«1968 waren wir im Untergrund tätig»

Vor fünfzig Jahren hat der Berner Pianist und Komponist Urs Peter Schneider das Ensemble Neue Horizonte Bern gegründet.

«Kunst ist stets politisch, wenn sie das Politische nicht plakativ ausposaunt», sagt der Berner Musikforscher Urs Peter Schneider, hier in seinem Reich in Biel.

«Kunst ist stets politisch, wenn sie das Politische nicht plakativ ausposaunt», sagt der Berner Musikforscher Urs Peter Schneider, hier in seinem Reich in Biel. Bild: Adrian Moser

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Erinnern Sie sich noch an den Impuls, der 1968 zur Gründung des Ensembles Neue Horizonte Bern führte?
Sehr genau. Es war am Ufer des Bielersees, wo die Pianistin Erika Radermacher und ich im selben Moment aussprachen, es müsste ein Ensemble für noch ungehörte Musik in Bern geben.

Ungehörte Musik?
Das war damals auf dem kulturellen Holzboden praktisch alles seit Olivier Messiaen (1908–1992). Von allem Anfang an setzten wir uns für die Schweizer und die amerikanische Avantgarde ein, für die Jungen und Jüngsten, und immer wieder für unsere eigenen kompositorischen Findungen, die damals niemand spielte.

Verstanden Sie die Gründung des Ensembles auch als politischen Akt?
Es war ein künstlerischer und ein gesellschaftlicher Akt. Aber Kunst ist, wenn sie das Politische nicht unmittelbar und plakativ ausposaunt, stets politisch.

Wodurch?
Durch Sensibilisierung gegen Barbarei, Aufklärung gegen Dummheit, Disziplin gegen Schlamperei, Klarheit gegen Geistesverwirrung, Demut gegen Übertreibung. Reduktion gegen Aufgeblasenheit.

Wie war 1968 in Bern die Reaktion auf die neuen Töne?
Die musikalische Landschaft in Bern war damals zum Verwechseln ähnlich jener von x-beliebigen anderen Städten. Kultur in Bern war vorab Repräsentationsgehabe, käuflich, uninteressant. Im Bildnerischen hatte die Kunsthalle für erste Anregungen gesorgt. Ab 1970 arbeiteten wir mit dem Studio am Montag unter Norbert Klassen zusammen, bald auch mit Kirchen, die kulturell durstig waren. Es gab Tourneen in Italien und Deutschland. Bei einiger Provokation muss unsere Tätigkeit schon gewirkt haben. Wir waren 1968 in Berns Untergrund tätig. Die Konzerte fanden unter Tag, in Berns Kellern und im Radiostudio statt. Zahlenmässig war unser Erfolg nicht überwältigend. Ausstrahlung aber hatten die Konzerte schon.

Was ist denn heute noch neu an der sogenannt Neuen Musik?
Für mich nur das noch nicht Erforschte, noch nicht Gehörte. Dies aber auf einem Niveau, das Komponisten wie Anton Webern, Karlheinz Stockhausen oder John Cage definiert haben. Es ist ein hoher Anspruch, der für viele aber nicht wünschenswert zu sein scheint. Was mich fesselt an der Neuen Musik? Das Radikale, das an die Wurzeln, in die Tiefe geht. Meine Musik ist eine intellektuelle Zu-Mutung, die vom Publikum zuerst Arbeit einfordert, bevor sich Erkenntnis einstellt.

Ist es nicht frustrierend, dass neue Werke nach der Uraufführung wie Sternschnuppen verschwinden?
Einiges hat Bestand, anderes nicht. So ist das halt. Meine Werke, auch die frühen, werden immer wieder hervorgeholt. Vielleicht weil sie auf Wirkung, nicht auf Erfolg hin angelegt sind. Wie das andere Tonschöpfende sehen, weiss ich nicht, Urteile zur Jetztzeit sind unzuverlässig.

Man ist heute offener gegenüber Neuer Musik. Ist für Sie als bald achtzigjähriger Komponist dadurch das Leben einfacher geworden?
Ja und Nein. Die Betriebsamkeit hat, vor allem im Unterhaltenden und Populären, in erschreckendem Masse zugenommen. Simultan dazu ist auch die Gleichgültigkeit der Musikhörenden gewachsen. So bequem, wie heute Musik rezipiert wird, war es für mich nie.

Stimmt der Eindruck, dass die Neue Musik stark von Alphatieren, Ikonen und Gurus lebt, die den Kurs ihrer Ensembles bestimmen?
Ich bin keiner von denen, ich habe bloss die allermeisten Verantwortungen und Arbeiten übernommen, bis vor etwa zehn Jahren, als Neulinge nachrückten und Aktivitäten entfalteten. Als Professor musste und durfte ich Vorbild sein, als Künstler durchwegs ein Selbstbestimmender, Selbstbewusster.

Was war Ihnen denn wichtiger als Komponist, sich immer wieder neu zu erfinden oder zu einem persönlichen Stil zu finden?
Ich setze beim Komponieren immer neu an, weiss aber immer besser, was funktioniert, was kohärent, komplex und einfach zugleich ist. Ich überrasche gerne.

Mit Ihnen sind heute noch sechs Gründungsmitglieder des Ensembles Neue Horizonte Bern dabei. Wie haben Sie die Leute über ein halbes Jahrhundert zusammengehalten?
Durch allerlei Interessantes, Toleranz und Ehrlichkeit, durch Kompetenz. Ich bin ein sozial ausgerichteter Künstler.

Feiern Sie nun eher sich selbst als Ensemble oder das Publikum, das Ihnen während fünfzig Jahren die Treue gehalten hat?
Beiden sei gedankt. Beide verdienen Respekt und Zuneigung.

Gibt es eine besondere Anekdote aus den letzten fünfzig Jahren, die für Sie unvergesslich ist?
Kommen Sie mal an einem Abend in meine Küche, dann erzähle ich Ihnen bis zum Morgengrauen ganz viele Geschichten. Ich lebe gerne und finde auch im Alltäglichen laufend das Besondere.

Die vier Jubiläumskonzerte mit dem Ensemble Neue Horizonte Bern und Gästen finden in der Mittelschule NMS, Waisenhausplatz 29, Bern statt.

Samstag, 21. 4., 19 Uhr (Uraufführungen), 20.30 Uhr (Aus eigener Küche). – Sonntag, 22. 4., 19 Uhr (Amerikanische Avantgarde), 20.30 Uhr (Herzblut). www.enhb.ch (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:55 Uhr

Was war neu an der Neuen Musik?

Als eines der wichtigsten Avantgarde-Ensembles der Schweiz hat das Ensemble Neue Horizonte Bern im Bereich Neue Musik Pionierarbeit geleistet. Zum Beispiel da: Es erschloss das Repertoire neuester Musik und spielte bereits im öffentlichen Gründungskonzert vom 24. April 1968 im Radiostudio Bern Werke der amerikanischen Avantgardisten John Cage, Morton Feldman, Christian Wolff oder Earle Brown, Komponisten, deren Namen in Bern kaum bekannt waren.

Neu und provokativ war diese Musik, weil sie alle möglichen Formen des Konzertierens bis hin zur Auflösung üblicher Konzertrituale erprobte. Das Ensemble Neue Horizonte präsentierte sie nach Aufführungen in Bern auch europaweit. Auch das war neu: Von Anfang an suchte das Ensemble die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern anderer Sparten.

Die Spielerinnen und Spieler, die alle auch komponierend tätig sind, beherrschten neben ihren Hauptinstrumenten ein vielfältiges Instrumentarium an weiteren Klangquellen. Sie suchten nach neuen Arten der Klangerzeugung, nach der Unbegrenztheit der Musik und des freien Zusammenspiels. So fand auch mal ein Konzert statt, das bloss aus Spielanweisungen bestand, ohne Noten.

Das Berner Publikum reagierte schockiert, sah in dem Tun einen Verrat an der klassischen Musik und ihren Heiligen. Dabei wurde da im Sinne der amerikanischen Fluxus-Bewegung der 1960er-Jahre agiert. Mit Disziplin, Konzept und Improvisationsfreude. Realisiert wurde, was möglich war, für jene Zeit in Bern war das ein Novum.

Und auch da leistete das Ensemble Neue Horizonte Bern Pionierarbeit: Es lehrte durch «Komponierte Programme» die Kunst der Musikvermittlung, lange bevor das offiziell ein Thema wurde.

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