«Patriotismus dominiert das Weltgeschehen»

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek sieht die Ursache rechtsextremer politischer Bewegungen im modernen Finanzkapitalismus.

«Ich habe allen Grund, Donald Trump weiterhin alles Gute zu wünschen», sagt Slavoj Žižek. Foto: Hannah Assouline (Laif)

«Ich habe allen Grund, Donald Trump weiterhin alles Gute zu wünschen», sagt Slavoj Žižek. Foto: Hannah Assouline (Laif)

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Sie verbanden mit der Wahl Donald Trumps die Hoffnung, dass sich die Linke erneuere. Tut sie das?
Es ist zu früh, dies zu beurteilen. Was man aber jetzt schon sagen kann: Das Verhalten der Demokratischen Partei der USA ist eine Tragödie.

Warum?
Anstatt gemeinsam gegen Donald Trump zu kämpfen, versuchen die Demokraten, die Situation zu renormalisieren – in der Hoffnung, nach acht Jahren wieder an die Macht zu kommen. Trump sei, so Nancy Pelosi, ein normales Phänomen wie Reagan oder Bush. Ihre Hauptaufgabe sehen die Demokraten nun darin, Bernie Sanders und seine Leute zu zerstören, um sich selbst in der politischen Mitte zu stabilisieren. Ich war der Meinung, dass diese Partei Trump ernster nehmen werde. Ich habe mich getäuscht und sehe in Frankreich einen ähnlichen Vorgang – mit umgekehrten Vorzeichen.

Was ist das Problem in Frankreich?
Natürlich bin ich gegen Marine Le Pen und nicht, wie jemand in Deutschland schrieb, «Le Pens nützlicher Idiot». Auch wenn Emmanuel Macron besser ist als Le Pen, müssen wir ihm gegenüber kritisch bleiben – auch wenn man dann als Faschist bezeichnet wird, der bloss Marine Le Pen unterstütze. Seien wir aber ehrlich: Emmanuel Macron ist das Establishment. Exakt jene Politik, für die Macron als Wirtschaftsminister unter François Hollande stand, hat Le Pen überhaupt erst ermöglicht.

Welche Politik meinen Sie konkret?
Die grosse europäische Finanzpolitik. Es gibt – und ich spreche hier nicht als ein durchgeknallter Marxist – einen gemeinsamen ökonomischen Common Sense: Die finanzpolitisch motivierte Strategie der Europäischen Union, von Draghi über Juncker bis zu Macron, besteht darin, die Ökonomie anzutreiben durch eine immer grössere Geldmenge. Anstatt das Geld in die Produktion oder in Arbeitsplätze zu investieren, fliesst es in neue fiktive Finanzprodukte. Das ist profitabler.

«Die Eigeninteressen der Länder stehen über allem»

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Der Umgang der EU mit Griechenland hat uns gezeigt, dass mit dem modernen Finanzkapitalismus etwas schiefläuft: Während die Produktion dort nach wie vor stagniert, boomt der Finanzmarkt – weil es rentabler ist, in Finanzanlagen zu investieren. Obwohl Europa unendlich viel Geld in die Wirtschaft steckt, bewegt sich nichts. Dafür sind Leute wie Draghi, Juncker und Macron verantwortlich. Ich habe persönlich nichts gegen Macron, aber die Politik, die er wie andere Neoliberale verfolgt, hat Europa in eine Blockade geführt. Marine Le Pen ist eine Reaktion darauf. Der Soziologe Didier Eribon hat das Ergebnis der Wahlen auf den Punkt gebracht: Eine Stimme für Le Pen war eine Stimme für Le Pen; eine Stimme für Macron war eine Stimme für Le Pen in fünf Jahren. Die gefährliche Botschaft des neuen französischen Präsidenten lautet: Nun können wir das alte Spiel weiterspielen.

Und welches Spiel spielt Trump? Auch wenn Donald Trump in den USA erfolgreich sein wird, was ich bezweifle, trägt seine Politik des Protektionismus die Zeichen der Vergangenheit. «America first» ist aber nicht allein: Es gibt «China first», «Turkey first», «India first». Diese Haltung wird von autori­tären und ethnozentrischen Regimes ­geteilt. Insofern ist der amerikanische Präsident nichts Besonderes – abge­sehen vom ­exzentrischen Benehmen und der Anti-Immigrations-Rhetorik. Waren früher die Menschenrechte eine ethische Grundhaltung – und zwar für Linke wie für Rechte –, stehen heute die Vergrösserung des Kapitals und die Eigen­interessen der Länder über allem. Der moderne globale Kapitalismus hat sich von der Einhaltung der Menschenrechte entkoppelt. Dieser Zynismus, kombiniert mit Patriotismus – «my ­country first» –, dominiert das Weltgeschehen.

Dabei sind die globalen Probleme doch nur global lösbar.
Ja, natürlich. Die drängenden Probleme der Gegenwart – Ökologie, Migration oder geistiges Eigentum – bekommt man nur transnational in den Griff. Darum bin ich auch gegen jene Linken, die glauben, sie auf lokaler oder nationaler Ebene lösen zu können. Das funktioniert nicht. Nur mit einem starken transnationalen Verbund lassen sich die destruktiven Kräfte des Kapitalismus eindämmen. Mit Trump, Erdogan und Putin erleben wir den Zynismus der Partikularinteressen. Deprimierend war für mich die Reaktion des Westens auf das Verfassungsreferendum in der Türkei. Man ist zwar gegen Erdogan, braucht aber einen starken Mann, um die Flüchtlinge fernzuhalten. Von solchen Widersprüchen nährt sich der Zynismus moderner Gesellschaften: Globalisierte Staaten achten darauf, dass es in ihren Grenzen einigermassen gerecht zugeht. Was anderswo passiert – etwa die Beschneidung von Frauen –, fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich von «my country first». Diesen Opportunismus verfolgt Trumps Politik.

«Ich sehe als radikaler Linker bei den Linken keinen Lösungsansatz.»

Hoffen Sie auf ein Impeachment?
Im Gegenteil: Ich fürchte ein Impeachment, weil dann Mike Pence zum Zug kommt – und das ist der wirklich Gefährliche in dieser konservativen Regierung. Auch wenn es zynisch klingen mag: Ich habe allen Grund, Donald Trump weiterhin alles Gute zu wünschen. International gesehen ist er wahrscheinlich sogar weniger gefährlich, als es Hillary Clinton gewesen wäre, weil er weniger inter­ventionistisch agiert.

Welche Rolle kann Europa heute übernehmen?
Europa ist wichtig, weil es für ethische Werte einsteht. Bei aller Kritik muss man festhalten, dass Europa die grossen Ideen der Menschheit wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Agenda der Weltgeschichte gesetzt hat. Diese allgemein gültigen Werte können nicht reduziert werden auf eine besondere Herkunft, Identität oder ethnische oder religiöse Zugehörigkeit. Wir alle sind universelle Wesen mit bestimmten, nicht veräusserbaren Rechten. Das ist eine Idee der europäischen Aufklärung. Dass diese Botschaft der Universalität heutzutage zunehmend ignoriert wird, erschreckt mich und ist traurig, weil wir einen neuen Universalismus brauchen.

Trotzdem kritisieren Sie immer wieder die Europäische Union.
Ich kritisiere die Eliten in Brüssel nicht, weil sie Eliten sind, sondern weil sie nicht gut sind. Es geht mir nicht darum, Eliten abzuschaffen, aber wir brauchen effiziente und kompetente Eliten. Trotz der gegenwärtig schlechten Verfassung lohnt es sich, für die Idee der Europäischen Union zu kämpfen: Sie bietet in der globalisierten kapitalistischen Welt das einzige Modell, das über die Autorität verfügt, nationale Souveränität zu begrenzen und ökologische und sozialstaatliche Standards zu garantieren.

Und wo bleibt dabei die Linke?
Ja, was macht in Krisenzeiten wie diesen die europäische Linke, ausser Phrasen zu dreschen wie etwa die, dass wir unsere Herzen den Immigranten öffnen sollen? Biogenetik, um nur ein Beispiel zu nennen, ändert völlig die Definition dessen, was wir unter dem Begriff Mensch bis anhin verstanden haben. Das 20. Jahrhundert ist endgültig passé und damit auch dessen Lösungen. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass die alten Kommunisten, die immer noch an der Macht sind wie in China, heute die effizientesten Manager des Kapitalismus sind. Wir müssen den Kapitalismus im globalen Zeitalter ganz neu erfinden. Bloss sehe ich als radikaler Linker bei den Linken keinen Lösungsansatz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2017, 18:06 Uhr

Slavoj Žižek

Politischer Philosoph

Slavoj Žižek, geboren 1949 in Ljublijana, ist ein weltweit gefragter Interviewpartner. Wie kein zweiter Philosoph versteht er es, Trivial- und Hochkultur miteinander zu verknüpfen. Der rastlose Querdenker unterrichtet an verschiedenen Universitäten. (kal)

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