Der Goldgräber auf den Spuren von Orpheus

Er hat über Jahre das westliche Gehör auf die archaischen Klänge von Le Mystère des Voix Bulgares eingetunt und hat im Kalten Krieg der Welt vermittelt, wie sehr die Musik des Ostens ans Herz gehen kann. Jetzt ist der leidenschaftliche Klangsammler Marcel Cellier tot.

Marcel Cellier – begeistert von der Klangwelt des Ostens und der entschleunigenden Wirkung erheblicher Zugverspätungen, wie hier in Rumänien.

Marcel Cellier – begeistert von der Klangwelt des Ostens und der entschleunigenden Wirkung erheblicher Zugverspätungen, wie hier in Rumänien.

(Bild: Archiv Catherine Cellier)

Marc Lettau

Im Waadtländer Dorf Chexbres verabschiedet sich die Musikwelt vom Schweizer Musikethnologen und Grammy-Award-Gewinner Marcel Cellier. Sie dürfte sich darauf einigen, dass Cellier wie kaum ein anderer zum Aufblühen des Genres Worldmusic beigetragen hat: Der im Alter von 88 Jahren verstorbene Schweizer gilt als Entdecker und Förderer der archaisch anmutenden bulgarischen Frauenchöre, allen voran von Le Mystère des Voix Bulgares; er hat dem rumänischen Panflötenspieler Gheorge Zamfir den Weg auf die grossen Bühnen der Welt geebnet; er hat nebst der bulgarischen, rumänischen und ungarischen Folklore dem westlichen Publikum auch jene Albaniens anempfohlen – notabene mitten im Kalten Krieg, als dieses Albanien noch als maoistische Fehlkonstruktion im Inneren Europas wahrgenommen wurde.

3 Millionen Kilometer unterwegs

Celliers Medium war zunächst das Westschweizer Radio. 30 Jahre lang hat er mit seiner Sendung «De la Mer Noir à la Baltique» vermittelt, wie sehr die Musik aus dem verschlossenen Osten auch einem aus dem Westen ans Herz gehen kann. In seinem Hunger nach neuen Klängen ist er mit seiner Gefährtin Catherine über ein halbes Jahrhundert hinweg per Auto drei Millionen Kilometer durch Osteuropa getingelt und hat dabei über 5000 Musikaufnahmen gemacht.

Was er nicht auf Schellack finden konnte, begann er selber zu pressen. Und im Februar 1990 wurde ihm in Los Angeles für sein Album «Le Mystère des Voix Bulgares II» der Grammy Award verliehen: Die entrückt klingenden Chöre aus den fernen Bergen des Balkans verzückten Amerika. Vom kommerziellen Durchbruch profitierten damals Warner Brothers, Polygram und Nippon Columbia, nicht Cellier. Ihn interessierte das Geschäftliche nur mässig. Seine Hingabe galt der Musik und den Menschen, die sie machen.

Erzhändler und Goldgräber

Dabei gab es ihn durchaus, den Geschäftsmann Cellier. Er verhandelte in den Nachkriegsjahren in Osteuropa mit kommunistischen Regimes über Erzlieferungen an die Schweizer Metallindustrie. Wirklich begeistert haben ihn aber einzig die musikalischen Goldschätze, die er mit auffälliger Absichtslosigkeit hob: «Ich hatte sicher keine Mission, musste niemanden bekehren», sagte Cellier vor zwei Jahren. Er sah sich lediglich als der Begeisterte, «der mit anderen gerne all das Fabulöse teilt, das ihn eben begeistert». Und er war ein Begeisterter mit langem Atem, wie «Le Mystère des Voix Bulgares» verdeutlicht. Das 1975 in einer Auflage von 2000 Platten gepresste erste Album reichte für Jahre. Doch Cellier mutete dem Publikum bis zum Durchbruch von 1990 ebenso begeistert wie beharrlich weiterhin die scheinbar misstönigen Klänge und diafonischen Intervalle Osteuropas zu.

Entzückter George Harrison

Celliers Funde waren zunächst für die kleine Insel Schweiz bestimmt, beeinflussten aber Musiker wie den Beatle George Harrison, der ob der Chöre Bulgariens ins Schwärmen geriet. Celliers Alben wurden in der Folge gerade im englischsprachigen Raum – unterlegt vom süsslichen Duft von Patschuli und Cannabis – als Beleg für die Existenz ursprünglicher, unverdorbener Vokalmusik gedeutet. Cellier selbst sah das von ihm Entdeckte anders. Ihm war bewusst, dass gerade in Bulgarien die vermeintlich uralte Folklore eine Symbiose aus Tradition und Neuschöpfung war. Das archaische Liedgut, das seine Ursprünge in der Gesangstradition der Thraker – von Orpheus also – haben dürfte, nahmen Komponisten der sozialistischen Ära als Ausgangspunkt für avantgardistische, polyfone Neukompositionen.

Cellier zeigte Hingabe für beides, für die Erben Orpheus’ und für die modernen Avantgardisten. Genau deshalb ist seine Nachwirkung in Bulgarien gross: Der Bewunderer trug zum Wunder bei, dass die Bewunderten auch heute noch der damals herausgebildeten Musik grössten identitätsstiftenden Wert einräumen. Heute klingt für viele Bulgarinnen und Bulgaren die eigene Musik also dann besonders authentisch, wenn sie exakt so tönt, wie der ihnen zugeneigte Cellier sie gehört hat. Ein Kommentator sagte es gestern in bulgarischen Medien so: «Cellier war der beispielhafte Mensch aus dem Westen, der bei uns das Gute und Schöne suchte, die schönsten aller Lieder fand – und diesen auf die bestmögliche Weise zu Ansehen verhalf.»

Der Bund

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