Am Ende sind alle gleich, und zwar tot

«Das Schloss Dürande»: Das Berner Symphonieorchester präsentiert Othmar Schoecks Oper in einer entnazifizierten Fassung. Ein Triumph.

Besetzungszettel der Uraufführung an der Staatsoper Berlin, 1. April 1943.

Besetzungszettel der Uraufführung an der Staatsoper Berlin, 1. April 1943. Bild: zvg

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Noch bevor der erste spröde Ton erklingt, schnappt man nach Luft. Die Bühne des Stadttheaters ist ein orange ausgeleuchteter Glutofen. Das komplette Berner Symphonieorchester sitzt da drin. Gut neunzig Leute mit Instrumenten. Dazu der Chor von Konzert Theater Bern plus anderthalb Dutzend Vokalsolisten. Zwar singen Einzelne mehrere Rollen, doch eng ist es da oben trotzdem. Enger als im Graben jedenfalls, wo die Musik sonst spielt, wenn Oper auf dem Spielplan steht.

Der Mann konnte reimen. Aber ein Dichter war er nicht.

Also «Das Schloss Dürande» des Innerschweizer Komponisten Othmar Schoeck (1886–1957) – es basiert auf der gleichnamigen Novelle von Eichendorff. Seit der Uraufführung 1943 in Berlin gilt die Oper als historisch belastet und unaufführbar (mehr dazu im «Kleinen Bund»). In einem Berner Forschungsprojekt wurde das Libretto, das der Dichter Hermann Burte im Auftrag der Nationalsozialisten verfasst hatte, überarbeitet und im Sinne Eichendorffs zurückgedichtet.

Nonnen und Tonnen

Das war nötig. Dieser Burte konnte reimen. Aber ein Dichter war er nicht. Ein Beispiel? «Mitten im Feste / Trifft man das Beste. / Alles im Schwunge, Kinder und Junge, / Winzer und Nonnen, Kufen und Tonnen. / Aber wissen Sie: / Rücken und Knie, / Die wollen nie!» Das ist Burte-Sound original, so beschreibt er das Winzerfest. Diese Stelle hat der Autor Francesco Micieli durch das Gedicht «Eldorado» von Eichendorff ersetzt. Es beschreibt die gleiche Stimmung in poetischen Worten. Nämlich so: «Es ist von Klang und Düften / Ein wunderbarer Ort / Umrankt von stillen Klüften, / wir alle spielten dort.» Nebeneffekt ist, dass die Stelle auch flüssiger beim Singen wird.

Die Koproduktion der Hochschule der Künste mit Konzert Theater Bern setzt ein Zeichen. Der Erfolg der Premiere motiviert. Zwar gibt es Schoecks Oper vorerst nur halb. Das heisst, zu sehen gibt es nichts. Kein Bühnenbild, keine Kostüme, kein Rollenspiel. Dadurch wird das Verständnis der deutschsprachigen Handlung – trotz Übertitelung – erschwert. Wie intonations- und ausdruckssicher sich die Sängerinnen und Sänger durch das hochexpressive, zuweilen sperrige Text-Klang-Labyrinth schlagen, ist phänomenal. Auch der Chor (Leitung Zsolt Czetner) brilliert. Die Solisten sind vor dem Orchester platziert und singen ab Blatt. Da ist viel Forte, viel Steigerung. Intensität in jeder Klangfaser. Auch wenn man vom Inhalt nichts wüsste, könnte man darauf wetten, dass am Schluss der Abgrund wartet.

Diese Liebe ist echt

Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen dem jungen Grafen Armand (grossartig: Uwe Stickert) und der nicht adeligen Gabriele (innig: Sophie Gordeladze). Deren Bruder Renald (Robin Adams, stimmgewaltig, höchst expressiv) will die Verbindung verhindern. Wegen des Standesunterschieds sieht er die Ehre der Familie in Gefahr. Renald versorgt seine Schwester deshalb im Kloster (Priorin: Hilke Andersen), doch Gabriele flieht. Auf Schloss Dürande sehen der alte Graf (Andries Cloete) und seine Frau (Ludovica Bello) die Katastrophe kommen. Nur so viel: Die Liebe zwischen Armand und Gabriele ist echt. Renalds Rache aber auch. Das nützt aber niemandem. Am Ende sind alle gleich. Nämlich tot.

Bis es so weit ist, gibt es zerklüftete Klanggebirge, aus denen melodisches Material emporkeimt (Konzertmeister: Alexis Vincent). Dirigent Mario Venzago als Spezialist in Sachen Schoeck lotst das Orchester nuancenreich durch den Dschungel der Partitur. Geschickt setzt er Höhepunkte und stille Pausen. Das hilft, dass man ohne das Szenische die Orientierung nicht verliert. Da gibt es folkloristische Tableaus mit Winzern und Nonnen (2. Akt, etwas ermüdend). Im dritten Akt hört man hitzige Aufrührer, die herumballern (Marseillaise, Französische Revolution!). Brecht und Weill lassen grüssen.

Was für ein Blech!

Im Finale führt Schoeck die Erzählstränge zusammen. Technisch erspart er den Musikern nichts. Zuweilen erschrickt man über kühne Brüche. Über den Einsatz von gellendem Blech oder exotischem Schlagwerk, das die Rhythmen zum Hyperventilieren bringt. Auch der mürbe Klavierklang ohne orchestrales Drumherum fällt auf. Was bleibt, ist ein Triumph für alle Beteiligten. Und für Schoeck, dessen stigmatisierte Oper hier einen ersten Befreiungsschlag erlebt.

Wiederholung: Samstag, 19.30 Uhr, im Stadttheater Bern (Der Bund)

Erstellt: 01.06.2018, 19:10 Uhr

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