Aus Angst wird Hoffnung

Auf seinem neuen Album «Negro Swan» entwirft Dev Hynes als Blood Orange eine autobiografische Musik, die aus der Depression und Gewalt ans Licht führt.

Drohte lange Zeit sich in seinem musikalischen Alleskönnertum zu verlieren: Dev Hynes alias Blood Orange. Foto: PD

Drohte lange Zeit sich in seinem musikalischen Alleskönnertum zu verlieren: Dev Hynes alias Blood Orange. Foto: PD

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Die Fenster sind geöffnet, und die Sounds der Grossstadt wehen herein – Sirenen, vorbeidriftende Musik, Verkehrslärm. Als Hörer gehen wir dann rasch raus, steigen in ein heranfahrendes Auto ein, denn zu einladend ist dieser softe Soul, der nun erklingt. Doch bevor alles ins Gleiten und Cruisen kommt, alles Vergessen ist, entwickelt sich dieser elegante Song zum Klagelied, das von den Narben von früher erzählt, als der Sänger gequält und an den Boden gedrückt wurde. «First kiss was the floor», trauert Dev Hynes mit seiner Stimme in diesem Anfangsstück, das den Bogen aus seinem englischen Heimatdorf bis nach Orlando schlägt, wo vor zwei Jahren neunundvierzig Personen von einem Schwulenhasser erschossen wurden.

Puff Daddy zu Gast

Trauer und Gewalt: Das sind zwei Themen, die Hynes als Blood Orange auf seinem neuen Album «Negro Swan» verhandelt. Man hört Gunshots, die in der Rapgegenwart jeglichen Schockeffekt verloren haben – und die auf diesem so zärtlichen Album wieder alles zerreissen können. Man hört auch aufheulende Sirenen, und das erinnert dann an sein Vorgängeralbum «Freetown Sound», das gewissermassen seine Black-Lives-Matter-Platte war.

Der Clip zu «Charcoal Baby». Video: Youtube.

Im Unterschied zu «Freetown Sound», das auch eine Ode an die queere Ballroomkultur New Yorks war, geht es auf «Negro Swan» vor allem auch um den 32-jährigen Hynes, um seine Biografie, sein Dasein als schwarze schwule Person und wie man aus Angst und Depression Hoffnung schöpfen kann. «Negro Swan» ist nun aber nicht die Geschichte eines Solitärs – es geht auch um die Bildung einer solidarischen Community. Zumal Dev Hynes, der sich lange Zeit zu verlieren drohte in seinem musikalischen Alleskönnertum und erst in seiner Wahlheimat New York City als Blood Orange zu sich selber fand, längst eine begehrte Person im Popbusiness ist. So führen ihn Gaststimmen, von Puff Daddy bis Georgia Anne Muldrow, durch das Album. Sie ermutigen ihn auch, wie etwa die Transgender-Aktivistin Janet Mock, die ihm, der sich in der englischen Provinz so lange verleugnen musste, rät: «Stop performing!»

Die Gefahr, sich in all den Stimmen und Dialogen zu verlieren, die dieses collagenhafte und traumähnliche Album prägen, ist schon da. Das erinnert dann auch an das Meisterwerk «A Seat at the Table» von Solange Knowles, mit der Dev Hynes befreundet ist. Aber ehe man abhängt und die Fäden verliert, brilliert Blood Orange mit lockeren Popsongs. Diese finden die Erlösung nicht wie auf den Vorgängerplatten in der Disco, ja, sie suchen sie auch gar nicht, sondern möchten einfach Trost spenden. Da ist die hitzeverstimmte Gitarre in «Charcoal Baby», der Gang in die Gospelkirche in «Holy Will», oder das programmatische «Hope» mit dem unwahrscheinlichen Hoffnungsreferenten Puff Daddy. Hyne verwebt dies mit den Erinnerungen an die schwierige Jugendzeit und die Peiniger im Kaff Dagenham, vor denen er mit dem Skateboard fliehen wollte. Und wenn am Schluss das Sonnenlicht durchs Fenster in sein Studio strömt und Hynes Herz wieder leichter ist, dann ist kein Strassenlärm mehr zu hören. Sondern so etwas wie Frieden.

Blood Orange: Negro Swan (Domino/ Irascible)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 18:59 Uhr

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