«Paris ist nicht ihre Stadt»

Der Soziologe Franz Schultheis sieht die Attentate von Paris als Zeichen einer gespaltenen Gesellschaft: Der privilegierten städtischen Jugend stehen die Bewohner der Banlieues gegenüber.

Nicht weit weg , aber trotzdem in einer anderen Welt: Der Pariser Vorort Clichy-sous-Bois. Foto: Pierre Terdjam (NYT, Redux, Laif)

Nicht weit weg , aber trotzdem in einer anderen Welt: Der Pariser Vorort Clichy-sous-Bois. Foto: Pierre Terdjam (NYT, Redux, Laif)

Unter welchen Umständen haben Sie von den Anschlägen erfahren?
Ich kam gerade aus Paris zurück. Noch am Nachmittag sass ich in der Rue de Charonne, wo einer der Anschläge verübt wurde. Da sah ich fröhliche Menschen, die in den Cafés sassen, rauchten. Was man dann im Fernsehen sieht, steht in riesigem Kontrast dazu.

Danach ging Ihr Soziologenhirn an?
Erst später, aber eher in Sorge um die Konsequenzen. Zunächst in Frankreich: Das Leben in Paris wird nicht mehr so sein wie vorher. Die Leute haben Angst. Man hat ja gesehen, dass es überall und jedem passieren kann. Man muss in Zukunft mit panikartigen Reaktionen rechnen, wann immer jemand «Vorsicht!» ruft. Die Menschen sind desorientiert, es hat kollektive pathologische Folgen für das Selbstgefühl einer Stadt.

Und die Diagnose? Einige der Täter kommen aus den Banlieues von Paris und Brüssel.
Man soll nicht zu schnell Kausalitäten herstellen. Aber es stimmt, die Täter lebten auch in Banlieues. Sie gehören zur Gruppe der jungen arabischstämmigen Franzosen, von denen es in den Gürteln rund um Paris, Lyon und Marseille rund 1,5 Millionen gibt und die oft unter prekären Bedingungen leben. Da in den Banlieues auch wegen des soziokulturellen Hintergrunds die Geburtenrate deutlich höher ist, hat sich die Zahl gerade der jungen Bewohner stark erhöht.

"In den Banlieues gibt es 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, eine verlorene Generation, die kaum Zukunftsaussichten hat."

Sehen Sie eine Beziehung zwischen dieser Lebenswelt und dem Terror?
Man kann mit aller Vorsicht Beziehungen herstellen. Es gibt eine Form sozialer Exklusion, die sich mit anderen Phänomenen verbindet. In den Banlieues haben wir zum einen den ethnisch-religiösen Aspekt, auch wenn der Islam in Frankreich stark säkularisiert ist. Dieser wird überlagert von sozialen Problemen: In den Banlieues gibt es 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, eine verlorene Generation, die kaum Zukunftsaussichten hat. Auch wenn die jungen Leute nicht weit weg sind von Paris, denken sie, sie gehören nicht dazu. Damit entsteht eine mehrfache Ausgrenzung, die enorme Ressentiments und Hass auf ein Land hervorruft, das einem Bildung und Chancengleichheit verspricht. Das führt zu extremen Spannungen. Aber sie sind noch keine kausale Bedingung, die solche Attentate erklären würde.

Was kommt sonst noch dazu?
Viele arabischstämmige Franzosen denken, sie seien Bürger zweiter Klasse. Es gibt also zunächst eine Art unstrukturiertes Protoplasma aus Hass und Frustration. Ein Amalgam aus negativen Gefühlen, dem die Konsumgesellschaft, die goldene Jugend mit ihren Privilegien, gegenübersteht. Dieses Amalgam hat aber noch keine Richtung. Aber nun gibt es plötzlich eine Konjunktur, in der sich die Weltpolitik verschiebt. Wenn sich der Islamische Staat territorial etabliert, bietet er an, dass es etwas gibt, was die Ausgeschlossenen vereint: den Hass auf den Westen. Und den Willen, eine gottgefällige Gesellschaft herzustellen. Bildlich gesprochen: Man hat das Erdöl, aber noch keine Pipeline. Doch nun ist die Pipeline gebaut. Dann legen falsche Propheten den Koran nach Lust und Laune aus. Und obwohl viele den Koran nicht lesen und den Islam nicht praktizieren, ist das Balsam für ihr Selbstverhältnis. Sie kriegen wieder eine Perspektive.

Eine ideologische Perspektive.
Es ist eine Umkehrung der Werte. Man kriegt plötzlich erzählt, dass das eigene Problem gar nicht das eigene ist. Man bekommt gesagt: «Diese Menschen, diese Götzendiener der niedrigen Ge­sinnung, die wollen behaupten, dass wir nichts taugen? Ich sage euch: Es ist ­umgekehrt, wir sind gottgefällig und müssen unserer Botschaft Recht verschaffen, notfalls mit Waffengewalt.» Der Jihadismus bietet ja eine religiös-ideologische Rechtfertigung für Gewalt. Dafür ist es nicht nötig, dass man bereits religiös ist. Man wird vielmehr aufgehetzt und findet Kampfgenossen. Am Schluss entsteht etwas, das dem anfänglichen Gefühlsamalgam völlig fremd ist.

«Es ist eine virile Kultur, und sie kann miterklären, dass es einen Hass auf die privilegierten Weissen in der Stadt gibt.»

Gibt es eine jihadistische Jugendkultur?
In der Banlieue zumindest gibt es spezifische Jugendkulturen. Dazu gehören eine eigene Form von Coolness und Widerstand, Schulverweigerung, Klein­kriminalität und eine gewisse Alltags­gewalt. Es zählt auch das Prinzip der Ehre, man senkt den Blick nicht. Es ist eine virile Kultur, und sie kann miterklären, dass es einen Hass auf die privilegierten Weissen in der Stadt gibt.

Im Konzertlokal Bataclan haben 28-jährige Jihadisten auf gleichaltrige Besucher geschossen. Kommt also eine Form von Pathologie hinzu? Die Lust am Töten?
Die Attentäter in Paris haben dort angegriffen, wo es am meisten wehtut. Sie haben junge Leute getötet, die jemandes Kinder sind. Das Bataclan war für sie ein abschreckendes Beispiel von Zügellosigkeit und Gottferne. Es war ein Angriff auf die Konsumgesellschaft und die «jeunesse dorée». Die Attentäter vertreten dagegen den neuen Heroismus und den Heiligen Krieg. Sie üben ihre Mission aus, anscheinend ohne jeden Skrupel. Das erfordert eine Hirnwäsche, die man nur über längere Zeit anstellen kann und Menschen, die dafür empfänglich sind. Die allermeisten sind es ja nicht. Aber jene, die es sind, können so das eigene Ressentiment mit einer Weltanschauung aufladen.

Aber glauben Jihadisten, was sie angeblich glauben? Sind das nicht eher junge Männer, die wissen, dass Leute Angst bekommen, wenn man «Gott ist gross» ruft? Dass sie jemand werden, wenn sie andere töten und dann sich selbst? Jemand sind, sobald sie nicht mehr sind?
Wichtig ist, dass im Fall des Jihadismus die Kette hin zur Realisierung und zum Massaker sozial organisiert wird. Man steht nicht allein, man gehört zu einer Armee – in Frankreich redet man ja jetzt von einem Akt des Krieges. Nur durch die soziale Organisation entsteht die Überzeugung in den Köpfen, dass die Menschen, die man tötet, unwürdig sind und vernichtet werden müssen.

Denken Sie, die Täter hätten im Bataclan eigentlich gern mitgetanzt – man liess sie einfach nicht?
Ich glaube schon. Die Menschen in den Banlieues denken nicht, dass Paris ihre Stadt ist. Man hat dort kein «droit de cité». Mit der RER ist man zwar in einer Dreiviertelstunde beim Eiffelturm, aber was soll man da? Stets ist diese Identität negativ definiert. Ressentiments entstehen aus Erniedrigung und Entehrung. Man fühlt sich ausgegrenzt und sagt sich irgendwann: Ich will ja gar nicht dazugehören. Es ist ein völlig normaler Wunsch, sich zu integrieren. Gerade in der Banlieue wird dieser Wunsch mit der Zeit aber frustriert. So entsteht eine gespaltene Gesellschaft. Und die Leute beginnen, Gründe zu suchen, warum sie nicht dazugehören wollen.

Sie wollen aber kaum im Kalifat leben?
Wer will im Kalifat leben, wenn man in Frankreich leben kann? Aber aus Sicht der Jihadisten ist man in Frankreich einfach Underdog, im Kalifat dagegen Gotteskrieger. Das hat aber keine geografische Gestalt, also kann man es auch auf Paris ausdehnen. Und behaupten, es gebe einen Kampf der Zivilisationen, hier jene der Dekadenz und dort jene der Wahrheit.

Ist das eine Strategie der extremen Polarisierung? Während sich Europa noch mit den feinen Unterschieden aufhält, sagen die Jihadisten: Es gibt nur uns und euch.
Was ist der wahnsinnige Sinn des Terrors? Er nährt sich vom Gefühl, in der gespaltenen Gesellschaft auf der falschen Seite zu leben – und macht diese Spaltung klar sichtbar. Dadurch aber wird sie erst recht tiefer. Die fatale Strategie besteht darin, einen existierenden Grundkonflikt zum Krieg auszuweiten und welthistorisch als Clash der Zivilisationen zu denken. Von diesem Clash kann man sagen, man habe ihn schon im Kleinen in der Banlieue. Die eigene kleine Misere gewinnt dadurch welthistorischen Sinn. Sie wird exemplarisch für alle Widersprüche der Welt.

Nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» gab es Stimmen, die ein gewisses Verständnis für den Zorn der Attentäter geäussert haben, dabei waren das schon damals Mörder mit irrer Ideologie. Jetzt ist ja nur die Mission eine andere.
Die Karikaturen in «Charlie Hebdo» haben sicher provoziert, was überhaupt keine Entschuldigung ist. Aber sie waren ein Auslöser. Der Anschlag vom letzten Freitag scheint mir viel schlimmer, radikaler. Es ist ein Angriff auf die ganze ­Gesellschaft. Vor allem auf junge Leute, mit denen sich die Attentäter eigentlich solidarisieren müssten.

Es gibt Anzeichen, dass einer der Attentäter mit Flüchtlingen aus Syrien eingereist ist. Kann man in einem solchen Durcheinander das Ganze überhaupt noch denken?
Man will ja verstehen, wie Menschen auf unmenschliche Art handeln. Ich denke, es handelt sich um eine Sozialpathologie, es geht um kollektive Befindlichkeiten. Aber solche Diagnosen sind zum Teil auch nur der Versuch, die eigene Hilflosigkeit zu exorzieren, wenn man vor dem Unaussprechlichen steht. Wir haben heute ein doppeltes Chaos: einerseits die Opfer des Krieges und andererseits die Eingeweihten des IS. Beide kommen nach Europa: die einen auf der Flucht, die anderen in Mission. Die Anschläge von Paris haben insofern eine Radikalisierung des Zweifels bewirkt. Man fragt sich jetzt, ob man zu naiv war, als man die Flüchtlinge willkommen geheissen hat. Aber das Schlimmste wäre, wenn sich nun jene durchsetzen können, die Angst vor Migranten schüren.

Sind die Attacken ein Fanal für das Leben in Paris?
Es ist ein kollektives Trauma. Es braucht eine lange Aufarbeitung, bis sich wieder etwas normalisiert, ohne dass es danach so wäre wie zuvor. Es wird Veränderungen im Tagesablauf geben: Man wird Kinder nicht mehr unbesorgt rauslaufen lassen, nicht mehr unbeschwert auf einer Terrasse sitzen. All das bleibt überschattet. Wenn Terrorismus das Ziel hat, Ordnung zu zerstören und Drohung auf Dauer zu erstellen, dann haben die ­Täter von Paris das geschafft.

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