu rappen einlassen. Doch ich habe mitbekommen, wie das Pop-Business funktioniert. Ich weiss auch, was ich ändern müsste, wenn ich dort ernsthaft mitspielen wollte. Ich kann auch nachvollziehen, warum SRF 3 unser Stück «Ching vodr Stadt» nicht spielt, aber ich habe keine Lust und sehe auch keine Notwendigkeit, meine Musik diesen Verhältnissen anzupassen.

Hip-Hop lebt von seinen Rollenspielen. Eine Disziplin, die Ihnen nicht sonderlich zu liegen scheint. Als was möchte Manillio einst in die Hip-Hop-Annalen eingehen?
Die Sache mit dem Rollenspiel ist tatsächlich nicht meine Stärke. Zuweilen hadere ich damit, dass ich keine Hip-Hop-Comic-Figur abgebe. Das könnte vieles vereinfachen. Aber alles in allem funktioniert es ja trotzdem irgendwie ganz gut. Meine Ansprüche sind nicht hoch. Ich möchte für meine Songs und Wortspiele geschätzt werden. Meine Lieder sollen in sich funktionieren und wenn bei den Leuten bestenfalls noch etwas haften bleibt, dann ist das prima.

Was treibt Sie an, Musik zu machen?
Ich litt lange Zeit unter dem Spleen, mit dem Hip-Hop meinen Geltungsdrang zu stillen. Es ging darum, allen Leuten zu zeigen, dass ich gut rappen kann. Ich träumte davon, einen Plattenvertrag zu kriegen und ein Album aufzunehmen. Dann hatte ich den Plattenvertrag und wusste auf einmal gar nicht mehr genau, was ich damit anfangen sollte. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass ich zuerst eine musikalische Vision brauche. Die habe ich nun fürs zweite Album gefunden. Es geht nicht um Hochleistungs-Rap, es geht um den Song an sich.

Ein reiner Poet wird aus Ihnen also nie werden?
Nein. Ich bin ein riesengrosser Musikfan. Ich bin gerne in den Arbeitsprozess involviert, in die Produktion und ins Arrangement. Poesie alleine wäre mir eine zu trockene Materie.

Die Poesie von Manillio ist alles andere als trocken. Wie er seinen persönlichen – zunächst unscheinbar anmutenden – Mikrokosmos ausleuchtet, ohne dabei je Abgedroschenes zu bemühen, ist staunenswert: «Es isch ä Tag wie vieli / i chly verliebt / z Tischi verziert / Lippestift trifft Bier», dichtet er in «Haubi Sächsi». Kleine lyrische Pinselstriche reichen ihm oft, um ein Gefühl auszumalen, um eine Befindlichkeit zu streifen. Fröhlich oder gar ausgelassen ist er dabei so gut wie nie, wie auch seine Musik nie über die Stränge schlägt. Die Beats sind kunstlos gehalten, die Bässe und die Synthesizer flauschig – die Hallgeräte teuer. Und wenn mal eine Gitarre eingreift, dann ist sie locker und leicht aus dem Handgelenk gespielt. Obschon da immer wieder kleine feine Raffinessen eingebaut sind – hier ein hübsches Elektro-Tom, da ein leicht zorniges übersteuertes Bässchen –, es ist eine Tonspur, die sich verflüchtigt, die sich nie in der Vordergrund spielt. So verwundert es nicht, dass diesem Album ein musikalischer Masterplan zugrunde liegt.

Sie gehören nicht zu den Sprechsängern, die sich ihre Beats selber basteln. Was tragen Sie zur Musik bei?
Ich hatte von Anfang an eine Vorstellung, wie das Album klingen sollte. So suchte ich mir auch meine Leute aus, mit denen ich zusammenarbeite. Ich schreibe dann die Songs und nehme sie in meinem Heimstudio auf.

Wie haben Sie den Produzenten die Atmosphäre beschrieben, die Sie erschaffen wollten?
Es gab einen Konzeptbeschrieb, den ich den Produzenten geschickt habe. Zunächst schwebte mir ein organisches Album vor mit vielen Rock-Elementen. Da stand auch etwas von kaputten, verzerrten Gitarren und Orgeln und von dreckigen Drums.

Dann kann man das Projekt im Grunde als gescheitert betrachten?
Es ist tatsächlich ein bisschen in eine andere Richtung abgedriftet. Im Konzept stand aber auch, dass es ein Nachtalbum mit einem dunklen Vibe geben soll. Mindestens das ist uns gelungen.

Manillio lacht, als er das sagt. Es ist ein ansteckendes Lachen. Vielleicht ist man auch ganz einfach froh, dass dieser gescheite, grübelnde Mann überhaupt des Lachens mächtig ist. Und die Tatsache, dass dieses konzeptionell ausgeklügelte, schwerblütige Hip-Hop-Werk im Grunde ein gescheitertes Rock-Album ist, ist ja auch wirklich lustig. (Der Bund)

Erstellt: 19.04.2013, 09:05 Uhr

Info

Manillio: «Irgendwo» (Sound Service).
CD-Taufe: heute Abend, 21 Uhr, Kofmehl Solothurn.

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