Poesie mit und ohne Absätze

In einem musikalisch-tänzerischen Bilderbogen präsentieren Flamencos en route in der Dampfzentrale eine Hommage an den Maler Joan Miró.

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Eigentlich hätte «à Miró» perfekt ins Zentrum Paul Klee gepasst. Denn Klees künstlerische Verwandtschaft mit dem spanischen Maler Joan Miró (1893–1983), dem die Tanzkompanie Flamencos en route ihre neuste Kreation widmet, ist augenfällig. Die abstrahierten Formenspiele, Linien, geschwungenen Silhouetten und bewegten Farbflächen – sie könnten auch einer Bildkomposition des Berner Malers entsprungen sein.

Das ist kein Zufall: Der vierzehn Jahre jüngere Miró und Paul Klee haben sich zwar nie persönlich getroffen, doch kurz bevor der katalanische Maler 1928 in Paris seinen Zyklus «Danseuses espagnoles» malte, lernte er da in einer Galerie Klees Bilder kennen. Sie sollen ihn fasziniert und nachhaltig beeinflusst haben. Nun hat der abstrakte Zyklus auch die Choreografin Brigitta Luisa Merki inspiriert. Nach «Ritual & Secreto» (2015) ist es die zweite Auseinandersetzung der Choreografin mit einem spanischen Maler.

Eine gute Wahl: Der Katalane und sein Werk geben so viel Stoff und Ansätze her, dass man sich darin verlieren könnte. Merki scheint sich der Gefahr bewusst gewesen zu sein. Sie eröffnet den Abend mit einer Einführung zu Leben und Werk des Künstlers, skizziert seine Verbindung zu den Dadaisten und den Surrealisten, erklärt, welche Rolle die französische Sprache und der Klang der Poesie in seinem Werk spielten. Und wieso in «à Miró» zwischen Perkussion (Raul Botella), Flamenco-Gitarren (Juan Gomez, Pascual de Lorca) und Gesang (Karima Nayt, Rocio Soto, Vicente Gelo) plötzlich ein Flügel auftaucht (vgl. Interview mit der Pianistin Isora Castilla in der «Berner Woche» vom 15. 12.).

In den Schuh gehaucht

So ausführlich wäre das nicht nötig gewesen. Wie Tanz und Musik endlich einsetzen, versteht man nämlich von selbst, worum es hier geht: um die Poesie, die entsteht, wenn sich die Künste aus ihren Gattungsgärtchen stehlen. Bei Merki wird der interdisziplinäre Mix zur stimmigen Poesie, die Sehnsüchte befriedigt und weckt. Auch weil sie hier mit und ohne Flamenco-Absätze funktioniert.

So lautlos kann Spanisches sein, dass man sogar die Nacht tropfen hört. Es sind «Les gouttes de la nuit», welche die aufgeraute Wunderstimme der algerischen Sängerin Karima Nayt zum Klavier beschwört, das wolkige Himmelstöne in hohe Lagen aquarelliert. «Allô Miró?», haucht Nayt in ihren roten Pumps. Wie ein altertümlicher Telefonhörer klebt das Schuhwerk an ihrem Ohr. Eine nette Idee, auch wenn sie der Logik entbehrt.

Die zweckentfremdeten Requisiten können aber mehr. Ein Tänzer zeichnet mit dem Absatz die Silhouette seiner Partnerin nach. Die zärtliche Geste macht ihren Torso zum Musikinstrument. Ihr elastischer Rücken verlängert sich zur Linie, zur Melodie im Raum. Das sind Flamenco-Wunder in Momentaufnahme: Während sich oben zehn Finger in luftige Zackenkronen kräuseln, arbeiten sich die Füsse am unteren Ende der athletischen Traumkörper mit gestochen scharfen Absatztrillern ins Tanzparkett. Musik, Tanz, Malerei, Poesie? Alles wird eins.

Die Nummern in zurückhaltenden Lichtwechseln erzeugen zwar weniger Sog als im Vorgängerstück «Ritual & Secreto». Dort hat man durch das Zusammenspiel von Farben und Licht-Schatten-Kontrasten die Umgebung vergessen. Am Schluss, wenn «à Miró» in ein rauschendes Accelerando mündet und Musik und Tanz in organischen Kreisbewegungen implodieren, wird der energetische Level auf der Bühne fühlbar höher. Auch im Publikum.

Haarfeine Flimmerklänge

Nicht nur die Musiker überzeugen durch ihre Intensität, sondern auch die drei Tänzerinnen und drei Tänzer. Einmal mehr hat Brigitta Luisa Merki ein virtuoses Ensemble aus Solisten um sich geschart, dessen Perfektion sich in subtilen Details offenbart: in den haarfeinen Flimmerklängen der Kastagnette, mit denen sich ein Tänzer selbst begleitet. Oder in den Pinselstrichen, wenn das Ensemble durch den Raum gleitet. Das Rot, Grün, Gelb, Blau und Schwarzweiss in Fächern und Kostümen sind Mirós Farb- und Formenpalette entsprungen. Auch den suggestiven Gedichten aus einer imaginären Welt, an denen der Maler seine Fantasie entzündete.

Zum Beispiel dem von Paul Eluard (das auch die Einladung ziert): Da baut ein scharlachroter Schmetterling im Décolleté einer Frau sein Nest, während diese über den blauen Ozean marschiert, um darin Mohn zu ziehen. Im O-Ton werden die Worte den Tänzern zwischen die Füsse gestreut. Die Beharrlichkeit, mit der Brigitta Luisa Merki am Thema Flamenco dranbleibt, ist bemerkenswert und gewinnbringend: Weil sie es immer wieder schafft, alte Formen mit neuen Inhalten zu beleben. Und umgekehrt. Warum also nicht Flamenco und Klee? Nach «à Miró» würde man ihr auch diesen Spagat zutrauen. Weitere Vorstellungen bis 30. Dezember, Dampfzentrale Bern (Der Bund)

Erstellt: 23.12.2016, 06:51 Uhr

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