Open-Air-Aerobic-Club Gurten

Im zweiten Teil unserer musikalischen Berichterstattung vom 35. Gurtenfestival spielen Charmebolzen, aufblasbare Rollatoren, exotische Haustiere, Kreischlevel und Ironielosigkeit eine Rolle. Und natürlich auch die Musik.

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«Leute, die alles können, gehen mir auf den Sack», grummelt ein Festivalbesucher beim Konzert von Angus & Julia Stone in seinen Bart, als Frau Stone zum Bass greift, nachdem sie vorher schon Gitarre und Trompete bedient und mit tadelloser Singstimme aufgewartet hat. Die australische Multiinstrumentalistin steht am Freitagnachmittag zusammen mit ihrem Bruder Angus und zugehöriger Band auf der Hauptbühne des Gurtenfestivals und bietet Folksongs dar, die durchaus gefallen.

Es ist, als würde sich ein wohlig warmer Retro-Sepia-Filter über die noch spärlich bevölkerte Gurtenwiese legen, sobald Angus & Julia Stone ihr Konzert beginnen. Mal filigran-akustisch, mal neo-noir-rockig wird da mit klassischer Rockbandbesetzung inklusive Geige, Banjo und Bontempi-Orgel agiert und der perfekte Soundtrack für ein Publikum geliefert, das um diese Uhrzeit teilweise noch den Zweitageskater miauen hören dürfte.

Auf der Zeltbühne hat sich derweilen eine norwegische Dame namens Aurora in Position gebracht, deren Schaffen in der internationalen Musikpresse auch schon mit demjenigen von Björk verglichen wurde. Der Vergleich lässt sich allerdings höchstens aus ähnlich stimmlichem Timbre und gemeinsamem Hang zu ausgefallener Garderobe herleiten.

Während Björk gerne in unerwartete musikalische Gefilde mäandert, sind Auroras Songs alle nach ähnlichem Grundprinzip gestrickt: Die Band zimmert einen epischen Bombast-Teppich, der in den besten Momenten an verschleppten Trip-Hop erinnert, worüber die 22-Jährige mit glockenheller, kindlich-ätherischer Stimme lange Melodiebögen beisteuert. Auf Dauer ist das musikalische Strickmuster dann doch zu absehbar. Da helfen selbst Auroras Ausführungen über ihr Haustier nichts, ein grüner pelziger Algenball, der gerne ab und an ein bisschen Zeit im Kühlschrank verbringe.

Diametral anders geht es derweilen vor der Waldbühne zu und her, wo die Männerriege von Churchill gerade die Gelüste einer Metzgerstocher besingen. Der Publikumsaufmarsch ist beachtlich, und es ist offenkundig, dass man dem Mundart-Rap der Lokalmatadoren durchaus zugetan ist. Ausgelassen-euphorische Festivalstimmung will aber trotzdem nicht so richtig aufkommen, stattdessen macht in den hinteren Zuschauerreihen ein aufblasbarer Rollator die Runde.

An der musikalischen Darbietung der neunköpfigen Churchhill-Truppe lässt sich die Trägheit des Publikums nicht festmachen, denn die Band inklusive Bläser groovt solide mit Abstecher in Funk, Reggae und Rock, und auch die beiden Herren an den Sprechgesangsmikrofonen verrichten einwandfreie Arbeit. Ist also die Hitze schuld? Zollt die Produktion grüner Rauchschwaden ihren Tribut? Oder sind die Herren Churchill mit ihrer Hip-Hop-Auslegung, welche an den Berner Rap der 90er-Jahre erinnert, mittlerweile doch zu old-school für die Gurtenjugend?

Mit Kraftklub auf Nummer sicher

Was Alt-J dann zum Sonnenuntergang auf der Hauptbühne fabrizieren, ist eine veritable Zumutung. Eine Zumutung im positiven Sinne, wohlbemerkt. Beim Trio aus dem englischen Leeds ist der Name Programm. Drückt man auf einer Mac-Tastatur die Tastenkombination Alt-J, wird das Delta-Zeichen dargestellt, welches in der Mathematik für Differenz steht. Und genau das machen Alt-J an diesem Abend aus: den Unterschied. Das musikalische Schaffen der drei Herren verweigert sich eindeutiger Klassifizierung. Mal klingt im alternativen Rockgerüst pinkfloydeske Psychedelic an, worüber Joe Newmann eine Kopfstimme beisteuert, welche an die Bee Gees erinnert, dann fährt das Trio harte Gitarren-Abnick-Riffs mit viel Wumms, paart Chorales mit hypnotisch-repetitiv flirrenden Keyboard-Parts, baut cinematische Harmonien, bricht diese und irritiert grundsätzlich mit unerwarteten Song-Arrangements. Mit ihrer Experimentierfreude gehören Alt-J zum Spannendsten, was der Gurtenfreitag zu bieten hat, und strafen all diejenigen Lügen, welche der Booking-Abteilung auch schon mal fehlenden Mut bei der Wahl der Bands vorgeworfen haben.

Auf Nummer sicher geht man als Veranstalter dann wiederum, wenn man den Namen Kraftklub auf dem Programm stehen hat. Wenn jemand weiss, wie eine anständige Tanzparty vom Zaun gerissen wird, dann die Mannschaft aus dem ostdeutschen Chemnitz. Vom ersten Gitarrenton an verwandeln Kraftklub den Gurten mit ihrem treibenden Gute-Laune-Punkrock-Rap in ein veritables Open-Air-Aerobic-Studio. Optisch mehr Mods als Punkrocker, ausgestattet mit identischen Poloshirts und roten Hosenträgern, brettern Kraftklub stramm und straff durch ihr Set. Felix Brummer, seines Zeichens zuständig für Vorturnen, Animation und modulationsarmen, aber energetischen Sprechgesang, legt eine beneidenswerte Kondition an den Tag, ebenso wie die 30 jugendlichen Tänzerinnen, die Street-Dance-Choreografien beisteuern.

Sympathisch an Kraftklub ist, dass immer wieder sozialkritische Anliegen durchschimmern.Gisela Feuz

Sympathisch an Kraftklub ist, dass in ihrem manchmal doch etwas arg prolligen Partyalarm («wir trinken W-O-D-K-A, schmeisst eure BHs») immer wieder auch ernsthafte, sozialkritische Anliegen durchschimmern, etwa wenn sie Wutbürgertum oder Fremdenfeindlichkeit anprangern. Tatsächlich sind sie veritable Charmebolzen, die Rabauken aus Chemnitz, weil sie die richtige Balance finden zwischen Grössenwahn, Selbstironie und Ernsthaftigkeit. Und wer sein Konzert mit einem Crowdsurfing-Wettbewerb sämtlicher Bandmitglieder abschliesst, hat bei einem Festivalpublikum sowieso schon gewonnen.

«Wo sind die Hände, Schweiz?»

Am Samstag weht auf der Hauptbühne dann ein anderes Lüftchen, ein testosterongeschwängertes. Der österreichische Rapper und Produzent RAF Camora und der in Hamburg geborene Bonez MC markieren in genretypischer Sportbekleidung die harten Gangster und fordern «die Schweiz» praktisch ununterbrochen dazu auf, die Hände zu heben.

Die Mischung aus Südseeinsel-Dancehall, schnellem Grossstadtdschungel-Rap, Afro-Trap und süffigen Pop-Hooks, welche die zwei in Zusammenarbeit mit DJ, Gitarrist und Schlagzeuger fabrizieren, kommt dermassen breit und fett daher, dass sich die Weichteile einer ordentlichen Massage erfreuen dürfen. Die Beats und Samples der Herren Bonez MC & RAF Camora erweisen sich als unerwartet spannende Angelegenheit, irritierend ist allerdings, dass die beiden ihre Gangster-Attitüde ohne auch nur einen Funken Selbstironie zelebrieren und sich in ihren Texten tumber, stumpfer und frauenfeindlicher Klischees bedienen.

Das wahrscheinlich lauteste Konzert am diesjährigen Gurtenfestival dürfte dasjenige von Wincent Weiss sein. Zumindest am Anfang. Offenbar haben sich bereits 10 Stunden (!) vor Konzertbeginn einige blutjunge, weibliche Fans direkt vor der Zeltbühne platziert, um beim Auftritt des 24-jährigen Mädchenschwarms diesem so nah als möglich sein zu können. Entsprechend hoch ist denn auch der Kreischlevel, als der Vorzeige-Schwiegersohn die Bühne betritt.

Musikalisch Berichtenswertes gibt es wenig zu vermelden, denn «Doppel-W» rudert gerne in den seichten Gewässern des Schmusepoprocks und manövriert sich dabei manchmal gefährlich nahe an helenefischereske Abgründe. Aufhorchen tut man höchstens, als die Gitarre das Intro von Eminems «Lose Yourself» anzustimmen scheint. Nur leider will sich dann keine wagemutige Coverversion daraus entwickeln, sondern die dreist geklauten Riffs münden in einem weiteren Schmachtfetzen.

Dass Popmusik auch anders gehen kann, macht im Anschluss Karen Marie Ørsted alias MØ klar. Das Kerngeschäft der Dame aus Dänemark ist eine Art verträumte elektronische Tanzmusik, hergestellt aus Beats, Bläser- und anderen Sampels, Schlagzeug und Gitarre. Der Körpereinsatz, den MØ auf der Bühne leistet, ist staunenswert. Der Mythos besagt, dass sie in ihrer Jugend ein grosser Spice-Girl-Fan gewesen sei, wobei Sporty Spice wahrscheinlich den bleibendsten Eindruck hinterlassen haben dürfte. MØs Tanzstil ist wild und unkontrolliert, sie gestikuliert gerne theatralisch, lässt sich auf die Knie fallen, boxt und hüpft, dass es eine wahre Freude ist. Ähnlich ruhelos ist auch ihr stimmlicher Einsatz. Mal schraubt sie ihre Stimme über schleppende Beats in luftige Höhen, dann wieder klingt das Organ der Madame MØ sympathisch rau. Es ist eine eigentümliche Elektro-Pop-Mischung, welche MØ mit ihrer dreiköpfigen Mannschaft produziert, eine Mischung, die beim Gurtenpublikum durchaus Anklang findet.

Ob Petrus vom Vortrag der Madame MØ weniger angetan war und deswegen gegen Ende ihres Konzertes die Regenschleusen öffnete, was die Schreiberin schlotternd auf den Heimweg schickte, hat sich bis Redaktionsschluss nicht ermitteln lassen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.07.2018, 14:37 Uhr

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Das waren die Eindrücke auf dem Gurten Das 35. Gurtenfestival war wohl ein Erfolg. Auch die Änderungen führten zu Verbesserungen.

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