Bei Prince kam alles aus der Hüfte

Um zu verstehen, wen die Musikwelt verloren hat, genügt die Erinnerung an sein erstes und sein letztes Konzert, das er in der Schweiz gegeben hat.

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Er war doch so lebendig gewesen. Heiss und cool, sagte man bewundernd. Also zu jenen Temperaturen fähig, die sich alle erträumen in einer Kultur, die beides feiert. Und die er als einer der wenigen in sich vereinte. Mit seiner Persona, seiner Musik, seiner tanzenden Eleganz. Mit der Unabhängigkeit, die seine Karriere von Anfang an bestimmte. Mit seinen Auftritten, bei denen er die Hingabe besang, ohne je die Kontrolle abzugeben. Mit seiner Stimme, die zwischen Bariton und flehendem Falsett oszillierte. Mit seiner geschmeidig androgynen Männlichkeit, seinem Humor, seinem erotischen Charisma. Mit seiner Virtuosität an der Gitarre, aber auch an Keyboards, Bass und Schlagzeug – auf seinem ersten Album spielte er über zwei Dutzend Instrumente. Mit seinem Talent als Arrangeur und Bandleader, der wusste, was er wollte, und es von seinen Begleiterinnen und Begleitern mit diktatorischer Präsenz erwartete.

Ein kleiner Mann, ein grosser Musiker. Er hat über 100 Millionen Platten verkauft.

Keine Drogen, kein Alkohol

«Prince, Singular Music Star, Dies at 57» lakonisierte die «New York Times» am Donnerstagabend. Woran, warum, ist noch nicht klar. Die Rede geht von wochenlangen Fieberschüben, Präzisierungen stehen aus. Sowieso ist überhaupt nichts klar. Denn anders als so viele in der Branche hatte Prince kaum Drogen genommen, er rauchte nicht, trank nicht. Seine Räusche beschränkten sich auf Sex und Musik. Auf seinen besten Platten und bei seinen heftigsten Konzerten verschmolzen sie zu Synonymen. Nur wenige Entertainer haben so explizit von Sex gesungen, ohne je vulgär zu klingen.

Dass sich der Musiker, ein Vegetarier, zuletzt den Zeugen Jehovas zuwandte und angeblich vorhatte, die sündigen Songs seiner Jugend neu aufzunehmen, also ohne Unterleib, was gar nicht möglich war: Man konnte es nicht fassen. Und noch viel weniger seinen plötzlichen Tod. Prince Rogers Nelson, der Sänger, Songschreiber, Multiinstrumentalist, Elektroniker, Arrangeur, Produzent, Schauspieler, der die populäre Musik während Jahrzehnten mitbestimmte, ist am Donnerstag in Paisley Park gestorben, seinem Studio und Anwesen in Minneapolis, Minnesota.

Es gibt diese biografisch anmutenden Zeilen von ihm, vorgetragen auf der Single «When Doves Cry» aus «Purple Rain», dem Album und Film, die ihn 1984 zum Superstar machten. Damals klang der Song als eleganter Hit aus allen Radiostationen, im Rückblick vernimmt man vor allem die Trauer.

Seine Räusche beschränkten sich auf Sex und Musik.

How can you just leave me standing? Alone in a world that’s so cold? Maybe I’m just too demanding Maybe I’m just like my father too bold Maybe you’re just like my mother She’s never satisfied (She’s never satisfied) Why do we scream at each other This is what it sounds like when doves cry.

«Wie kannst du mich stehen lassen in einer so kalten Welt? Vielleicht bin ich zu fordernd, zu dreist wie mein Vater. Vielleicht bist du wie meine Mutter, die nie zufrieden war. Warum nur schreien wir uns an? So klingt es, wenn Tauben weinen»: Auf Deutsch tönt das klebrig, geradezu kitschig; aber wie er es im Original singt, von einer knappen, treibenden Instrumentierung begleitet, glaubt man ihm jedes Wort. Ausserdem nahm er das Stück ohne Basslinie auf – was für ein kühner Entscheid: eine Tanznummer ohne das Instrument, das den Unterleib steuert. Dabei kam alles bei ihm aus der Hüfte.

Prince wurde am 7. Juni 1958 in Minneapolis geboren, sein Vater war Pianist, seine Mutter Sängerin. Mit sieben Jahren komponierte der Sohn den ersten Song, spielte in mehreren Bands. Schon sein zweites, nach ihm benanntes Album wuchtete sich auf Platz vier der schwarzen Billboard-Charts. Wie auf allen seiner über drei Dutzend Platten wahrte Prince die Kontrolle über Songs, Instrumentierung und Arrangements – eine Freiheit, die nur die wenigsten Musiker verlangen und durchsetzen konnten. Auf den folgenden Platten festigte er seinen Stil: bald federleichten, dann wieder rüttelnden Funk, den er mit Versatzstücken aus Pop, Jazz, Soul und harten Rock verzierte, ohne seine Unverkennbarkeit aufzugeben.

Die Beliebigkeit siegt

Mit jedem Album wurde er besser, schrieb betörende Songs wie «Little Red Corvette», «1999» oder «When You Were Mine» und komponierte 1987 mit «Sign 0’ the Times» ein Doppelalbum, auf dem er alle seine Talente zur Geltung brachte. Weitere Platten folgten auf hohem Niveau, Tourneen auf der ganzen Welt, Kontroversen um seine Texte, die er geniesserisch ausreizte. Dann, plötzlich, kam die Karriere ins Stocken. Prince zerstritt sich mit Warner Brothers, der Firma, die ihn publiziert hatte. Er änderte zum Erstaunen aller seinen Namen zu «Love Symbol», schrieb «Slave» auf seine Wangen und machte sich auf, die Karriere ohne Plattengiganten weiterzutreiben.

Obwohl er unablässig neue Alben aufnahm, erreichte keines die Brillanz seiner früheren Werke. Und je mehr er von ihnen machte, desto weniger wurden sie beachtet. Dass er im Jahr 2000 seinen angestammten Namen zurücknahm, änderte nichts an der Einschätzung, dass ein grosser Künstler sich abhandenkam. Seine Platten verkamen, wie viele der Konzerte jener Zeit, zu einer hastigen Kollektion von Beliebigkeiten. Und keiner seiner Songs erreichte die kristalline, treibende Kraft seiner früheren Aufnahmen.

Um zu verstehen, wen die Musikwelt gestern verloren hat, genügt die Erinnerung an sein erstes und sein letztes Konzert, das er in der Schweiz gegeben hat. Das erste führte Prince 1987 im Zürcher Hallenstadion dreimal hintereinander auf, inspiriert von «Sign o’ the Times». «Wear peach or black», leitete er sein Publikum an, kommt in Schwarz oder Pfirsich. Die ganze Stadt sprach von diesen Konzerten, bei denen er sein Publikum mit einer Musik verzauberte, die seine Einflüsse zu einem multikulturellen Stil mitreissend legierten. Es war kein Konzert, es war eine Feier. Prince zitierte das neue Album und ergänzte es mit seinen schönsten Songs aus «Purple Rain», «Parade» und «1999». Er spielte auf dem Höhepunkt seines Könnens.

Er sang wie keiner sonst

Anders seine drei letzten Konzerte am Jazzfestival von Montreux, das war vor knapp drei Jahren. Die ersten beiden, von einer geschwätzigen, 19-köpfigen Bigband begleitet, erwiesen sich als einzige Enttäuschung. Der Bandleader kam mit einer Zuhälterbrille auf die Bühne und verlor sich in virtuoser Langeweile. Er wirkte desorientiert, seine Musik klang belanglos. Doch der dritte, von einem hart rockenden Frauentrio begleitete Auftritt geriet zum Triumph. Die Band begeisterte mit ihrem organischen Spiel, der Chef brillierte mit harten Nummern wie «Guitar», um sich dann hinters Keyboard zu setzen und im Balladentempo seine unerhörte Stimme vorzuführen. Man hörte Prince heraus in jedem Ton, hörte seinen Stil in jedem Genre, von Soul zu Gospel Rap und Pop. Er sang wie keiner sonst.

Was man von diesem Auftritt am besten behalten hat, weil es alles sagte, ist seine laszive Ansage nach ein paar Takten. Ob wir denn Rock ’n’ Roll mögen würden, fragte er. Die Menge raste. «I like Rock ’n’ Roll, too» sagte er dann: «Difference is, I like it funky.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2016, 22:50 Uhr

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