Der Ewigmorgige

Kultur

Endlich hat die Schweiz einen Musikpreis mit etwas Würde. Der Grand Prix Musik des Bundesamts für Kultur ist in Lausanne zum ersten Mal verliehen worden. An einen Mann, der die Zukunft der Rockmusik vorweggenommen hat.

Der richtige Gewinner zur richtigen Zeit: Franz Treichler, Chefdenker der Gruppe The Young Gods.

Der richtige Gewinner zur richtigen Zeit: Franz Treichler, Chefdenker der Gruppe The Young Gods.

(Bild: Keystone Salvatore di Nolfi)

Ane Hebeisen

Ganz am Schluss sind irgendwie alle versöhnt. Der ebenfalls nominierte Rock’n’Roll-Tunichtgut Reverend Beat-Man gibt sich am Apéro im schicken Gala-Anzug achtungsvoll: Der Sieger sei der Richtige, er habe alle hier auf eine Art inspiriert. Ein Jury-Mitglied lässt durchblicken, dass schnell klar gewesen sei, dass nur er gewinnen könne, und beim Sieger selber ist eine gewisse Erleichterung auszumachen. Franz Treichler heisst er, ist der Chefdenker der Genfer Gruppe The Young Gods und hat soeben in der Oper von Lausanne den ersten Schweizer Musikpreis überreicht bekommen, dotiert mit 100'000 Franken.

Bisher war das mit den Musikpreisen in der Schweiz ja so eine Sache. Über Jahre war der rustikale Prix Walo das einzige, was sich als Musikant in diesem Lande absahnen liess. Seit sieben Jahren gibts die Swiss Music Awards, ein reichlich grosstuerisches Fest für die Modellathleten der Popmusik und deren Label-Bosse. Die wichtigsten Fragen drehen sich da jeweils um Melanie Winigers Kleiderwahl oder ob sich der Award-Kontostand von Bligg oder jener von Stress aufbessern wird. Und dann nimmt jeweils noch Wunder, ob sich Erfolgs-DJ Antoine beleidigt zeigt, sollte er für einmal leer ausgehen.

Seit das Schweizer Kulturförderwesen auf 2012 neu organisiert wurde, ist das Bundesamt für Kultur (BAK) angehalten, für jede Kunstsparte einen Preis zu organisieren. Und so kommt nun auch die Musik – nach Literatur, Tanz, Theater Kunst und Design – als letztes Medium zu einer nationalen Auszeichnung samt Verleihung mit Bundesrats-Aufwartung. Viel ist im Vorfeld geschimpft worden über diesen Schweizer Musikpreis. Es sei unklar, was damit gefördert werden solle, Lebensleistung, Nachwuchs, Klassik, Jazz, Pop oder Subkultur. Dabei ist das Profil eigentlich klar umrissen: Es geht um Innovation und um Strahlkraft im In- und Ausland – und es geht eben nicht um Stile, Chart-Platzierung und Major-Label-Mauscheleien. Die 15 Nominierten (die alle mit 25'000 Franken getröstet werden) sind das beste Beispiel dafür, dass in der Schweiz eine ganze Reihe Musiker zu Werke gehen, die diese Kriterien erfüllen. Ganz besonders der 53-jährige Sieger Franz Treichler.

Aus Langeweile

Erfolg sei die Summe richtiger Entscheidungen, wollte uns einst ein Werbespot einreden. Dass dem nicht immer so ist, dass sich der Erfolg ganz gerne auch mal keinen Deut um brillante Entscheidungen schert, davon könnte die Schweizer Gruppe The Young Gods ein kantig Liedchen singen. Erfolg hatten stets die anderen: Nine Inch Nails, Marilyn Manson, Faith no More, Ministry. Bands, die mit modernistischer Rockmusik weltweit Stadien füllen. Ihre gute Entscheidung bestand darin, sich die Musik der Young Gods angehört zu haben. Das habe sie zu dem gemacht, was sie heute sind, geben alle freimütig zu. The Young Gods haben die Musikwelt wie keine andere Schweizer Gruppe geprägt, schafften es aber selber nie über den subkulturellen Mittelstand hinaus. Mit einer weltweit treuen Anhängerschaft zwar, aber eben ohne Stadionrock-Potenzial. Erfolg hatten immer die anderen, doch die Young Gods beklagten sich nicht.

Die Musik der Young Gods entsprang 1984 aus der Langeweile gegenüber den Stereotypen der vorherrschenden Popmusik. Dazu half ihnen der Umstand, dass exakt in dieser Zeit eine Technik für jedermann erschwinglich wurde, die zum Entwerfen neuer Visionen geradezu ermunterte. Der Sampler, ein Gerät mit dem sich die ganze Musikgeschichte rezyklieren und neu zusammensetzen liess. Doch was andere Bands zu ausufernden Spielereien verleitete, war für Franz Treichler bloss ein Mittel, um seine künstlerische Vision umzusetzen. Er gierte nicht nach Originalität, er nutzte die neue Technologie auf vergleichbar nüchterne Weise zum Erschaffen einer grundlegend neuen und unberechenbaren Form der Rockmusik. Vor 30 Jahren erschienen The Young Gods mit einem Konzept auf den Bühnen, das bis heute besticht: Ein Schlagzeuger duelliert sich mit rauen Klangfragmenten, und vorne an der Bühne agiert Sänger Franz Treichler, dem das seltene Talent eigentümlich ist, mit nichts anderem als seiner Präsenz, seiner heiseren Stimme und einem am Mikrofonständer befestigten Scheinwerfer das Auditorium zu erschüttern und in Atem zu halten. Der englische «Melody Maker» erkannte darin bald die «Zukunft der Rockmusik», in Amerika gab man dieser digitalisierten Form des Rock Jahre später den Namen Industrial.

Luxus Zeit

Der Preis für Franz Treichler ist nicht nur folgerichtig, er kommt auch zum denkbar besten Zeitpunkt. The Young Gods zeitigten in letzter Zeit Auflösungserscheinungen, der Tastenmann Al Comet ist ausgestiegen, Treichler ging jüngst nur noch mit einem Nostalgieprogramm auf Tour. Mit dem Preis wolle er sich denn auch den grössten Luxus leisten, den man als Musiker in der Schweiz erlangen kann: «Ich werde mit Zeit nehmen können, ohne Sachzwänge an neuen Projekten zu arbeiten»; sagt er nach der Preisverleihung. «Ich werde sicher ein Soloalbum aufnehmen, momentan stehen aber auch die Zeichen für ein neues Young-Gods-Album nicht schlecht.» Mit dem Prix Walo wäre ihm das definitiv nicht vergönnt gewesen.

Der Bund

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