«Das funktioniert immer»

Guy Chambers hat fast alle grossen Hits von Robbie Williams mitkomponiert. Am Rande eines Zürcher Auftritts erzählte er, was passiert, wenn er gemeinsam mit dem Superstar am Klavier sitzt.

«Robbie hat das Talent, Texte und Melodien aus dem Moment zu erfinden»: Song-Writer Guy Chambers über Robbie Williams.

«Robbie hat das Talent, Texte und Melodien aus dem Moment zu erfinden»: Song-Writer Guy Chambers über Robbie Williams.

(Bild: Sabina Bobst)

Christoph Fellmann@tagesanzeiger

Mr. Chambers, am Sonntag sind Sie mit Robbie Williams an der Wahl des Schweizer Sportlers des Jahres aufgetreten und haben «Dream a Little Dream of Me» gespielt, einen alten Schlager. Warum? Nun, es ist die Single des neuen Albums, süss und weihnächtlich. Robbie wählte den Song aus. Er wollte dazu dieses Video machen, einer alten Fernsehshow von Dean Martin nachempfunden, in der er eine Feuerwehrstange runterrutscht.

Der Song ist über 80 Jahre alt. Was mögen die Leute daran? Er hat eine richtig gute Melodie. Er ist einfach, aber nicht nur, denn er hat ziemlich viele Akkorde. Und es ist ein romantisches Lied. Davon gibts nicht mehr viele.

Ich bitte Sie, jeder zweite Song handelt von der Liebe. Ja, von zerbrochener Liebe – wie «Wrecking Ball» von Miley Cyrus. Es sind negative Lieder über die Liebe. «Dream a Little Dream of Me» ist durch und durch positiv und scheint aus einer Zeit zu kommen, als alles ein bisschen einfacher war.

Wie wichtig ist Einfachheit beim Songschreiben? Sehr wichtig. Bedenken Sie, dass Sie nicht viel Zeit haben, um etwas zu sagen. Dreieinhalb Minuten. Und Sie brauchen eine Melodie, welche die Leute einmal hören und beim zweiten Mal mitsingen. Aber es gibt Songwriter, die arbeiten obsessiver auf Einfachheit hin als ich. Ich mag es, meinen Liedern einen Twist zu geben und die üblichen Harmonien auch mal zu verlassen.

Es gibt Computerprogramme, die Songs schreiben, und Bücher erklären, wie man einen Hit komponiert. Wie mathematisch ist Songschreiben? Es ist zum Teil berechenbar, das stimmt. Nehmen Sie die einfachste Regel: Komm zum Refrain, bevor eine Minute um ist. Oder nehmen Sie unseren neuen Song «Go Gentle»: Er geht in Moll los und wechselt im Refrain auf Dur: Das erhebt den Zuhörer auf eine sehr erfreuliche Art. Ein uralter Trick, funktioniert immer.

Im neuen Song «No One Likes a Fat Pop Star» brechen Sie allerdings eine wichtige Regel: keine Ironie in Popsongs. Ja, der Song hat etwas Operettenhaftes. Wir wollten die Leute zum Lachen bringen. Robbie und ich lieben Monty Python und ihre Songs. Wir wollten in ihrer Tradition ein eigenes Lied schreiben.

Robbie Williams hat Ihnen das Album «Sing when You're Winning» gewidmet: Sie seien ebenso Robbie wie er selber. Sind Sie das? Hm, wir sind in vieler Hinsicht sehr verschieden. Robbie mag Fussball und Hip-Hop. Ich besuche Galerien und höre klassische Musik.

Aber Sie teilen den Sinn für Ironie und, wie ich vermute, auch die Melancholie. Da haben Sie allerdings recht.

Sehen Sie sich in der Tradition der grossen britischen Popmelancholie von den Beatles über die Kinks bis zu Blur? Es gibt diese Tradition zweifellos, und ich würde schon sagen, dass ein Song wie «Go Gentle» da hineingehört: Robbie singt über seine Tochter und dass er immer für sie da sein wird. Aber gewisse Zeilen sind ziemlich düster: «You're gonna meet some strangers / Most of them are twisted / Few of them are clean.» Weiss der Teufel, woher das kommt, aber so was gehört zu England und besonders zu London. In London ist nichts sicher, genau wie das Wetter, und du weisst nie, wozu du am Morgen aufwachst.

Ist das der Grund, warum Sie selten mit amerikanischen Musikern zusammenarbeiten? Ich habs immer wieder versucht, etwa mit Tina Turner. Aber richtig Erfolg hatte ich in den USA tatsächlich nicht. Ich habe jetzt ein Haus in Los Angeles. Da lebe ich jetzt oft – und spüre den Druck, als Songschreiber für das amerikanische Radio zu schreiben. Aber ich glaube nicht, dass ich das schaffe.

Ist das amerikanische Radio so anders als das britische? Der Code ist ein anderer. Die Amerikaner haben eine Obsession für Rhythmus. Schon in der Schule wachsen sie mit Militärmusik auf, und Hip-Hop ist ihre wichtigste Popmusik. In Amerika müssen sogar die Melodien rhythmisch sein. Es gibt dort zum Beispiel eine ganze Tradition von Songs, die ihren melodischen und rhythmischen Flow auf dem Wort «Go» und seiner Wiederholung aufbauen. Ich bevorzuge Melodien, die wachsen und ausgreifen.

Als Robbie Williams nach Los Angeles zog, beendete das vor zehn Jahren auch Ihre Zusammenarbeit. Jetzt haben Sie selber auch ein Haus in der Stadt: Hat das geholfen, wieder gemeinsam Songs zu schreiben? Ja, wir haben dieses Album in Los Angeles geschrieben, und im Januar fliege ich wieder hin, um mit Robbie am nächsten Album zu arbeiten. Klare schicke ich ihm auch Ideen. Aber Magie stellt sich nur ein, wenn wir im gleichen Raum sind.

Das heisst, Sie sitzen zu zweit am Klavier oder an der Gitarre und probieren rum? Exakt. Sehen Sie, Robbie hat das Talent, Texte und Melodien aus dem Moment zu erfinden. Nicht alles ist gut, aber da wir alles aufnehmen, gibt es immer wieder Zeilen oder Fragmente, mit denen wir dann arbeiten können.

Die Leute denken, Robbie Williams sei ein toller Entertainer. Als Songschreiber ist er unterschätzt. Der Grund ist, dass seine Songs selten gecovert werden. Und das wiederum liegt daran, dass seine Texte erstens sehr persönlich und zweitens, wie schon gesagt, ironisch sind. Die Leute neigen dazu, Leute nicht ernst zu nehmen, wenn sie Humor haben. Sie nehmen Nick Cave sehr ernst, weil er sehr ernst ist.

«Angels» war der dritte Song, den Sie zusammen schrieben. War Ihnen sofort klar, dass das ein Hit sein wird? Yeah.

Also feierten Sie im Studio? Nein. Wir wussten zwar, dass wir da was Gutes hatten. Aber gleichzeitig standen wir ganz am Anfang und dazu auch ganz nahe am Abgrund. Beide. Robbie hatte eine verrückte Zeit mit Alkohol und Drogen, und ich war pleite und konnte die Miete für meine Wohnung nicht bezahlen, in der das Wasser durch die Decke tropfte. «Angels» schrieben wir in meinem Schlafzimmer, als wir beide ziemlich verzweifelt waren. Ich glaube, man hört das dem Song und dem ersten Album an.

Wäre «Angels» auch für einen anderen Sänger ein Hit geworden? Das hängt davon ab, wer ihn gesungen hätte. Bei Beyoncé wäre es ein riesiger Hit geworden. Ich würde den Song liebend gern von ihr hören.

«She's the One» war ein weiterer früher Hit für Robbie Williams. Nicht aber für seinen Komponisten Karl Wallinger von World Party, bei dem Sie in den 80er-Jahren als Keyboarder gespielt und mit dem Sie auch ein paar Songs geschrieben hatten. Wallinger ist ebenfalls ein grossartiger Sänger, warum hat es bei ihm mit dem Song nicht geklappt? Karl hat in seiner Karriere ein paar Fehler gemacht. Er hat zu oft Nein gesagt. Entscheidend ist aber, dass seine Version des Songs (1997 auf «Egyptology» erschienen, Red.) wie ein Demo klingt.

Sie haben mit Robbie Williams den Song sozusagen vollstreckt? Genau. Robbie braucht einen grossen, voll ausgebauten, panoramischen Sound.

Warum? Weil er ein grosser Performer ist, und ich meine nicht nur seine Popularität. Er hat die Fähigkeit, ein Stadion klein wirken zu lassen. Also muss die Musik diese Grösse spiegeln. Robbie könnte auch allein mit einer akustischen Gitarre auftreten, aber er würde dabei durchdrehen. Er braucht Grösse um sich herum, Energie und Drama. In gewisser Weise ist er wie Elvis in seinen Jahren in Las Vegas, und tatsächlich werden wir auf unserer nächsten Tournee in diese Richtung gehen.

Was heisst das konkret? Las Vegas 1970.

Tages-Anzeiger

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