Der weisse Zulu

Der britische Musiker Johnny Clegg ist tot. Er stellte sich in Südafrika gegen das Apartheidregime.

Johnny Clegg trat auch in der Schweiz auf, hier am Paléo-Festival 1997.

Johnny Clegg trat auch in der Schweiz auf, hier am Paléo-Festival 1997.

(Bild: Keystone)

Es sei vielleicht der Moment seines Lebens gewesen, seines Lebens als Musiker zumindest, sagte Johnny Clegg einmal über jenen Abend in Frankfurt im Jahr 1999, als er seine Hymne auf Nelson Mandela spielte. Ein Lied, das Clegg schrieb, als Mandela noch im Gefängnis sass, ein Lied über die Abwesenheit. «Wir können ihn nicht sehen», so lässt sich «Asimbonanga» in etwa aus der Zulu-Sprache übersetzen. Asimbonanga, sang Clegg gerade, als Mandela plötzlich tanzend auf die Bühne trat, sichtbar wurde. Clegg war perplex und hörte auf zu spielen, fragte den 81-jährigen Mandela, ob er etwas sagen wollte. «Durch Musik und Tanz fühle ich mich wohl auf der Welt, mit mir selbst», sprach er ins Mikrofon. Dann schunkelte er wieder über die Bühne, lächelnd.

Johnny Clegg liess Südafrika träumen mit seinen Liedern, von einem anderen Land, in dem Rasse und Herkunft keine Rolle spielen. Er sang gegen die Apartheid an, stand mit schwarzen Musikern auf der Bühne, als es verboten war, und lieferte mit seinen Bands den Soundtrack der Anti-Apartheid-Bewegung.

Am Dienstag ist Clegg im Alter von 66 Jahren in Johannesburg gestorben, er schaffte mit seinem Tod noch einmal das fast Unmögliche, vereinte das Land in seiner Trauer, all die politischen Parteien, die sonst wenig gemeinsam haben, veröffentlichten fast gleichlautende Nachrufe. «Er hatte die Gabe, Menschen aller Rassen zu vereinen», teilte die südafrikanische Regierung mit. «Er hätte einfach ein privilegierter weisser Mann bleiben können. Aber er lernte die Kunst der Zulu, den afrikanischen Tanz, und verbreitete ihn in der ganzen Welt», sagte die Sängerin Yvonne Chaka Chaka.

Johnny Clegg singt 1990 «Asimbonanga» zusammen mit Nelson Mandela.

Den «weissen Zulu» haben sie Clegg vor allem in Europa genannt, weil er manchmal in der afrikanischen Tracht auftrat und die Gitarre spielte wie ein Schwarzer. Er mochte den Spitznamen nicht, weil er ja loskommen wollte von der Obsession Südafrikas mit Rasse und Hautfarbe, die auch das Ende der Apartheid überdauert hat.

«Ich fühle mich wie ein Migrant», sagte Clegg einmal, «wie ein Wanderarbeiter mit dem Gefühl der Entwurzelung und Vertreibung». Er fühlte sich den schwarzen Bergarbeitern näher, die aus der Provinz von KwaZulu-Natal nach Johannesburg kamen, als vielen weissen Südafrikanern.

Clegg wurde 1953 in England geboren, seine Mutter kehrte nach der Scheidung ins damalige Rhodesien zurück, mit sechs Jahren kam Clegg nach Johannesburg, später ging es noch nach Israel und Sambia, wo er ganz normal mit Schwarzen in die Klasse ging. Zurück in Südafrika, nahm ihn der neue Mann der Mutter, ein Journalist, mit in die Townships. Vom Gärtner Charlie Mzila lernte er, Gitarre und die Konzertina zu spielen, wie es die Zulu taten.

Die Lieder sagen alles

Er traf auf Sipho Mchunu, mit dem er die Band Juluka gründete, drei Schwarze und drei Weisse, die traditionelle Zulu-Musik mit keltischem Folk und amerikanischen Singer-Songwritern vermischten. In «Impi» besangen sie den Sieg der Zulu-Kämpfer gegen die Briten in der Schlacht von Isandhlwana. «African Sky Blue» war eine Ode an die Bergarbeiter in den Goldminen. Im damaligen Apartheid-Südafrika war es die ultimative Provokation. «Diese Zeit war sehr schwer. Wir konnten nicht zusammen durch die Strassen laufen, die Polizei verfolgte uns, manchmal warf sie ihn ins Gefängnis», erinnerte sich der Partner Mchunu. Sie durften sich nicht besuchen, sie durften nicht zusammen auf die Bühne.

Er hat ein Leben geführt, das wie ein Film war, den es aber noch nicht gibt.

Sie mussten sich ihre Schlupflöcher suchen, mal ein Auftritt auf einer Botschaftsparty, mal in der Aula einer privaten Schule. Ihre Lieder liefen nicht im staatlichen Radio. Der Erfolg kam über das Ausland. Die Band tourte durch Europa und Amerika, wurde gefeiert. Und auch verurteilt. Die britische Musikervereinigung kritisierte, dass Clegg weiter in Südafrika auftrete, obwohl es doch ein internationales Embargo gebe. Clegg selbst sagte immer, er sei kein Politiker. Mehr gab es auch nicht zu sagen, seine Lieder sagten ja schon alles.

Im Jahr 2015 wurde bei ihm Bauspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Er ging noch einmal auf Tour, nannte sie die «letzte Reise». Das Begleitheft listete noch einmal alle Stationen auf – und alle, die dabei waren: Den Gärtner Charlie Mzila und Sipho Mchunu, mit dem er Juluka gründete, der dann aber lieber wieder Farmer werden wollte, weshalb Clegg die Nachfolgeband Savuka formierte, die rockiger war und auch erfolgreicher, bis zum Tod ihres Drummers Dudu Ndlovu, der erschossen wurde, als der einen Streit unter Taxifahrern schlichten wollte.

Jetzt ist auch Clegg gestorben. 13 Alben hat er in 40 Jahren herausgebracht. Er hat ein Leben geführt, das wie ein Film war, den es aber noch nicht gibt. Im vergangenen Herbst erzählte er, dass er an seiner Autobiografie sitze, für die er in der ganzen Welt Interviews führe mit Weggefährten. Anthropologie hatte er einmal unterrichtet, und so umfassend ging er auch die Untersuchung seines eigenes Lebens an. Man kann nur hoffen, dass er möglichst weit gekommen ist.

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