Der kleine Prinz und der gute Ton

Wie konnte es dazu kommen, dass der Berner Müslüm-Produzent Ben Mühlethaler das neue Prince-Album abgemischt hat? 
Spurensuche am Berner Loryplatz.

Wie Prince gerade auf ihn gekommen ist, weiss Ben Mühlethaler bis heute nicht genau.

Wie Prince gerade auf ihn gekommen ist, weiss Ben Mühlethaler bis heute nicht genau. Bild: Valérie Chételat

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Es gibt diese Momente, in denen man sich kurz kneifen muss, um sicherzu­gehen, dass das hier gerade wirklich ­geschieht. Im Falle des Berner Produzenten Ben Mühlethaler war es folgende Situation: Er sitzt im bekanntesten Tonstudio der USA, arbeitet am Mischpult an Songs der Pop-Majestät Prince, auf die die Welt schon länger wartet, während draussen vor der Studiotür ebendieser Prince sich einen erbitterten Tischtennis-Match liefert. Es ist wahr. Es hat sich genau so zugetragen. Und gekommen ist es so.

Die Mail, die das Leben des Ben Mühlethaler etwas durcheinanderbringen sollte, landete 2011 zunächst im Spam-Ordner seines langjährigen Freundes Jamie Lewis in Winterthur, mit dem er ein Produzentenduo bildet. Dieser hielt das Ganze zunächst für elektropostalischen Plunder.

Das Management von Prince interessiere sich für eine Kollaboration mit Jamie Lewis’ House-Label Purple Music, stand in der Mail. Ben Mühlethaler war nach einer kurzen Unterredung der Meinung, man solle sich doch zumindest zurück­melden, man könne ja nie wissen. Zwei Tage später flogen zwei Abgesandte von Prince nach Zürich, um die beiden Schweizer zu treffen. Man meinte es ernst in Minneapolis. Das war 2011.

Einige Wochen später erschien tatsächlich die Auskoppelung «Dance 4 Me» vom Album «Lotus Flower» auf dem Winterthurer Label, der Remix, den die beiden Schweizer beisteuerten, schoss an die Spitze der britischen Dance-Charts. Das Gespann aus Bern und Winterthur verfertigte weitere Remixe sowie die unveröffentlichte Single «Rock & Roll Love Affair», auf welcher sie die princesche Stimme mit luftigem House untermalten. Doch das Ganze blieb irgendwie anonym. Von Prince selber war nichts zu sehen und zu hören, ausser ein paar Mails. Sie seien daran zu erkennen, dass sie ausschliesslich in Grossbuchstaben verfasst seien.

Von Müslüm zu Prince

Ben Mühlethaler sitzt im Aussenbereich einer Pizzeria beim Loryplatz und trinkt einen Kaffee. Er trägt eine bedienerfreundliche Kurzhaarfrisur, wie sie von Figaros aus Osteuropa gerne geschnitten werden. Und er trägt eine Pilotenbrille, die er auch später im schummrigen Studio nicht ausziehen wird. Um den Hals hängt eine massive Silberkette. Jeden anderen würde dieses modische Konglomerat in dringenden Aufschneider-Verdacht bringen. Nicht aber Ben Mühlethaler. Von ihm geht eine liebenswürdige Gemütlichkeit aus. Er ist ein Schaffer, der weiss, was er kann, der aber durchaus mit gesunder Selbstskepsis und -ironie ausgestattet ist. Wie Prince gerade auf ihn gekommen ist, das weiss er bis heute nicht genau. Gefragt hat er ihn nie. Aus dem Umfeld war zu erfahren, Prince sei von den Erzeugnissen des ­Labels Purple Music begeistert gewesen – und ganz besonders von dessen Sound­qualität, für die Ben Mühlethaler mitverantwortlich zeichnet. Die These, dass sich Prince das von Mühlethaler produzierte Müslüm-Album angehört hatte und der Meinung war, dass man hier mal anklopfen sollte, hat nicht sonderlich viele Anhänger. Auch Mühlethalers Zusam­menarbeit mit den Elektro-Geschäftsmännern Remady & Manu-L oder mit den Hip-Hoppern von Churchhill wird über dem grossen Teich kaum wahrgenommen worden sein. Egal.

Die nächste Anfrage aus dem Prince-Lager ging Anfang letzten Jahres in Bern ein. Diesmal sollte es ernster werden. Geschickt wurden Tonspuren von nicht veröffentlichten Prince-Songs, die von Ben Mühlethaler und seinem Winterthurer Freund abgemischt werden sollten. Man verschanzte sich im eigenen ­B-Note-Studio am Loryplatz, tat sein Bestes, schickte dieses Beste nach Amerika zurück und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Einige Wochen später standen die beiden Schweizer mit leicht zittrigen Knien vor dem sagenumwobenen Paisley-Park-Studiokomplex in Minneapolis, eine 5000-Quadratmeter-Baulichkeit, in der Prince sich seit 1988 musikalisch und multimedial auszutoben pflegt. Sie waren in der Business­class geflogen. Ihr Auftrag: im Studio B ein paar Stücke von Prince abmischen. Was mit diesen später geschehen würde, das wussten sie noch nicht. Prince ist bekannt dafür, dass er viel Ausschussware produziert. Dass auf dem eben erschienenen neuen Prince-Album «Plectrumelectrum» steht: «Mixed at Paisley Park by Ben Mühlethaler and Jamie Lewis», davon wagten sie noch nicht zu träumen.

«Fix that!»

Prince soll die Schweizer freundlich begrüsst haben, um sie gleich ohne Umschweife mit ihrem Arbeitsplatz bekannt zu machen. In acht Wochen, verteilt auf vier Sessions, wurde hier gemixt, bis die Ohren wackelten. «Prince diktierte den Zeitplan», erzählt Ben Mühlethaler. «Er erklärte kurz die Songs, welche Stimmung ihm vorschwebte und wann er erste Ergebnisse erwartete. Dann liess er uns arbeiten.» Der kleine Mann forderte viel. Er gab weit mehr in Auftrag als die zwölf Stücke, die nun erschienen sind. Passte ihm etwas nicht, dann konnte er auch schon mal fordernd werden: «Fix that!», hiess es dann und bedeutete auch schon mal eine fünfstündige Zusatzschicht. «Es kam aber auch vor, dass er im Türrahmen stand und ein verzücktes ‹Beauti­ful› in den Regieraum raunte», sagt Ben Mühlethaler. Doch fassbar sei ihm die Person Prince in der ganzen Zeit nicht geworden: «Es gab entspannte Momente, als wir uns in der Küche trafen und er mir einen Tee zubereitete oder als wir zusammen einen Film schauten. Doch meistens war er relativ sachlich. Eine Charakterisierung fällt mir schwer.» Etwas habe ihm besonders imponiert: «Es ging in dieser Zeit und in diesem Gebäude fast ausschliesslich um Musik. Es herrschte eine Konzentration und eine Professionalität, die bewundernswert ist.»

Nach Prince kam Seven

Doch wie geht man eine solche Arbeit an? Man ist in einem fremden Studio, kennt das Abhörsystem nicht, steht unter Zeitdruck, sieht sich einem Jahrhundertkünstler gegenüber . . . «Ich habe mir zuvor schon ein paar Prince-Alben angehört», sagt Ben Mühlethaler mit einem Schmunzeln. «Ich wusste, wie er eine Snare-Drum einsetzt oder dass er seine Gitarrensoli gerne in den Vordergrund mischt, doch das wars dann auch schon.» Der Rest geschah im Austausch mit dem Meister. Was hat er gelernt von ihm? «Die tun dort drüben nichts, was wir hier nicht auch tun», sagt Ben Mühlethaler. «Doch natürlich war es gross­artig, mit einem Menschen zusammenzuarbeiten, dessen musikalische Vision schon so viele Jahrzehnte lang die Musikwelt bereichert.» Und was hat Prince von ihm gelernt? «Das weiss ich nicht», antwortet er überrascht und lächelt. «Gelernt vermutlich nichts, aber offensichtlich hat ihm gefallen, was wir aus seinen Songs gemacht haben.» Das liegt auf der Hand. Der Soul-Rock-Bastard, den Prince hier veröffentlicht hat, mag künstlerisch kein Schlüsselwerk sein, aber klingen tut er hervorragend: Wuchtig und doch warm im Klangbild, auffallend prima sind der knackige Schlagzeug-Sound und die bestens aufgeräumten Bassfrequenzen.

Ob die Zusammenarbeit eine Fortsetzung findet, weiss Mühlethaler nicht. Eben hat er in seinem neu ausgebauten Studio ein Album für Seven fertig­gestellt. Als Nächstes ist wieder Müslüm an der Reihe. Er möge Projekte, in denen er sich auch musikalisch einbringen könne. «Das Abmischen allein ist mir im Grunde zu technisch.» Und nein. Reich geworden sei er wegen Prince nicht: «Ich habe denselben Ansatz verlangt, den ich auch hier in Bern fordere. Aber schaden tut der Name Prince als Arbeitsreferenz sicher nicht.» Und ja: Der Spam-Ordner wird seither im Hause Lewis/Mühlethaler regelmässiger durchforstet.

P. S. Den einleitend erwähnten Tischtennismatch hat Prince übrigens für sich entschieden. «Er spielt wie Jackie Chan», erzählt Ben Mühlethaler voller Ehrfurcht. (Der Bund)

Erstellt: 28.10.2014, 07:12 Uhr

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