Der Bart ist ab

Der US-amerikanische Folkpop hat einen Knacks: Die beiden Bands Fleet Foxes und Big Thief interpretieren ihn aber ganz unterschiedlich.

Soll es nun Kunst sein oder ein «Winnetou»-Soundtrack? Die Fleet Foxes konnten sich nicht entscheiden. Fotos: Shervin Lainez

Soll es nun Kunst sein oder ein «Winnetou»-Soundtrack? Die Fleet Foxes konnten sich nicht entscheiden. Fotos: Shervin Lainez

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Musik aus dem Radio war keine Musik mehr. Sie war nur noch etwas, das ihn seine Verbitterung spüren liess. Der Lärm der Stadt regte ihn genauso auf wie die Stille auf dem Land, menschliche Sanftheit stimmte ihn verächtlich und Härte streitsüchtig. «Das, Kinder, sind die Zeichen des Knackses.» So beschrieb F. Scott Fitzgerald die Lebenskrise, die ihn 1936 erfasst hatte. Er tat es in einem dreiteiligen Essay im «Esquirer» unter dem Titel «The Crack-Up»: «Ich hatte das plötzliche Bedürfnis, alleine zu sein. Ich zog mich zurück und fühlte mich angenehm erschöpft.»

«Der Knacks», wie der Text in der deutschen Version heisst, habe seine frühere, erfolgreiche Existenz beendet, schrieb der US-amerikanische Autor: Damals habe er zwar gewusst, wie hoffnungslos das Leben sei, dieser Einsicht aber den Willen entgegengestellt, das Gegenteil zu beweisen. Er habe Dinge aus dem Hut gezaubert, doch nun sei der Zylinder leer, die Magie verwirkt. «The Crack-Up» ist das Protokoll einer Lebens- und Schaffenskrise, sehr persönlich und doch auch allgemein lesbar. Wenn also eine der einflussreichsten Folkbands unserer Zeit nach sechs Jahren endlich wieder ein Album veröffentlicht – und es dann auch noch «Crack-Up» nennt –, liegt der Schluss nahe: Es dürfte von einer popsängerischen Sinnkrise – mindestens – handeln.

Jegliches Leben ist entwichen

Es ist dies das dritte Album der Fleet Foxes, der Band aus Seattle um den Sänger und Songschreiber Robin Pecknold. Und es klingt tatsächlich, als habe der künstlerische Kopf nicht nur seinen Bart abrasiert, sondern den pastoralen Sound, den seine Band auf dem Debüt (2008) und dann auf «Helplessness Blues» (2011) etablierte, zu Scherben zerbrochen und bewusst falsch wieder zusammengesetzt. Dazwischen lag der Um- und Rückzug von Pecknold, der nach New York zog, um sich an der Columbia University einzuschreiben und Literatur und Kunst zu studieren. Dazwischen lag aber auch der Aufstieg einer neuen Riege von Folkbands wie den Lumineers oder Mumford & Sons, die den Folk mit süffigen Singalongs ins Kommerzradio und ins Stadion trugen.

Er habe gemerkt, dass er so nicht weitermachen könne, sagte Pecknold vor kurzem im Interview mit dem deutschen «Musikexpress»: «Ich wollte nichts mit dem zu tun haben, was sich im Folk gerade abspielte.» Inspiriert von F. Scott Fitzgerald, aber auch von marokkanischer Gnawa-Musik, Krautrock und modalem Jazz, hat er darum beschlossen, dem Folk einen Knacks zuzufügen. Und das Ergebnis dieses mutwilligen Crack-up ist nun tatsächlich ein Krisenalbum – freilich im Sinne eines Symptoms. Es war ja nie besonders viel Bewegung im hymnischen, fast amischen Folkpop dieser Band, aber unter der Last des neuen Konzepts entweicht aus ihm nun jegliches Leben.

Traurig und federleicht: Big Thief um Sängerin Adrianne Lenker (2. v. r.).

Sie sind noch da, die weichen Beats, die rasselnden Akustikgitarren, die hohen Gesänge, die man von den Fleet Foxes kennt. Allerdings hat Pecknold sie in ungewohnte Harmoniefolgen gezwungen und in suitenartige Gebilde, die ­Titel tragen wie «– Naiads, Cassadies», «Third of May / Õdaigahara» oder «On Another Ocean (January / June)» und die in kaum einem Moment eine Songform annehmen, an die man sich irgendwann erinnern wird. Die Band hält dies wohl für so etwas wie modalen Folk, doch sind die verleimten Einzelteile dieser Musik meist viel zu konventionell, um an Jazz denken zu lassen. So klingt dieser «Crack-Up» wie die Musik einer Band, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie Kunst oder doch einen «Winnetou»-Soundtrack machen wollte. Oder um es mit Fitzgerald zu sagen: «Der natürliche Zustand des fühlenden Erwachsenen ist das Unglück. Jede Ambition, sich zu verbessern, wird es nur verstärken.»

Wie wunderbar und selbstverständlich ein Folkpop auch mit Knacks tönen kann, zeigt unterdessen «Capacity», das zweite Album von Big Thief aus Brooklyn. Die Songs der Band um die Sängerin Adrianne Lenker tragen normale Titel und handeln doch vom Tod und von der Falschheit der Liebe, von sexueller Gewalt und vom Autounfall, bei dem sie, die heute 25-jährige Musikerin, als Kind fast ums Leben kam. In «Mythological Beauty» versetzt sie sich in ihre Mutter, die auf dem Rücksitz ihr blutendes Mädchen hält: «I was just 5 and you were 27 / Praying, don’t let my baby die.»

Fleet Foxes, Crack-Up. Quelle: Youtube

Big Thief, Capacity. Quelle: Youtube

Doch die Musik versetzt all die Schrecken (und gelegentlichen Momente von Schönheit), von denen die Lieder erzählen, in eine leichte, fast traumartige Distanz. Die klassisch mit Gitarren, Bass und Schlagzeug besetzte Band spielt ein Minimum an Struktur und ein Maximum an Unschärfe. Erst bei genauerem Hören entdeckt man die Details, die diese Musik von klassischem Folkpop abheben – die Gitarre etwa, die in «Capacity» das spielt, was normalerweise ein Begleitchor singen würde; oder das Gitarrensolo in «Shark Smile», das nur noch in Fetzen über dem letzten Refrain hängt, als Lenker singt: «She said / Whooh, baby / Take me.» Die Sängerin muss nicht lärmen oder flüstern, um eine Intimität zu behaupten. Fast beiläufig geht sie durch diese Lieder, so, als spiele ihre Band keine Musik, sondern Stille: «Nur eine Stille und der Klang meines eigenen Atems», wie F. Scott Fitzgerald in seinem Essay schrieb.

Das funktioniert so gut, weil Adrianne Lenker sich auf ein grossartiges Repertoire stützen kann. Die Songs sind hoch melodisch, dabei aber überraschend und nie aufdringlich. So traurig und federleicht klingen sie, dass sie immer wieder an andere sanfte Riesen des folkigen Popsongs erinnern, an Nick Drake etwa oder an Elliott Smith. Das waren krisengewohnte Sänger, die ihren Knacks nicht ausstellten, die im Gegenteil immer schönere Melodien erfanden, um ihn singend zu verbergen. Wo die Fleet Foxes mit ihrem neuen Album einen Essay vertont haben, konzentrierten sich Big Thief darauf, eine Popplatte zu machen. Eine, zu der nur die allergrössten Misanthropen so etwas wie Verbitterung spüren dürften.


Big Thief: Capacity (Sub Pop / Irascible). Fleet Foxes: Crack-Up (Nonesuch / Warner); Konzert: 4.7., Montreux Jazzfestival. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2017, 18:26 Uhr

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