Zum Hauptinhalt springen

Patriotische Jubelposen

Auch «Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury lässt der Doppeladler keine Ruhe.

Haben Sie das gewusst? Blinde Sportler zeigen ihren Stolz oder ihre Enttäuschung mit den gleichen Gesten wie sehende Athleten. Obwohl Menschen, die von Geburt an blind sind, noch nie eine Siegerpose gesehen haben, reissen sie nach einem Sieg genau wie Sehende ihre Arme in die Höhe. Auch die Enttäuschung nach einer Niederlage zeigen sie ähnlich wie ihre sehenden Sportlerkollegen. Das haben kanadische Forscher herausgefunden. Es deute darauf hin, dass der Ausdruck von Stolz oder von Scham nicht durch Nachahmen erlernt werde, sondern angeboren sei.

Nun sind Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri unseres Wissens nicht blind; allerdings könnte die bescheidene Leistung der beiden selbst ernannten Häuptlinge der Schweizer Fussballnati im Achtelfinal gegen Schweden auf eine bisher nicht diagnostizierte Sehschwäche hindeuten. War also ihre Doppeladler-Jubelgeste im Spiel gegen Serbien angeboren – und sind die zwei Spieler damit gleichsam aus evolutionären Gründen entschuldigt?

Es soll ja Leute geben, die keinen Doppeladler gesehen haben, sondern zwei im Liebesspiel verhakte Friedenstauben. Wieder andere, historisch bewanderte Zeitgenossen verwiesen darauf, dass der Doppeladler als Wappentier auch in Serbien weit verbreitet ist – und in Polen und in Russland und in vielen deutschen Städten und überhaupt bei den Habsburgern allgegenwärtig. Eine universelle, völkerverbindende Geste also. Die Schönheit oder die Provokation einer Geste liegt halt im Auge des Betrachters.

Ein gewisses Verständnis für Xhaka und Shaqiri zeigte Christoph Blocher im hauseigenen TV-Sender. Eingebürgerte seien eben in der Regel noch keine Schweizer: «Sie sind in der Seele getroffen, weil sie eben auch Albaner sind.» Granit Xhaka will ja bekanntlich Stephan Lichtsteiner dereinst als Kapitän beerben. Deshalb hat er angefangen, die Nationalhymne zu singen. «Es wurde endlich Zeit für diesen Schritt», liess er sich vor der WM zitieren. Er markierte quasi das Bindeglied zwischen den Secondos rechts von ihm, die nicht singen, und den Ur-Eidgenossen um Lichtsteiner, die singen. Xhaka versuchte es zumindest, ganz vorsichtig öffnete er den Mund, die Lippen bewegten sich wie in Zeitlupe. Aber er hat es immerhin probiert.

Jetzt muss ich doch noch etwas zu Lichtsteiner sagen. Der Mann aus Adligenswil mahnte vor nicht allzu langer Zeit in einem Interview, eine Identifikation mit der Nati würde immer schwieriger, wenn nur noch Secondos für die Schweiz aufliefen. Und nun hat ausgerechnet diese Lichtgestalt von steinerner Willenskraft aus Solidarität ebenfalls den Doppeladler gemacht im Spiel gegen Serbien. Erstaunlich, aber bei ihm die Frucht von vielem Nachdenken und Gesprächen mit den Vätern von Xhaka und Shaqiri.

Was die Fernsehbilder nicht eingefangen haben im Spiel gegen Serbien, war der mühevolle Weg, den Lichtsteiner bis zur formvollendeten Doppeladler-Geste zurücklegen musste. Lange schaute er auf seine Handrücken, drehte die Hände und suchte einen Einstieg für seine zwei Daumen. Es dauerte dann nach der Wiederaufnahme des Spiels nochmals einige Minuten, bis Lichtsteiner sich der Geste wieder entledigt hatte.

Aber bleiben wir positiv. Im Spiel gegen Costa Rica war es Blerim Dzemaili, auch er kosovarischer Herkunft, der die richtige Antwort lieferte. Nach seinem Tor riss er den Arm mit abgespreiztem Daumen und Zeigefinger in die Höhe. Der eidgenössische Schwur! Zweifellos angeboren. Gut, er vergass den Mittelfinger für den perfekten Rütlischwur. Oder war es doch nur ein L, um die Gegner als Loser, als Verlierer zu verspotten? Oder war es nochmals anders: Stand das L für den Vornamen seines Sohnes? Es ist alles so kompliziert. Lasst uns doch einfach nicht mehr jubeln nach Toren, sondern einander freudig die Hände schütteln. Aber eben, das ist nicht angeboren.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch