Der Freddie-Faktor

Queen im Hallenstadion mit Adam Lambert an der Stelle von Freddie Mercury: Es funktioniert. Wenn sie ihn denn lassen.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Queen, das war der gewagte Name eines englischen Hardrockquartetts exzentrischer Akademiker, das Hunderte von Millionen Platten verkaufte und dutzendweise Songs schrieb, die heute noch jeder kennt; keine Selbstverständlichkeit in diesem Genre. Das Quartett halbierte sich in den Neunzigern zum Duo, handelte sich damit aber zwei Probleme ein. Das erste ist vernachlässigbar und heisst John Deacon, der ehemalige Bassist, der nichts von den Wiederbelebungsversuchen seiner ehemaligen Kollegen hielt und sich 1997 konsequent aus dem Geschäft zurückzog. Deacon war ein exzellenter Musiker und Songschreiber, aber wer schaut schon auf den Bassisten? Das zweite Problem schien dagegen unlösbar: Es hiess Freddie Mercury, der 1991 an den Folgen seiner HIV-Ansteckung verstarb, eines der ersten prominenten Opfer der Krankheit.

Mercury bleibt unvergesslich, unvergessen, unersetzlich. Dank seiner fantastischen Stimme, seinem Humor, seinem Charisma und seiner demonstrativ dargebotenen Homosexualität, mit der er das homophobe Hardrockpublikum in kurzen weissen Hosen und erigiertem Mikrofonständer gleichermassen unterhielt und provozierte. Dabei war er von seiner Kunst deutlich weniger beeindruckt als sein Millionenpublikum. Die Songs seiner Band seien wie Kleenex-Tücher, sagte er: bei Bedarf greifbar und nach Gebrauch weggeworfen. Was von seiner Kunst übrig bleiben würde, fragte ihn ein Journalist. «I don’t give a fuck, Darling», gab er zurück, «denn dann werde ich tot sein.»

Der Fan in der Bühnenmitte

Mercury bleibt tot, Deacon ist weg, und der Rest spielt im Hallenstadion mit assortierten Gastmusikern und dem Repertoire einer langen Karriere. Und schon vom ersten von fast dreissig dargebotenen Stücken, «One Vision» aus dem Comebackalbum «A Kind of Magic» von 1986, lässt sich sagen: Musik, Gesang und Aufführung donnern über die Anlage wie neu komponiert.

Und zwar nicht trotz des amerikanischen Gastsängers Adam Lambert, der die unmögliche Aufgabe angenommen hat, an Mercurys Stelle zu treten, sondern wegen ihm. «Lasst uns den Grund feiern, warum wir uns in diese Band verliebt haben», sagt der 33-Jährige einmal, und er selber feiert am meisten von allen: als hemmungsloser Fan, der er ist. Schliesslich hat der Sänger mit Mercurys «Bohemian Rhapsody» in der Castingshow «American Idol» debütiert und reüssiert. «Niemand kann Freddie Mercury ersetzen», hat er in Interviews gesagt. Er tut das Nächstbeste: Er lässt ihn hochleben, ohne sich selber zu verleugnen.

Schwul wie Winnetou

Queen hatten schon in den Nullerjahren mit dem englischen Rocksänger Paul Rodgers ein Comeback versucht. Es misslang, weil Rodgers alles abging, was Mercury über seine fantastische Stimme hinaus im Übermass besass: Grandezza, grelles Diventum, Pathos und Selbstironie, tuntenhaftes Posieren, anders gesagt: Freddie Mercury war hemmungslos schwul, schwuler als Thomas Mann und Winnetou zusammen.

Auch darin lag das Einmalige dieser Band: Sie intonierte heterosexuelle Musik mit einem homosexuellen Sänger. In der Inszenierung von Männlichkeit war ihre Parodie eingebaut.

Furioses Finale

Mit dem exaltierten Adam Lambert ist diese Kombination wieder hergestellt, «der Freddie-Factor», wie das der «Guardian» genannt hat, und sie macht das Beste aus an diesem zweieinhalbstündigen, von der Menge selig mitgesungenen Konzert.

Mehr noch: Der Auftritt am Donnerstag gelingt immer dann, wenn Lambert sich auf der Bühnenmitte verausgabt, wenn er mit Songs wie «Another One Bites the Dust», «Killer Queen» oder «Tie Your Mother Down» in mehreren Oktaven brilliert und mit den schamlosen, auf den Stadionauftritt hinkomponierten Zugaben «We Will Rock You» und «We Are the Champions» ein furioses Finale abbrennt.

Donnernde Langeweile

Warum bleibt trotzdem ein Rest Enttäuschung, warum gelingt nicht der ganze Auftritt? Weil Queen denselben Fehler wiederholen, der ihnen schon im Juli 1986 im Hallenstadion unterlief, und damals war Mercury noch dabei: Die verbleibenden Gründungsmitglieder lassen sich von ihrer Eitelkeit blenden. Und übernehmen die schlimmsten Auswüchse der Sechziger – überlange Soli, Hauen und Dreschen an Gitarre und Schlagzeug, Bombast und dröhnende Langeweile. Wenn Gitarrist Brian May «Love of My Life» alleine an der akustischen Gitarre anstimmt, während hinter ihm Mercury überlebensgross die Leinwand füllt, hat das etwas Berührendes, und man nimmt dem Musiker die Tränen ab, die er sich nachher abwischen muss. Aber wenn ihm und Schlagzeuger Roger Taylor das Grössenselbst durchgehen, wartet man nur noch darauf, dass ihre Selbstüberschätzung wieder abschwillt und gute Musik gegeben wird. Bedauernd denkt man daran, was für Stücke die Band noch hätte spielen können. Und wünscht sich, die Musiker hätten ihrem Talent mehr vertraut als ihrem Darstellungstrieb.

Immerhin, und das tröstet sogar über solche Eskapaden hinweg: Auf der Bühne spielen Musiker mit offensichtlicher Freude zusammen, und es gibt nichts Besseres an einem Konzert, als wenn das Publikum seine Begeisterung mit denen teilen kann, die dafür besorgt sind. Dafür sind Kleenex-Tücher schliesslich da: als stoffliches Äquivalent körperlicher Heftigkeiten.

DerBund.ch/Newsnet

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